Kultur
12.05.2017

Chaplins Sohn ist ein anderer

Der Sohn des berühmten Charlie Chaplin ist Musiker – und heute in Wien.

"In der Musik-Szene macht es keinen Unterschied. Aber als Schauspieler habe ich gespürt, dass wegen meiner Herkunft viele Türen entweder auf- oder zugingen und immer sehr, sehr viel von mir erwartet wurde."

Die hohen Erwartungen an den Schauspieler Christopher Chaplin sind kein Wunder. Der 54-Jährige ist der jüngste Sohn von Charlie Chaplin. Doch vor einigen Jahren sattelte er um und veröffentlichte 2016 das erste Solo-Album "Je suis le Ténébreux" mit einer avantgardistischen Mischung aus Klassik und elektronischen Experimenten.

"Zum Thema Melodie ist alles gesagt", erklärt er im KURIER-Interview. "Mich interessieren deshalb neue Sounds." Heute, Freitag, tritt Chaplin beim Konzert zum 15-Jahres-Jubiläum des Wiener Lables Fabrique im RadioKulturhaus auf. Mit dabei sind auch der langjährige Morrissey-Gitarrist Boz Boorer, Loretta Who und Lovecat.

Ein bisschen nervös, sagt Chaplin, sei er vor dem Auftritt, aber auch voll Vorfreude. Denn: "Mit dieser Musik habe ich endlich eine Ausdrucksform gefunden, die ganz meine ist."

Allerdings brauchte das mehrere Phasen von Hass und Liebe zur Musik: "Als Kind musste ich Klavier lernen, das habe ich aber gehasst. Weil unsere Privatlehrerin jeden Mittwoch kam, was der einzige schulfreie Nachmittag war. Ich hätte lieber im Garten gespielt."

Als Teenager entdeckte Chaplin die Musik von Deep Purple, Uriah Heep und Carlos Santana. Erst mit 14 zog es ihn zurück zur Klassik. Er erzählte einem Schulfreund, dass die langweilig und nur etwas für alte Leute sei. "Der Freund korrigierte mich und sagte, hör dir doch einmal ganz bewusst eine Symphonie an. Das tat ich. Danach wollte ich nur mehr Konzertpianist werden. Von 14 bis 18 habe ich nichts anderes gemacht, als Klavier geübt."

Zu schüchtern

Bei der Aufnahmeprüfung in Genf fiel er aber durch. Ein Schock: "Ich wollte nie wieder ein Klavier angreifen und bin in die Schauspielerei gestolpert. Ich habe mich aber nie wohl gefühlt. Außerdem bin ich schüchtern. Da ist zwar das Arbeiten beim Film oder am Theater schön, aber die Zeit dazwischen, wenn du Arbeit suchst und immer wieder abgelehnt wirst, ist Gift für die Seele." So setzte sich Chaplin doch wieder ans Klavier und wurde 2009 von Fabrique-Gründer Michael Martinek entdeckt. Damit konnte er sich endlich auch mit dem berühmten Papa aussöhnen.

"Durch den Namen Chaplin war meine Identität immer mit der meines Vaters verbunden. Aber mit der Musik kann ich das langsam trennen."

Was ist seine liebste Erinnerung an Charlie Chaplin? "Er war 62, als ich geboren wurde. Als ich ein Teenager war, war er schon sehr sehr alt. Er saß dann im Rollstuhl, hatte schon mehrere Schlaganfälle und Herzinfarkte gehabt und sprach kaum mehr, weil es ihm schwer fiel. Aber wenn wir beim Abendessen zusammensaßen, begann meine Mutter oft, Songs aus englischen Musicals zu singen, die ihn an seine Kindheit erinnerten. Dann sang er mit, und dieser ruhige, abgeklärte und wunderschöne alte Mann wurde wieder heiter und lebendig!"