Kultur
15.11.2017

Casper in Wien: Maximaler Einsatz, zu wenig Nuancierung in der Stimme

Der Rapper zeigte sich in der Stadthalle als unermüdliches Energiebündel.

Es ist immer wieder erstaunlich, in welches Energiebündel sich dieser abseits der Bühne eher zurückhaltende, nachdenkliche Benjamin Griffey verwandelt, wenn er zu Casper wird und vor Tausenden Fans zeigt, warum er einer der gefragtesten Rapper Deutschlands ist. Der 35-Jährige springt und rennt, wedelt mit den Armen und animiert sein Publikum von der ersten Sekunde an: „Ich will alle Hände in der Höhe sehen!“

Dienstag trat Casper mit der nach seinem jüngsten Album „Lang lebe der Tod“ benannten Show in der Stadthalle auf. 5000 waren gekommen, das größte Publikum, das der Sohn einer Deutschen und eines US-Soldaten hierzulande je bei einer Einzelshow gehabt hat. Bekannt wurde er 2011 mit dem Album „XOXO“. Den größten Erfolg hierzulande hatte er mit dem recht poppigen Nachfolger „Hinterland“ zwei Jahre später. „Lang lebe der Tod“ wurde dann lange verschoben, weil Casper nicht zufrieden war, fertige Aufnahmen in den Müll warf und von vorne begann. Im September ist es erschienen und entsprach mit raffiniert aufgebauten Beats, dichter Atmosphäre und besinnlichen, gefühlvollen Texten den dadurch hochgeschraubten Erwartungen.

Mit der Show kann Casper die – zumindest in Wien – nicht ganz erfüllen.

Ja, da ist eine hervorragend eingespielte Band, die mit einem versierten Drummer auch komplizierte Beats präzise umsetzen kann. Da sind zwei Gitarristen, die die oft wuchtigen Klangattacken (Casper war vor der Rap-Karriere in einer Metal-Core-Band), druckvoll in die Stadthalle schieben und zwischendurch mit akustischen Einlagen für Abwechslung in Dynamik und Stimmung sorgen. Umjubelt werden vor allem die älteren Songs wie „ Michael X“ und „Der Druck steigt“ aus „XOXO“, aber auch das neue „Sirenen“, das Casper auf der Plattform eines halb heruntergefahrenen Lichtgerüstes performt.

Überhaupt ist neben der Band auch die Show perfekt: Sie setzt mit geschmackvoll und stilistisch schlüssig gestalteten Videos auf einer kurvigen LED-Wand hinter der Bühne immer wieder Höhepunkte, ohne die Musik zu überstrahlen.

Aber es ist bei all dem bewundernswertem Einsatz von Casper, doch er selbst der für den Wermutstropfen sorgt. Denn seine Stimme wird mit Fortdauer der Show ein wenig zu eintönig. Casper ist kein Sänger, sondern ein Rapper, der seine Texte immer in ein und der selben Tonhöhe und das noch dazu immer mit maximaler Kraft ins Publikum sprudelt. Varianten von zärtlich bis wütend, von traurig bis vital hört man nur in der musikalischen Untermalung, die wie ein Streifzug durch mal härteren mal poppigeren Rock wirkt. Casper selbst hat aber stimmlich nur minimale Möglichkeiten der Nuancierung. Auf Platte machte er dieses Manko geschickt mit Gastsängern wie Blixa Bargeld oder Dagobert wett. Auf der Bühne hat er zwar einen Keyboarder, der auch singt. Aber das ist – für eine nahezu zweistündige Show - nicht genug Abwechslung.

Vielleicht setzt der Wahlberliner deshalb live auf das permanente Animieren seines Publikums und rappt zwei Songs im zweiten Teil von einem Podest ganz hinten in der Halle. Und er schreit immer wieder "Hände in die Höhe". Das funktioniert anfangs ganz gut. Auch wieder zum Schluss. Aber für ein durchgehend bewegendes Konzerterlebnis reicht es nicht.