Kultur
07.12.2011

Caretta Caretta - von Paulus Hochgatterer

Eine Aufforderung zum Leben - authentisch erzählt in einem spannenden Roman über das Erwachsenwerden jugendlicher Außenseiter.

Der Roman "Caretta Caretta" erzählt die Geschichte von Dominik Bach, einem 15-Jährigen, als "verhaltensauffällig" gestempelt, in einer Wohngemeinschaft für Schwererziehbare lebend und als Strichjunge arbeitend: Ein durchgeknallter, gelegentlich aggressiver aber durchaus sympathischer Kerl. Kein Opfertyp, sondern ein sich so lustvoll wie möglich durch das Leben kämpfender Jugendlicher, der sich auch zu wehren weiß. Er dealt ein bisschen, genießt am Schwedenplatz "das beste Eis Wiens", verkauft sich und liest am liebsten die Cartoons von "Calvin & Hobbes". Wie man im Lauf des Romans erfährt, wurde Dominik von seinem Stiefvater immer wieder brutal misshandelt, und wird schließlich auf unerwartete und ungewöhnliche Weise gerächt - zur nicht geringen Genugtuung der Leser. Das ist ein Strang der Geschichte. Der andere dreht sich um eine weitere neue Bewohnerin der sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft - um die in sich gekehrte Isabella. Und sie ist es, die in einem Buch die unechte Karettschildkröte, lateinisch Caretta Caretta, entdeckt - das einzige Tier dieser Art, das "manchmal weint".

Als schließlich bei einem von Dominiks Kunden, dem pensionierten Justizwachebeamte Kossitzky, inoperabler Nierenkrebs konstatiert wird, möchte der seine letzten Monate nicht mit Chemotherapie verbringen, sondern "irgendwohin, wo mir noch einmal eine Woche lang die Sonne aufs Fell scheint." Kossitzky bittet Dominik, ihn zu begleiten und - mithilfe seiner Beziehungen - mit starken Schmerzmitteln zu versorgen. Der Junge sagt zu, macht den Vorschlag, zur griechischen Insel Zakynthos zu reisen, wo Caretta Caretta lebt und Isabella gleich mitzunehmen. Sie reisen zu dritt, die Geschichte steigert noch einmal ihren Drive und trotz Gewalt, Drogen und Sterben entwickelt sich nicht nur eine zart gehauchte Liebesgeschichte, sondern sogar Hoffnung. Oder, wie Dominik sagt: "Manchmal im Leben paßt nur der ärgste Kitsch."

Der 1961 in Amstetten geborene Paulus Hochgatterer ist Kinder-, Jugendpsychiater und Schriftsteller zugleich. Ab 1990 veröffentlichte er literarische Texte, die sich zuerst allgemein mit den Machtstrukturen von Medizin und Psychologie auseinandersetzten, später aber auf Jugendliche konzentrierten. Mit seinem Roman um den jungen Dominik Bach gelingt es ihm furios, sich in das Denken seines Ich-Erzählers einzufühlen. In der Erzählung "Wildwasser", 1997 und damit zwei Jahre vor "Caretta Caretta" erschienen, mochte die Schilderung seines Teenager-Helden noch nicht ganz zu überzeugen. Hier aber ist keinerlei moralischer Duktus mehr zu finden, kein Hauch einer pädagogischen Absicht. Im Gegenteil, Hochgatterer schreibt gegen Moral und Erwartung an: So entpuppt sich der an Krebs erkrankte Gefängniswärter und Päderast Kossitzky als ein wirklicher Freund. Auch sprachlich gelang es dem niederösterreichischen Autor, unspektakulär und authentisch zu bleiben - nie entsteht das Gefühl, dass der "coole" Jugendslang aufgesetzt sei.

Hochgatterer ist ein Kunststück gelungen: Er hat einen Text geschrieben, der mehr über am Rand der Gesellschaft lebende Jugendliche und Außenseiter lehrt als manche Sozialstudie. Entstanden ist zugleich eine außerordentlich spannende Erzählung, die den Übergang von der Kindheit ins Erwachsensein thematisiert. Der Titel des im Wiener Deuticke-Verlag erschienenen Romans ist zwar der Name einer Schildkröte. Aber er klingt mitunter wie ein Schlachtruf, wie eine Aufforderung zum Leben: "Caretta Caretta!"