Jim Jarmusch präsentierte in Cannes seinen Film "Paterson"

© APA/AFP/LOIC VENANCE

Filmfestspiele
05/17/2016

Cannes: Von Busfahrern und Bluttrinkern

Jim Jarmusch plätschert in seinem poetischem Busfahrer-Porträt "Paterson" vor sich hin, Jeff Nichols hört die Oscar-Glocken läuten

von Alexandra Seibel

Wenn in Cannes plötzlich Menschen zu kreischen und zu laufen beginnen, reagiert die Umgebung mit Unruhe. Warum die Aufregung? Haben bloß ein paar Fans einen Star entdeckt? Oder gibt es Anlass zu echter Sorge?

Nein, diesmal handelt es sich nur um Ryan Gosling, der anlässlich seiner Buddy-Komödie "The Nice Guys" gerade in Cannes weilt und unerkannt in ein Auto steigen wollte. Irgendwann ebben die Schreie wieder ab, die Menge verläuft sich.

Völlig entspannt ist man trotzdem nie. Nicht umsonst herrscht in Cannes höchste Sicherheitsstufe. Überall patrouillieren Polizisten – doch will man sie nach dem Weg fragen, grinsen sie verlegen und zucken mit den Schulten: Nein, wir sind auch nicht von hier. Wir wurden nur als Verstärkung zugezogen.

Unbeirrt davon schieben sich in fröhlichem Sonnenschein die Menschenmassen die Croisette entlang, im Schneckentempo Richtung Festivalpalast. Neugierige Touristen, aufgetakelte Premierenbesucher, eifrige Fotografen. Sie alle wollen möglichst nahe zum Roten Teppich gelangen und live dabei sein, wenn berühmte Schauspieler die Treppen zum Kinopalast hinauf steigen.

Wer jedoch genau hinschaut, bekommt nicht nur Glamouröses zu sehen. Auch unschöne Szenen spielen sich ab, wenn hinter einem Kastenwagen Polizisten zwei schwarze Männer am Boden "fixieren": Handgemenge, strampelnde Füße, Faustschläge.

Blutrünstig

Manchmal brodelt es unter der Oberfläche. In dem rumänischen Landkrimi "Câini" (Hunde) von Bogdan Mirica, der in der Nebenreihe "Un Certain Regard" lief, blubbert es zuerst noch harmlos im Fischteich, ehe es plötzlich Plopp macht – und ein abgeschnittener Fuß in einem Schuh auftaucht. Zu wem dieser Körperteil gehören könnte, muss der Provinzpolizist aus der Nachbarschaft erst einmal herausfinden. Liebevoll seziert er das aufgeschwemmte Bein und zieht ihm einen Zehennagel.

Nicht wenig grausig geht es auch in dem hoch akklamierten Regiedebut "Grave" der Französin Julia Ducournau zu: Eine Studentin verwandelt sich von einer Vegetarierin zur Fleischfresserin und knabbert am abgetrennten Finger ihrer Schwester.

Als regelrechter Vampir entpuppt sich auch ein schwarzer Schüler in "The Transfiguration": Michael O’Sheas betont deprimierendes Coming-of-Age-Drama über einen blutdurstigen Teenager in Queens zitiert fleißig die besten Vampir-Werke der Filmgeschichte, ohne auch nur annähernd deren Niveau zu erreichen.

Harmlos

Vergleichsweise beschaulich – um nicht zu sagen: biedermeierlich – geht es im neuen Poesie-Porträt "Paterson" von Jim Jarmusch zu. Während sich Jarmusch in "Only Lovers Left Alive" ebenfalls mit Bluttrinkern befasste, ist sein neuer Held ein Busfahrer namens Paterson. Täglich rumpelt Paterson mit seinem Gefährt durch die herunter gekommene, gleichnamige Kleinstadt in New Jersey – und denkt sich dabei allerhand Gedichte aus. Mit seinem typisch-lakonischen Humor entwirft Jarmusch kleine Alltagsszenarien, in denen wundersame Kleinigkeiten wie Zündhölzer Paterson zu Poesieflüssen beflügeln.

Adam Driver (Kylo Ren in "Star Wars – Episode VII") spielt seinen lyrischen Busfahrer mit unbeirrbarer Gutmütigkeit. Allabendlich führt er seine Bulldogge um den Häuserblock, plaudert in der Bar am Eck und lässt sich von seiner etwas anstrengenden Freundin ihre Träume erzählen. Sympathisch, wenn auch wenig aufregend, plätschert Jarmuschs liebevolle Ode an die Kleinstadt als poetische Petitesse vor sich hin. Dem Festivalfavoriten aus Deutschland, "Toni Erdmann" von Maren Ade, kann es keine ernsthafte Konkurrenz im Wettbewerb bieten.
Ein völlig anderes Register zieht Jarmuschs US-Kollege Jeff Nichols mit seinem feinsinnigen Südstaatendrama "Loving". Während Nichols erst kürzlich mit dem Sci-Fi-Film "Midnight Special" beeindruckte, legte er nun eine schöne, verhalten erzählte True-Life-Story vor: "Loving" erzählt von der in Virginia verbotenen Eheschließung zwischen dem Weißen Richard Loving und seiner schwarzen Frau Mildred Ende der 50er Jahre.

Danach hörten viele der Journalisten für "Loving" die Oscar-Glocken läuten.

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