Bühne Bregenz: "kein Touristen-Pappmaschee"

3-D-Gemälde: Das Bühnenbild der heurigen See-Produktion "André Chénier" ist dem Gemälde "Der Tod des Marat" von Jacques-Louis David nachempfunden.
Foto: rts

Bregenzer Festspiele Intendant David Pountney will "André Chénier" als populäre Oper etablieren. Pountney im Interview. Plus Programmüberblick.

Nicht wenige Besucher der Bregenzer Festspiele werden vor der Aufführung einen Blick in den Opernführer werfen: Am Mittwoch hat mit Umberto Giordanos "André Chénier" auf der Seebühne eine Oper Premiere, die nicht zu den altbekannten Publikumshits gehört. Intendant David Pountney spricht über kalkuliertes Risiko, seinen Nachfolger und den Festspiel-Streit.
KURIER: Eine weniger bekannte Oper auf der Seebühne - wird sich dieses Risiko lohnen?
David Pountney: Ja. Ich merke bei jeder Probe, wie gut das Stück als Seebühnenoper funktioniert. Wir werden "André Chénier" als populäre Oper etablieren. Aber wir hängen sehr von der Resonanz auf die Premiere ab.

Wie läuft der Vorverkauf?
Der ist absolut in Ordnung.

Was heißt das im Vergleich zu den vergangenen Jahren?
Es ist weniger. Aber das haben wir kalkuliert. Es ist wichtig, für die Zukunft der Festspiele zu testen, inwieweit das Publikum uns vertraut.

Wie weit reicht dieses Vertrauen - könnte es etwa auch Barockoper oder Zeitgenössisches auf der Seebühne geben?
Kaum. Unser finanzieller Spielraum ist sehr, sehr eng. Wenn wir zehn, zwanzig Prozent weniger einnehmen, ist das sehr viel. Die sogenannte Subvention ist seit 1997 eingefroren und deshalb eine Million Euro weniger wert.

"Sogenannte" Subvention?

Die öffentliche Förderung ist keine Subvention. Jeder Euro, den wir bekommen, kommt an den Bund als Steuer vier zu eins zurück, und hier in der Region als Umwegrentabilität 40 zu eins. Das ist also eine gute Investition.

3-D-Gemälde: Das Bühnenbild der heurigen See-Produktion "André Chénier" ist dem Gemälde "Der Tod des Marat" von Jacques-Louis David nachempfunden. Foto: rts 3-D-Gemälde: Das Bühnenbild der heurigen See-Produktion "André Chénier" ist dem Gemälde "Der Tod des Marat" von Jacques-Louis David nachempfunden.


Waren es finanzielle Gründe, weswegen die nächste Seebühnen-Produktion 2013 doch nicht das Musical "Showboat", sondern die "Zauberflöte" ist?
Das war meine persönliche Entscheidung. Wenn ich noch fünf Jahre hier hätte, wäre ich bei "Showboat" geblieben. Ich wollte kein Risikoelement haben, weil das unfair gegenüber meinem Nachfolger wäre. Und die Zauberflöte ist eindeutig "no risk".

Sie gehen 2013, Ihr Nachfolger Roland Geyer kommt schon nächstes Jahr mit einem Werkvertrag nach Bregenz. Fängt damit die Übergabe an, werden Sie Herrn Geyer unterstützend zur Seite stehen?
Ach, der braucht meine Unterstützung doch nicht. Geyer ist ein sehr, sehr begabter Intendant. Er wird mit meinem Team arbeiten, um für 2015 für den See zu planen.

Aber kommt da nicht schon Abschiedsstimmung auf, wenn der Nachfolger durchs Haus läuft?
Ich habe noch drei Festspiele, bei denen drei Auftragswerke uraufgeführt werden: ein fantastisches Statement für die Festspiele. Ich habe keine Abschiedsgefühle, ich bin sehr aufgeregt, wie diese Opern ankommen werden. Auch das ist kalkuliertes Risiko.
Aber mit der Planung ist man ja lange vorher fertig.
Ja, im Grunde genommen habe ich fertig geplant. Und ich habe eine andere Perspektive - in Wales.

Fangen Sie als künftiger Leiter der Welsh National Opera schon an, für dort zu planen?

In Gedanken natürlich. Offiziell im September.

Brauchen die Festspiele einen Kraftakt wie die drei Uraufführungen - reicht das populäre Seeprogramm nicht?
Das ist eine lange Tradition und die besondere Identität der Festspiele: Raritäten und populäre Massenkultur zusammenzubringen. Und auch auf der Seebühne haben wir ganz sicher kein Touristen-Pappmaché, sondern klare künstlerische Ambitionen. "André Chénier" auf dem Körper von Marat zu spielen - das ist ein wirklich gewagtes Statement. Jeder intelligente Mensch, der nach Bregenz kommt, möchte gerne beides sehen. Fast niemand ist so snobistisch zu sagen: Die Seebühne interessiert ihn nicht.

Viel Interesse hat der öffentliche Streit zwischen Ihnen und Festspiel-Präsident Günter Rhomberg hervorgerufen.
Das möchte ich nicht kommentieren.

Schade - denn der Disput war mal was Neues bei den so friedlichen Festspielen. Bisher hatte man den Eindruck, hier funktioniert alles reibungslos, jetzt aber sah man: Hinter den Kulissen ist das gar nicht so.
Das ist ein Fakt.


Macht das den Abschied leichter?

Dazu kann ich sagen: Ich bin sehr froh, dass ich letztendlich meine eigene Entscheidung getroffen habe.Ich bin sehr stolz auf die Entwicklung, die die Festspiele gemacht haben. Der Mieczysław-Weinberg-Schwerpunkt im vergangenen Jahr war ein Riesenstatement. Jetzt habe ich andere Perspektiven, und das ist auch gut so. Sonst wäre ich vielleicht irritiert.

Programmüberblick

Es ist, als sei André Chénier nur für die Bregenzer Seebühne komponiert worden". Intendant David Pountney ist schon jetzt überzeugt davon, dass das Stück des italienischen Komponisten Umberto Giordano bei den diesjährigen Bregenzer Festspielen ein Publikumsmagnet wird.

Das wohl berühmteste Werk Giordanos feiert am 20. Juli um 21.15 Uhr auf der Seebühne Premiere. Regie führt Keith Warner, die musikalische Leitung haben alternierend Ulf Schirmer und Enrico Calesso. Auch die Sänger alternieren. Am 22. Juli (21.20 Uhr) ist die Premiere live-zeitversetzt in ORF 2 zu sehen.

Die spektakuläre Bühne von David Fielding ist dem Bild "Der Tod des Marat" von Jacques-Louis David nachempfunden: Das Motiv des Revolutionsgemäldes wurde mit Computerunterstützung als dreidimensionale Skulptur berechnet und auf seebühnentaugliche Dimensionen vergrößert.

Uraufführung
: Mit Judith Weirs Achterbahn kommt am 21. 7. in der Kammeroper das Erste von drei Auftragswerken der Bregenzer Festspiele zur Uraufführung (die weiteren folgen 2012 und 2013). Das in Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden produzierte Stück ist aber nicht das einzige Werk Weirs im Programm: Der blonde Eckbert , im Original von Ludwig Tieck, beginnt als harmloses Märchen und endet in einem Psychodrama. Ab dem 6. August (19.30 Uhr) zeigt sich in der Oper im Theater am Kornmarkt, wie nah Realität und Schein beieinanderliegen.

Im Schauspielprogramm gastiert das Deutsche Theater Berlin: Maxim Gorkis Die Kinder der Sonne (Regie: Stephan Kimmig, 12.- 14. 8.) bringt u. a. Ulrich Matthes und Nina Hoss ins Theater am Kornmarkt. Roland Schimmelpfennigs Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes (17. und 18. 8.) ist in der Inszenierung Martin Kušejs zu sehen. Und das Schauspielhaus Wien gastiert mit der Österreichischen Erstaufführung von Dennis Kellys Waisen (2.- 4. 8., Theater Kosmos).

Und bei der Schiene "Kunst aus der Zeit" zeigt der Beschwerdechor Bregenz , warum es für Menschen so wichtig zu sein scheint, sich über alles und jeden zu mokieren.
Über die Kartenpreise des Chors, der am 23. Juli auftritt, gibt es jedenfalls keinen Grund zur Beschwerde, denn der Eintritt ist frei.

(kurier) Erstellt am
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