Kultur
16.03.2012

Buchmesse: Heiße Themen und Rekordbesuch

Die Leipziger Buchmesse steuert auf einen Besucherrekord zu. Provokateur Henryk M. Broder sorgte für einen Eklat und Kracht las leise aus seinem umstrittenen "Imperium".

Die Leipziger Buchmesse steuert auf einen Besucherrekord zu. 64.000 Besucher kamen an den ersten beiden Tagen zu Deutschlands zweitgrößter Bücherschau, wie die Veranstalter in einer Halbzeitbilanz am Freitag berichteten. Das sind 2.000 mehr als 2011, als die Bücherschau mit 163.000 Besuchern eine Bestmarke aufgestellt hatte.

In den Messehallen drängten sich die Menschen am Freitag an den Verlagsständen, bei Autorenlesungen und Diskussionsrunden. Namhafte Autoren wie Friedrich Christian Delius, Zeruya Shalev, Wladimir Kaminer und Martin Walser wurden erwartet. Absagen musste allerdings der frühere deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der seine Biografie vorstellen wollte. Genscher habe ernste gesundheitliche Probleme und müsse sich einem Eingriff unterziehen, sagte sein Biograf Hans-Dieter Neumann am Freitag. Auch am Wochenende erwartet die Messeleitung einen Ansturm. Besucherstärkster Tag ist erfahrungsgemäß der Samstag.

"Sand" von Preisträger Wolfgang Herrndorf wird neu aufgelegt

Nach der Vergabe des Leipziger Buchpreises für Belletristik an den Berliner Autor Wolfgang Herrndorf plant der Rowohlt Verlag eine zweite Auflage seines Romans "Sand". "Wir haben noch in der Nacht unsere letzten 8.000 bis 9.000 Exemplare ausgeliefert und werden jetzt 40.000 Stück neu drucken", sagte Marketing Geschäftsführer Lutz Kettmann der Nachrichtenagentur dpa am Freitag. Nur der Geehrte selbst kann an dem Wirbel nicht teilhaben: Herrndorf, Jahrgang 1965, ist seit zwei Jahren an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt. Lange war unklar, ob er nach seinem Bestseller "Tschick" (2010) das jetzt prämierte Buch überhaupt würde beenden können.

Der Autor habe sich wahnsinnig über den Preis gefreut, sagte sein Freund Robert Koall, Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden, im Deutschlandradio Kultur. Es gehe ihm im Moment gut - auch in seiner Gemütsverfassung, und der Preis werde ein Übriges dazu tun. Auch in den Leipziger Messehallen und in den Feuilletons der deutschen Zeitungen herrschte die Meinung, dass das Votum der Jury für dieses große, verwirrende und ungewöhnliche Buch richtig war.

"Es ist im besten Sinne ein Roman, auf den man sich einlassen kann", sagte die Literaturkritikerin Wiebke Porombka in Leipzig bei einer Diskussion über Sinn und Unsinn von Buchpreisen. "Man kann nicht jemanden zweimal nominieren und dann nicht gewinnen lassen." Im vergangenen Jahr nämlich war Herrndorf trotz des Publikumserfolgs mit "Tschick" noch leer ausgegangen.

Selbst die abgeschlagenen Mitbewerber gönnen dem Preisträger seinen Erfolg. "Für mich ist es die Entscheidung, mit der ich am besten leben kann", sagt der junge Augsburger Autor Thomas von Steinaecker (35), der zu den insgesamt fünf Nominierten gehörte. Anna Katharina Hahn, mit dem Psychodrama "Am Schwarzen Berg" im Rennen, gratuliert dem Kollegen "ganz herzlich": "Wenn man sich auf das Spiel einlässt, ist doch klar, dass nur einer gewinnt."

Henryk M. Broder provozierte mit seinem neuen Buch "Vergesst Auschwitz"

Als "eine Art Obsession" bezeichnete der Journalist Henryk M. Broder am Donnerstag seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus. Grund für sein neues Buch mit dem Titel "Vergesst Auschwitz" sei eine "staatstragende Heuchelei" in Deutschland, sagte der Autor am Donnerstag auf der Leipziger Buchmesse.

Als Beispiel nannte er die Verleihung des Steiger-Awards für Toleranz an den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan am kommenden Samstag. "100 Journalisten sitzen in der Türkei im Knast", sagte Broder. "Wer hält die Laudatio? Gerhard Schröder. Gazprom-Schröder. Wenn ich nicht schon aufgehört hätte SPD zu wählen - das wäre jetzt der Anlass dazu."

Bezugnehmend auf den provokanten Titel seines Buches meinte Broder: "Wenn es schon die Alliierten versäumt haben Auschwitz zu bombardieren, könnte man es jetzt machen." Denn: "Auschwitz ist ein Rummelplatz. Zu Zeiten meiner Mutter war es ein One-Way-Ticket, jetzt geht es hin und zurück, nach dem Frühstück" kritisierte der aus einer jüdischen Familie stammende Broder. "Es ist einfach würdelos, es ist schrecklich."

Der Autor sieht in der heutigen Gesellschaft eine "Verlogenheit": "Was Völkermord ist, muss über sechs Millionen liegen, alles darunter ist eine Verkehrsordnungswidrigkeit. Mir wird richtig schlecht, wenn ich höre, was zu Syrien gesagt wird." Dabei attackierte er Außenminister Guido Westerwelle wegen des Arguments, ein Eingreifen mache die Situation noch schlimmer: "Es ist schon ein Flächenbrand, ein Massaker. Das war damals beim Holocaust genauso." Man habe nicht eingreifen wollen.

Der Antisemitismus sei durch den Holocaust diskreditiert worden, sagte Henryk M. Broder. Er suche sich deshalb einen Seitenausgang, dies wäre der Antizionismus, bei gleichzeitigen Ritualen der Bekenntnisse gegenüber Auschwitz. "Ich bin sehr für Kritik", sagte Broder, "aber diese hat wenig mit Israel zu tun, sondern soll die Schuld der Deutschen minimieren, indem Israels Schuld gegenüber den Palästinensern betont wird." Diese Spielart des Antisemitismus gehe "quer durch alle Milieus" in Deutschland.

Heftig kritisierte er in diesem Zusammenhang den SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, der Israel als Apartheidstaat bezeichnet habe. "Ich glaube nicht, dass Gabriel ein Antisemit ist, sondern ein Dummkopf", sagte Broder. "Wenn er nach Israel fährt, dann sind Dick und Doof im Nahen Osten unterwegs - in einer Person." Die dem Deutschen eingelernte politische Korrektheit machte der Autor verantwortlich für Diskussionen wie jene darüber, ob die DDR ein Unrechtsstaat oder "nur" eine Diktatur gewesen sei: "Da kriege ich die Krätze. Man kann auch ein Blutbad herunter differenzieren, bis nichts mehr übrig bleibt", so Broder.

Kracht las leise, aber er las

Eigentlich dreht sich bei der Buchmesse trotzdem alles um einen: Christian Kracht. Nachdem der Spiegel ihm wegen seines neuen Romans "Imperium" eine rechte Gesinnung und ein rassistische Weltbild vorwarf, entbrannte eine hitzige Diskussion unter Feuilletonisten im deutschsprachigen Raum. Kracht sagte daraufhin alle Interviews und auch eine Lesung auf der Buchmesse ab. Unklar war, ob er in der ehrwürdigen Albertina-Bibliothek lesen würde. Er tat es, und die Menschen standen Schlange, um einen Blick auf ihn zu erhaschen.

Mit einer angenehm leisen Stimme begann er. Erzählte, dass er weniger vom Hauptprotagonisten August Engelhardt erzählen, sondern lieber von den anderen Figuren, wie etwa von dem Musiker Lützow, berichten wolle. Gesagt, getan. Die Besucher in der Albertina hingen an seinen Lippen, lauschten wie er "Anti-Klimaktisches", "Tränen, die nach Eisen schmecken" und "ingwerfarbene Katze" vortrug. Eisern unpointiert. Während das Buch selbst eigentlich unterhaltsam und ironisch ist. Kracht las so leise, dass ihm bald ein junger Mann einen Zettel auf den Tisch legte, auf dem vermutlich "Bitte ein wenig lauter." stand. Zumindest sprach Christian Kracht anschließend ein wenig lauter.

Fragen neugieriger Journalisten waren genauso unerwünscht, wie das Fotografieren. Die Lesung stand im Mittelpunkt. Anschließend vernahm man trotzdem kein Wort von Nazis, Rechtsextremismus oder dem "Dritten Reich".