Bruce Sterling: Digitale Assistenten reden wie Sklavinnen

vienna biennale…
Foto: /Vienna Biennale/© Vincent Fournier, 2016 Ausstellung "Hello, Robot" während der Vienna Biennale

Der Science-Fiction-Autor über Roboter, Massenarbeitslosigkeit und Literatur.

KURIER: Haben Sie manchmal den Drang zu sagen: Ich hab’s euch ja gesagt?

Bruce Sterling: Dauernd.

Bruce Sterling hat es uns gesagt. Und zwar schon vor Jahrzehnten: Der Texaner war, neben u.a. William Gibson, einer der führenden Autoren bei der Entstehung des Cyberpunk. Jener Science-Fiction-Spielart also, in der der technologische Fortschritt sich mit einer Auflösung der Staatsstrukturen und des gesellschaftlichen Zusammenhalts verbindet, mit sozialdarwinistischem Überlebenskampf, Überwachung und Staatswillkür, mit einer Abschottung der Reichen von den Armen und mit dem generellen Gefühl, dass es auch dank des Digitalen eher abwärts geht.

Wen erinnert das noch an die heutige Welt?

bruce sterling… Foto: MAK - Österreichisches Museum f/©MAK/Mona Heiß Sterling hat bereits 1980 einen Jugendlichen beschrieben, der sich rund um die Uhr selbst filmt; hat sich in "Schismatrix" (1985) damit beschäftigt, was es bedeutet, wenn sich die Menschheit durch Technologie über sich hinausentwickelt; hat im nichtfiktionalen "The Hacker Crackdown" (1992) die Entstehung der Cyberkriminalität und des World Wide Web begleitet; und in "Distraction" (1998) geht es darum, eine Forschungseinrichtung vor einem verrückten US-Politiker zu bewahren. Nun ist Sterling als Redner bei Zukunftsthemen gefragt. Zuletzt war er im Rahmen der Vienna Biennale des MAK in Wien, um über das Wohnen der Zukunft zu reden. Eine willkommene Gelegenheit, mit ihm der Gegenwart den Puls zu fühlen.

In Zukunft soll alles in unserer Wohnung, vom Lichtschalter bis zum Kühlschrank, vernetzt sein, wissen, wann wir da sind und was wir gerade tun, wie warm wir es haben wollen und wie hell. Meine Wohnung kann das noch nicht, Ihre schon?

Es wurde zuletzt so viel geredet über diese Roboter-Wohnungen und Automatisierung. Aber die beliebtesten Roboter für zu Hause sind bisher ein Staubsauger, der aussieht wie ein UFO, und eine sprechende Box, die aussieht wie eine Coladose.

Nicht so toll, oder?

Es gibt hier, wie überall, einen Hype, dann eine Phase der Kritik, dann Akzeptanz – und zuletzt werden wir wie selbstverständlich darin wohnen. Und diese Neuerungen ansehen wie Wasser oder Strom.

Mit "Coladosen" meinten Sie diese intelligenten Lautsprecher plus Mikrofon, die uns Amazon und Google und Apple ins Wohnzimmer stellen wollen, mit denen man reden kann.

Ja, und sie reden ganz unterwürfig zurück – wie Sklavinnen. "Was willst du, dass ich tue?" Warum sagen die eigentlich nie: "Woher hast du diese schreckliche Frisur?"

Zumindest für viele Europäer ist es noch ein Privatsphären-Alptraum, wenn ein Mikrofon im Wohnzimmer steht, und am anderen Ende ein Unternehmen ist, das alles mithören könnte.

Das wird bald, zumindest zum Teil, normalisiert und akzeptiert werden. Aber es geht da auch um politische und wirtschaftliche Auseinandersetzungen, bei der Privatsphäre nur ein Vorwand ist. Es gibt gute Gründe, Microsoft und Google und Amazon zu attackieren, die sehr wenig mit Fragen der Privatsphäre zu tun haben. Und trotzdem werden sie damit geprügelt.

Aber so falsch ist das ja nicht.

Das ist halt die Natur jeder politischen Debatte. Wir erreichen gerade eine Zeit, in der diese Firmen die Hauptindustrien sind. Also werden sie auch so behandelt.

Das heißt: Die Politik handelt nach ihren Wünschen.

Die gesamte Industrie rund um das autonome, fahrerlose Fahren hantiert immer mit dem Sicherheitsargument: Wenn Roboter die Autos und LKW lenken, dann werden weniger Menschen im Straßenverkehr sterben. Das ist aber keineswegs gesichert! In Wahrheit geht es hier darum, die Taxifahrer und LKW-Fahrer aus dem Weg zu räumen und die Logistik dadurch billiger zu machen. Wenn es wirklich um die Zahl der Verkehrstoten ginge, würden wir einfach die erlaubte Höchstgeschwindigkeit reduzieren.

So aber werden viele Menschen ihre Jobs verlieren. Das könnte heikel werden, weil bei dieser Automatisierungswelle im Gegensatz zu früheren keine neuen Jobs entstehen.

Ich glaube, diese Sicht glorifiziert unsere Zeit zu sehr. Die ist, zumindest politisch und ökonomisch, gar nicht so anders als frühere Phasen des Umbruchs. Ich habe Massenarbeitslosigkeit gesehen, in Ostdeutschland nach 1989. Viele werden ihren Job verlieren, manches wird schockierend sein. Aber wenn es keine politische Lösung gibt, wird es so werden wie in Brasilien, wo Menschen in Favelas leben und den ganzen Tag außerhalb der Legalität arbeiten. Die sitzen auch nicht da und trinken Rum. Sie haben Verpflichtungen, aber keine gesellschaftlichen Rechte.

Die Favela-Bewohner haben aber derzeit noch keine künstliche Intelligenz als Konkurrenz.

Technologischer Fortschritt heißt meist, dass etwas besser und besser wird. Nicht so bei der künstlichen Intelligenz. Es gibt da regelmäßige Winter: Massive Geldbeträge werden investiert, mit denen nichts erreicht wird, immer und immer wieder. Jetzt gibt es diese "Deep Learners", die wirklich faszinierend sind. Die schlagen Menschen in "Go", was extrem kompliziert ist. Und sie werden dann noch besser, bis zu dem Punkt, dass man als Mensch gar nicht mehr versteht, wie gut sie sind. Bei jener Art von allgemeiner künstlicher Intelligenz, wie sie in den 50ern und 60ern konzipiert wurde, hat sich aber nicht viel bewegt. Menschen in "Go" zu besiegen hat nichts damit zu tun, dass man ein künstliches Gegenüber hat, mit dem man sich normal unterhält.

Es gibt also Grenzen der Technologie. Und jetzt?

Unserer Gesellschaft geht die Literatur ab, diese stabilisierende kulturelle Kraft ging verloren, weil wir so viel Kraft und Aufmerksamkeit in die Technologie investiert haben. Das Mooresche Gesetz endet aber jetzt, die Unternehmen stabilisieren und konsolidieren sich gerade. Das heißt auch, dass es wieder mehr Raum für kulturelle Interventionen gibt, für groß angelegte Werke, die versuchen zu verstehen, was mit uns passiert ist.

Nur noch bis 1. Oktober: Die Vienna Biennale

Nach Wien gebracht hat Bruce Sterling die Vienna Biaennale des MAK. Bei dieser beschäftigten sich Kulturinstitutionen, Künstler und Meinungsbildner mit  Zukunftsthemen, heuer mit „Roboter. Arbeit. Unsere Zukunft“.

DIe zahlreichen Ausstellungen, darunter „Hello, Robot“ im MAK,  der Vienna Biennale enden demnächst. Info zum Besuch unter www.viennabiennale.org

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?