Kultur
10.05.2017

Brigitte Kowanz: Ein Internet-Denkmal aus Licht

Biennale Venedig: Brigitte Kowanz erweiterte den österreichischen Pavillon zu einem Tempel der Technologie.

Viele Künstlerinnen und Künstler haben sich schon an der Architektur des österreichischen Pavillons in Venedig abgearbeitet, und selbst wenn sie vorgeben, dies nicht zu tun, tun sie es doch.

Das zweiflügelige Gebäude mit dem riesigen Portal dazwischen ist eben dazu angetan, den Blick und in Folge auch den Besucher zu verschlucken, der Bau ist darauf ausgelegt, Eindruck zu schinden. Beim Beitrag von Brigitte Kowanz, der völlig von Erwin Wurms Skulpturen abgekoppelt wirkt, entsteht der Eindruck eines Tempels: Beim Herannahen gibt das Portal den Blick auf ein durchaus geheimnisvolles Inneres frei, ein Heiligtum, fast wie die "Cella" eines altrömischen Sakralbaus.

Monument

Tatsächlich ist es eine Art Monument, das den technischen Veränderungen unserer Zeit gilt; und anders als die bronzenen Denkmäler des Industriezeitalters besteht es im Kern aus Licht. Kowanz hat den Bau durch einen hölzernen Kubus des Architekten Hermann Eisenköck erweitern lassen, die darin präsentierten Arbeiten sind wiederum auf dessen Maße abgestimmt. Die Frontwand ist ganz von einem riesigen Lichtkasten eingenommen, 4,5 mal 9 Meter ist er groß; der Titel lautet "12.03.1989 06.08.1991".

Die zwei Daten markieren Meilensteine in der Entwicklung des Internets: im März 1989 präsentierte Tim Berners-Lee das World Wide Web am Genfer CERN; im August 1991 ging die erste Website online, das Datum markiert also den Tag, an dem das Internet öffentlich nutzbar wurde. Die Daten sind in eine Abfolge aus Morsezeichen umcodiert, die wiederum die Grundlage für die frei geschwungene Neonröhre bilden. Drei weitere Arbeiten codieren auf ähnliche Art den 15.09.1997 (das Startdatum von Google), den 15.01.2001 (den "Geburtstag" von Wikipedia) und den 09.01.2007 (an dem Steve Jobs das iPhone vorstellte).

Für Kowanz ist die Installation in Venedig ein nächster Schritt in ihrer kontinuierlichen Arbeit: Nach Leuchtschriften und Morsecodes ist die Übertragung digitaler Information mit Glasfaserkabeln ein weiteres Kapitel des Themenfelds "Licht als Information", das die Künstlerin seit langem in poetische Form zu übersetzen sucht.

Das Spiel mit halbverspiegeltem Glas, das sowohl den Betrachter in die Arbeit hin-einholt als auch dem eingefangenen Licht eine endlose Echowirkung verleiht, reflektiert hier auch auf Kowanz’ frühere Arbeit zurück.

Die geschwungenen Neonröhren haben durchaus auch den Schwung einer Handschrift, zugleich ist die Thematik der digitalen Datenströme der Greifbarkeit völlig entrückt: "Wie wird eine Welt nach der Schrift aussehen", fragt daneben ein Wandtext von Peter Weibel.

Nein, Kowanz hat sich für diese Schau nicht neu erfunden – sie wiederholt sich aber auch nicht. Es ist ein hochkonzentriertes, stimmiges, atmosphärisch ansprechendes Ensemble, das sich nicht an sein Thema anbiedert, sondern sein ästhetisches Vokabular stolz zur Schau stellt. Was sich weiterhin nicht erschließt, ist die Kombination der beiden Positionen. Wurms Teil des Pavillon ist von den Lichtverhältnissen und der Atmosphäre völlig anders, Kowanz braucht seine Arbeiten ebenso wenig wie er die ihren. So bleibt bei aller Überzeugungskraft der Werke der Nachgeschmack des typisch-österreichischen Kompromisses.