Kultur 20.09.2012

Briefe in die chinesische Vergangenheit - von Herbert Rosendorfer

© Bild: ap/Lukas Barth

Aus Sicht eines in die Zukunft gereisten Mandarin schreibt der Autor gegen Ungerechtigkeit an und liest sich damit aktueller denn je.

Komische Kunst und Literatur - sie hat es nicht leicht. Da Witz und Ernst sich angeblich schlecht vertragen, stehen komische Texte im Ruch der seichten, bloß unterhaltenden Literatur. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel, sind aber rar gesät: Weite Sprünge muss man machen: vom Schelmenroman "Til Ulenspiegel" zur romantischen Ironie eines E.T.A. Hoffmann oder zu Thomas Manns "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" bis hin zu den 1983 erschienenen "Briefen in die chinesische Vergangenheit".

Herbert Rosendorfer lässt den ehrwürdigen, im 10. Jahrhundert lebenden Mandarin Kao-tai mittels eines "Zeitkompasses" 1.000 Jahre in die Zukunft springen. Und - weil zu damaliger Zeit die Erdrotation noch nicht bekannt und somit nicht eingeplant war - auch räumlich springen: Mitten hinein in das Herz Bayerns, nach München. Dort erkundet der Chinese aus der Vergangenheit das Leben der Nachkommen in einer anderen Welt: der Welt der lärmenden, stil- und morallosen "Großnasen". Den besonderen Witz und Reiz machen die Umschreibungen des briefeschreibenden Ich-Erzählers aus: Dass "Ba-Yan" nur Bayern bedeuten kann, errät der schmunzelnde Leser spätestens beim meteorologischen Ausruf "Shai-we-ta". Dass der "Schwitzkeller" eine Sauna, der "Eisendrache" ein Flugzeug umschreibt, lässt sich ebenfalls leicht durchschauen. Schwieriger wird es mit "Musikteller" (Schallplatte) oder der "Fern-Blick-Maschine" (Fernseher). Und eine "fliegende Servier-Zofe" als Stewardess zu identifizieren, gelingt erst im Kontext. So folgt man gerne Kao-tais Exkursionen durch bayerische Welten. Zu den Forschungsorten eines gewissenhaften Zeitreisenden gehören unter anderem Fabriken, Gerichtssäle, Museen und natürlich Restaurationen - vom Brauhaus bis zum Bordell. Viel Gutes entdeckt Kao-tai nicht. Einzig die klassische Musik - allen voran die Meister "Mo-tsa" und "We-to-feng" - empfindet er als Offenbarung in dieser fremden Welt.

Herbert Rosendorfer: „Fort-Schritt... Sie schreiten fort, sie schreiten fort von allem. Sie schreiten fort von sich selber.“
© Bild: dapd

Sicher, Rosendorfers "Briefe in die chinesische Vergangenheit" haben manchmal Längen. Gerade der Rundumschlag, den der Autor seinen Helden ausführen lässt, ermüdet gelegentlich. Dann aber leuchten blitzende Szenen auf, blumig übertriebene Formulierungen und - vor allem - gnadenlos durchdachte Kritik: Denn freilich nutzt Rosendorfer den fremden Blick von Kao-tai, um auf Probleme und Missstände aufmerksam zu machen. So werden nicht nur Verhütung oder Korruption thematisiert, sondern auch - erstaunlich früh für ein belletristisches Werk - die Umweltzerstörung am Beispiel des Sauren Regens, den Mandarin Kao-tai folgendermaßen versteht: "Es regnet Essig, aber die Menschen merken es nicht." Liest man Rosendorfers Buch heute, rund 30 Jahre nach der Veröffentlichung, empfindet man ein zusätzliches, so nicht gedachtes Vergnügen: Der Text ermöglicht eine weitere Zeitreise, eine in die frühen Achtziger hinein. Hinein gesogen wird man in diese Dekade, die Welt von Seveso, Gleichgewicht des Schreckens und Handylosigkeit. Ein Vergnügen ja, aber kein harmloses. Kao-tais Angst um die Zukunft der Welt, sie steckt auch uns noch - wiederauferstanden in Schlagwörtern wie Klimawandel - in den Knochen. Rosendorfer sieht sein Werk - mehr als 50 Romane, Drehbücher, Opern - als ein wahrscheinlich sinnloses, aber notwendiges Anschreiben gegen Ungerechtigkeit und Missstände. In einem Interview sagte der bis zu seiner Pensionierung, 1997, als Richter in München und Hamburg arbeitende Schriftsteller: "Schreiben ist eine Ersatzhandlung, um wirkliche Gerechtigkeit wenigstens in der Fantasiewelt herzustellen."

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Erstellt am 20.09.2012