Markus Hinterhäuser präsentierte sein drittes und letztes Festwochenprogramm.

© APA/HERBERT NEUBAUER

Wiener Festwochen 2016
12/17/2015

Hinterhäusers letztes Festwochen-Programm

Brennende Themen unter der Lupe: 36 Produktionen aus 25 Ländern bei den Wiener Festwochen 2016.

von Werner Rosenberger, Peter Jarolin

Ein Nachtfalter unter einer Lupe ist das poetische Werbesujet der Wiener Festwochen 2016. Symbol für "etwas Schönes und Vergängliches", erklärte der mit einem "lachenden und einem weinenden Auge" an die Spitze der Salzburger Festspiele wechselnde Intendant Markus Hinterhäuser bei seiner dritten und letzten Programmpräsentation. "Die Lupe bringt Erkenntnisgewinn, einen Detailblick, andererseits kann sie aber auch Feuer entfachen."

Theater ohne Grenzen

Geplant sind 36 Produktionen aus 25 Ländern von 13. Mai bis 19. Juni 2016. Bewusst oft zu aktuell brennenden Themen, wie bei einem speziellen Konzertwochenende unter dem Titel eines Luigi-Nono-Stückes: "Wehe den eiskalten Ungeheuern".

Die neue Schauspielchefin Marina Davydova, eine Moskauer Theaterkritikerin und Festivalleiterin, deren Festival "Neues Europäisches Theater" (NET) auch Hinterhäusers und Goernes "Winterreise" eingeladen hatte, will Bühnenkunst in ihrer ganzen Vielfalt vorstellen: "Mein Programm handelt vom Theater und von der Freiheit. Das ist für mich schon vor langer Zeit zum Synonym geworden. Theater hat einen eisernen Magen, um andere Genres zu verdauen, und bleibt doch Theater."

So bringt Davydova etwa performative Installationen von SIGNA, Performances mit Filmsequenzen u. a. von Dimitris Papaioannou, Figuren-, Objekt- und Bildertheater, ein "Freak-Kabarett", Tanz und Sprechtheater etwa der Regisseure Falk Richter ("Citta del Vaticano"), Kornel Mundruczo ("Scheinleben") und Simon McBurney ("The Encounter"). Außerdem ei-nen 24-Stunden-Theater-Marathon: "Mount Olympus" des Choreografen Jan Fabre.

Für einen Tag schlüpfen mehr als zwei Dutzend Tänzer in die großen Rollen der antiken Tragödien, von A wie Antigone bis P wie Pentheus. Zwischendurch schlafen sie. Ordnung in den Stammbaumwahnsinn der griechischen Mythologie bringen will aber keiner, eher zupft man einzelne Erzählfetzen heraus, um sie bildgewaltig auf ihre Heutigkeit abzuklopfen. Es geht um Liebe, Leid, Opfer, Tod ... Aber angeblich macht Leid manchmal auch Lust aufs Leben.

Und die traditionelle Reihe "Into the City" widmet sich unter dem Titel "Universal Hospitality" künstlerischen Visionen einer offenen Welt, "die nationalistische Denk- und Exklusionsmuster hinter sich lässt", so Kurator Wolfgang Schlag.

Die Festwochen-Eröffnung findet am 13. Mai 2016 statt – diesmal wieder am Rathausplatz. Karten können ab sofort bestellt werden.

Einige Festwochen-Highlights:

Freiheitsoper in einer völlig neuen Lesart

Eine Eigenproduktion der Wiener Festwochen ab 14. Juni im Theater an der Wien. Ludwig van Beethovens populäre Freiheitsoper „Fidelio“ kommt in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov, der einer der aufregendsten Regisseure der Gegenwart ist und Beethoven sicher neu lesen wird. Marc Minkowski leitet Les Musiciens du Louvre. Es singen: Michael König, Christine Libor, Georg Nigl, Jewgeni Nikitin, Franz Hawlata, Elizabeth Watts und Julien Behr.

Oper von Weinberg, die man hören sollte

Eine gefeierte Produktion der Oper Frankfurt kommt ab 19. Mai ins Theater an der Wien. Anselm Weber hat Mieczylaw Weinbergs Meisterwerk rund um eine einstige KZ-Aufseherin, die auf einem Ozeandampfer eine ehemalige Insassin der Vernichtungslagers zu erkennen glaubt, inszeniert. Ein berührend-verstörendes Werk über Schuld, Sühne, Vergebung und Hoffnung. Leo Hussain dirigiert; es singen u. a.: Tanja Ariana Baumgartner und Sara Jakubiak.

Eine poetische Mediation über das Dasein selbst

Ein theatraler Liederabend von Christoph Marthaler, der ab 3. Juni im MuseumsQuartier zu erleben ist. In „Isoldes Abendbrot“ verbindet Regisseur und Projektleiter Marthaler Musik von Bach, Beethoven, Schumann, Schubert, Ravel und Wagner mit Elvis Costello oder Juilette Gréco zu einer traurigen, zärtlichen, skurrilen und poetischen Meditation über das Dasein an sich. Nicht zuletzt auch eine Hommage an Anne Sofie von Otter, die die Hauptrolle singt.

Ein Tschechow mit höchster politischer Brisanz

Regisseur Timofej Kuljabin hat sich auch in unseren Breiten einen Namen gemacht, als Regisseur von Wagners „Tannhäuser“ in Nowosibirsk. Eine hochgelobte Produktion, die aber von der russischen Theaterzensur (ja, die gibt es!) abgesetzt wurde. Nicht minder brisant wird seine Deutung von Anton Tschechows „Drei Schwestern“, die ab 27. Mai im MuseumsQuartier zu sehen ist. Ein Tschechow fast ohne Sprache, dafür umso aussagekräftiger.

Oscar Wilde als Paraphrase auf ganz Russland

Eine Komödie, die keine ist, die dem Publikum ab 16 Jahren empfohlen wird und die mit der Vorlage von Oscar Wilde nur sehr wenig und doch wieder sehr viel zu tun hat. Konstantin Bogomolovs Wilde-Überschreibung ist in Moskau immer Monate im Vorhinein ausverkauft und dürfte laut Schauspiel-Direktorin Marina Davydova „eigentlich gar nicht laufen“. Denn Bogomolov rechnet hier mit dem Russland der Gegenwart ab. Ab 22. Mai im MuseumsQuartier.

Frank Castorf, ein Regie-Berserker auf Glückssuche

Wo Frank Castorf draufsteht, ist auch Frank Castorf drin. Mit „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“ nimmt sich der deutsche Regie-Berserker ab 13. Mai im MuseumsQuartier einen Roman von Andrej Platonow zur Brust und macht sich dabei auf die Suche nach dem Kommunismus, dem Grab von Rosa Luxemburg, dem Glück, der Liebe, einem besseren Leben. Gewohnt bildgewaltig, laut und lang. Gutes Sitzfleisch ist bei mehr als fünf Stunden nötig!

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