Riccardo Massi als Calaf (li.) und Mlada Khudoley als Turandot in Puccinis "Turandot" auf der Seebühne

© APA/DIETMAR STIPLOVSEK

Seebühne
07/22/2015

"Turandot" passte sich in Bregenz dem Wetter an

Nachtkritik: Mittelmäßiges Wetter herrschte bei der ersten großen Premiere der Bregenzer Festspiele.

von Gert Korentschnig

Am Anfang der ersten großen Premiere in Bregenz regnete es noch leicht, dann kam schwacher Wind auf – und die Produktion passte perfekt zum mittelmäßigen Wetter. Selbst am Ende, als es trocken war und auf der Bühne der Kitsch einzog.

Marco Arturo Marelli inszenierte Puccinis "Turandot" am Bodensee, stellte Prinz Calaf als Puccini-Verschnitt aus und setzte allzu sehr auf Faschingsdeko. Da hat man in Bregenz schon Spektakuläreres gesehen.

Paolo Carignani schleppte am Pult der Wiener Symphoniker furchtbar und betonte – kontraproduktiv bei der Seeproduktion – die feinen, zarten Elemente. Riccardo Massi sang die "Nessun dorma"-Arie am besten, Mlada Khudoley die Partie der Turandot recht schrill, Guanqun Yu die Liù sehr berührend.

Eröffnung

Am Vormittag waren die 70. Bregenzer Festspiele offiziell eröffnet worden. Kulturminister Josef Ostermayer erinnerte an 70 Jahre Kriegsende, 60 Jahre Staatsvertrag und 20 Jahre EU-Mitgliedschaft. Ein eher kleines Land sei auch dank Bregenz zu einer "kulturellen Großmacht" geworden, so Ostermayer.

Bundespräsident Heinz Fischer sagte einmal statt Bregenz "Salzburg" zu den Festspielen und erntete wohlwollendes Schmunzeln. Danach setzte er einen Appell für Solidarität und die Freiheit der Kunst: "Österreich ist verpflichtet, den Schutz suchenden Flüchtlingen ein Stück Menschenwürde zu gewähren."

Mehr dazu im Folgenden.

Fischer betont Menschenwürde

Die 70. Bregenzer Festspiele sind am Mittwochvormittag von Bundespräsident Heinz Fischer feierlich eröffnet worden. In den Ansprachen von Fischer, Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) und Festspielpräsident Hans-Peter Metzler standen die Themen Frieden, Solidarität, Freiheit und Menschenwürde im Mittelpunkt. Fischer mahnte, ins Land gekommenen Flüchtlingen "ein Stück Menschenwürde zu gewähren".

Der Bundespräsident betonte bei seiner zwölften und letzten Eröffnung der Bregenzer Festspiele die Gründungsanliegen des Festivals, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Im innersten Kern von Festspielen müsse "ein Prinzip oder ein moralisches Anliegen" stehen. Und während 1920 in Salzburg das Land Österreich das Leitmotiv gebildet habe, seien es nach 1945 "die Idee der Freiheit und des Friedens und die Würde des Menschen" gewesen. Diese Gründungsanliegen dürfe man nicht aus den Augen verlieren.

Gratulation

Den Bregenzer Festspielen gratulierte das Staatsoberhaupt zur Entwicklung seit den Anfängen im Jahr 1946. "Wer hätte sich damals vorstellen können, dass die Bregenzer Festspiele im Jahr 2015 zum weltweit besten Festival gekürt werden?", fragte Fischer, um gleich fortzusetzen: "Und doch ist es so." Im Nachdenken über das Erfolgsgeheimnis von Festspielen nannte der Bundespräsident einige Gegensatzpaare, etwa die Verbindung "einer internationalen Ausrichtung mit lokalen Stärken und Besonderheiten". Auch die "wunderbare Landschaft" zählte Fischer als Bregenzer Erfolgskriterium auf, und: die künstlerische Leitung, die den Unterschied zwischen "gut" und "exzellent" zustande bringen müsse.

Ostermayer

Kulturminister Josef Ostermayer startete seine Ansprache ebenfalls in den kriegerischen Zeiten des 19. und 20. Jahrhunderts. "Kunst und Kultur haben uns geholfen, aus dem Schatten des Nationalsozialismus, aus der Dumpfheit der Nationalismen des 19. und 20. Jahrhunderts in eine neue Phase europäischer Zusammenarbeit zu kommen", spannte der Minister den Bogen bis in die heutige Zeit der Europäischen Union. Er sei davon überzeugt, dass sie - Kunst und Kultur - in den nächsten Jahren nicht weniger wichtig sein werden als in der Vergangenheit. Die Kunst sei nämlich "ein Scheinwerfer, der uns erkennen lässt, was richtig und was falsch ist; was menschlich geboten und was unmenschlich und zynisch ist", so Ostermayer.

Europa habe in den vergangenen Jahrzehnten im grundsätzlichen Bekenntnis zu gemeinschaftlichem Handeln und mit dem grundsätzlichen Willen zum Kompromiss, zur Solidarität, aus der Geschichte gelernt. Als in den vergangenen Tagen das Wort "übersolidarisch" (von Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP), Anm.) im Sinne von "zu viel" verwendet worden sei, habe ihn das nachdenklich und besorgt gemacht. Der Begriff suggeriere, es könnte "ein zu viel an Miteinander geben. In jeder und daher auch in unserer Gesellschaft kann es nie zu viel an Solidarität geben", betonte der Minister. Solidarität sei das Grundprinzip des menschlichen Zusammenlebens und der gegenseitigen Hilfe. In diesem Geist sei Europa nach dem Krieg neu errichtet worden.

Kultureller Wiederaufbau

Festspielpräsident Hans-Peter Metzler erinnerte daran, dass die Bregenzer Festspiele nur deshalb möglich geworden seien, weil die damalige Besatzungsmacht Frankreich Österreich als "befreundetes Land" angesehen habe. "Die Besatzungsmacht unterstützte, nein, sie förderte den demokratischen wie auch den wirtschaftlichen und kulturellen Wiederaufbau bewusst", betonte Metzler.

Als Leitmotive der Bregenzer Festspiele unterstrich der Festivalpräsident "Offenheit, Toleranz und Förderung". Man werde auch heuer wieder versuchen, diesen Grundsätzen verantwortungsvoll gerecht zu werden, nicht nur in der Thematik der Produktionen. Im Mittelpunkt bleibe die Kunst. Zudem begrüßte er die neue Intendantin Elisabeth Sobotka bei ihrer ersten Bregenzer-Festspiel-Eröffnung als "die Lösung" und als "Bereicherung aus dem Osten". Fischer und Ostermayer wünschten der ehemaligen Grazer Opernintendantin ebenfalls viel Glück und Erfolg.

Heute Abend feiert bei den Bregenzer Festspielen Giacomo Puccinis "Turandot" auf der Seebühne Premiere, am morgigen Donnerstag stehen "Hoffmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach im Festspielhaus auf dem Programm. Für das Spiel auf dem See sind 179.000 Karten aufgelegt, fast 90 Prozent davon sind gebucht.

Link: www.bregenzerfestspiele.com

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