Kultur
20.07.2017

Bregenz, Regen, die Frisur hält

Große Zustimmung des Publikums für die Neuproduktion von Georges Bizets "Carmen".

Diese musikalische Gestaltung war einzigartig:

Rauschende Glissandi, mitreißende Arpeggios, prachtvolle Phrasierungen, nur manchmal kleine Unsauberkeiten in der Intonation, große Farbenpracht, ausbalancierte dynamische Facetten, metallischer Donner und Wucht in den Tutti-Passagen, unterbrochen von zart-perlenden lyrischen Einschüben, vom obersten Dirigenten dramaturgisch plausibel konzipiert . . .

. . . und dann, nach 1:20 Stunden, war der Regen und somit das Konzert der Tropfen, nein, der Wassermassen, vorbei.

Bregenzer Festspiele 2017: Sevilla im Regen.

Wie so oft am Bodensee zog rechtzeitig vor der Premiere eine Gewitterfront auf. Es blitzte, donnerte, schüttete – dennoch entschied man sich zur Abhaltung der Opernparty im Freien, es ist ja alles nur eine Frage der richtigen Bekleidung. Die 7000 Besucher harrten bei Georges Bizets "Carmen" mit ihren Regenjacken und Plastik-Überzügen tapfer aus, die meisten Frisuren haben gehalten. Noch tapferer agierten die Sängerinnen und Sänger, die Tänzerinnen und Tänzer sowie die Stuntmen auf der Bühne.

Protagonistin 1

Gut war’s, dass man "Carmen" trotz Bedingungen, bei denen man normalerweise keinen Hund vor die Tür jagt, draußen gespielt hat. So konnte die Bühne von Es Devlin, die hier der wahre Protagonist ist, tanzen, spielen, zeigen, was sie kann.

Das Sujet mit den Händen, die Karten in die Luft werfen, kennt man ja bereits seit Wochen. Seit Mittwoch weiß man jedoch, dass diese Konstruktion, inspiriert vom Moment im Stück, in dem Carmen die Karten nach ihrer Zukunft befragt, dass dieses bühnenarchitektonische Meisterwerk packender ist als Uno, Bauernschnapsen und Rummy zusammen.

Die Karten lassen sich versenken und ermöglichen das Spiel im Wasser. Sie werden für Projektionen genutzt, wenn jeder Figur eine Karte zugeordnet wird (Carmen ist wenig überraschend die Herzdame, Don José der Pik Bube). Sie dienen als Bildschirme für Livevideos. Sie nehmen den Inhalt der Geschichte von Henri Meilhac/ und Ludovic Halévy auf und zerrinnen am Ende. Und sie ermöglichen bei Massenszenen rasche Auftritte und Abgänge.

Kasper Holten hat die Aufgabe übernommen, in diesem Setting Regie zu führen. Und man kann positiv vermerken, dass er dies höchst professionell verrichtet und sich sanft einfügt. Kritischer betrachtet macht er angesichts der Dominanz der Karten, die diesfalls fast ein Guckkastentheater bilden, inszenatorisch äußerst wenig und bleibt auch in der Personenführung zurückhaltend.

Man erwartet sich ja von Bregenz keine Deutung, wie sie eben erst Dmitri Tcherniakov mit "Carmen" als Familienaufstellung in Aix gezeigt hat. Aber ein bissl mehr szenische Kraft und Bewegung wären kein Fehler. So ist eine (zugegebenermaßen hübsche und beeindruckende) Bebilderung mit allen Carmen-Klischees zu sehen. Die Stierkampf-Arena gibt es am Ende nur in Form von Torero-Projektionen. Dafür wird diesmal mit Booten geschmuggelt statt über Berge. Insgesamt ist diese auf 1:55 Stunden gekürzte Best-of-Fassung jedenfalls optisch sehr gelungen und wird längerfristig in Erinnerung bleiben.

Musikalisch ist Dirigent Paolo Carignani am Pult der gut disponierten und nicht nur in den solistischen Passagen überzeugenden Wiener Symphoniker um Tempo, Dramatik, aber auch um rührende Momente bemüht (sofern man das durch die Kapuzen genau sagen kann).

Protagonistin 2

Sängerisch besticht Gaëlle Arquez als ausdrucksstarke, schön phrasierende, kraftvolle Carmen. Auch darstellerisch ist sie geradezu eine Idealbesetzung. Am Ende wird sie – Achtung, Spoiler! – diesmal im See ertränkt statt erstochen. Dank ihrer Tauchkünste (und einer im Kostüm versteckten Luftflasche) sieht das verblüffend echt aus.

Daniel Johansson als Don José forciert von Beginn an viel zu stark, klingt immer angestrengt und auch nicht sauber in der Intonation. Das macht ihn diesmal nicht zum Rivalen, sondern zum Verbündeten von Scott Hendricks als Escamillo. Bei der famosen Bregenzer Tontechnik bräuchte man nicht solche Sänger, die Kraft vor Ausdruck stellen. Elena Tsallagova singt die Micaëla berührend und schön, warum sie ihre große Arie in schwindelerregender Höhe in Carmens Hand singen muss, ist nicht klar.

Es bleibt die Erkenntnis, dass ein nass-feuchtes Bregenz attraktiver ist als so manches trockene Opernhaus.