Der künftige Staatsoperndirektor

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Bundestheater
12/21/2016

Bogdan Roščić wird Staatsoperndirektor

Übernimmt ab 2020 von Dominique Meyer - Roščić: Oper muss Fragen des Publikums von morgen beantworten

von Georg Leyrer

Bogdan Roščić wird ab 1. September 2020 Chef der Wiener Staatsoper. Er folgt damit auf Dominique Meyer, dessen Vertrag nach zehn Jahren ausläuft. Dies gab Kulturminister Thomas Drozda am Mittwoch bekannt.

"Die Staatsoper steht sehr gut da, ist gut ausgelastet", bedankte sich Drozda bei Meyer. Er habe entscheiden müssen, wer dieses wichtigste Kulturinstitut ab 2020 leiten soll. Er möchte die "Staatsoper als die Leitinstitution unserer Kulturlandschaft neu positionieren." Er stelle sich die Zukunft anders vor als das, was zuletzt an der Staatsoper angeboten wurde. Die Neuausrichtung sei für den derzeitigen Amtsinhaber alles andere als leicht, betonte Drozda.

Er habe sich zwei Fragen gestellt: Was er sich von der Führung erwarte und wer der Richtige sei. Die Staatsoper müsse inhaltlich, ästhetisch und qualitativ zu den Tophäusern zählen. Es müsste in allen Bereichen - Sänger, Dirigenten - die Besten der Welt in Wien auftreten. Dies verdiene "das beste Orchester der Welt" in der Staatsoper. Drozda will mehr Premieren und eine neue Form der Repertoirepflege. Die Staatsoper muss alle Altersschichten ansprechen, das Stammpublikum halten und in die Zukunft gehen.

Dank für "glasklaren Prozess"

Der künftige Staatsopernchef bedankte sich für den "glasklaren Prozess", dies sei "nicht selbstverständlich". Roščić sagte, dass sein Name "nicht unbedingt erwartet" worden sei, sondern dass es eine inhaltliche Entscheidung war. Es sei "die wichtigste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen haben werde." Denn sie bedeute Verantwortung für einen großen Gestaltungsprozess an einer der wichtigsten Kulturinstitutionen der Welt. "Wir werden noch viel zu sprechen haben über die Details an der Staatsoper."

Es sei aber wichtig zu sehen, wo Oper als Kunstgattung steht. "Sie wird seit 1945 in Permanenz totgesagt. Sie hat an Bedeutung verloren, sie ist nicht mehr ein selbstverständlicher Bestandteil unserer Sozialisation, einer jener Orte, von dem man sich zentrale Erlebnisse erwartet". Das Publikum "wächst nicht mehr einfach nach". Und die Oper stehe unter einer Konkurrenz, wie es das noch nie gegeben hat, um "das Geld und die Zeit des Publikums", sie stehe zwischen Broadway und "Breaking Bad".

"Ganz andere Tiefe"

Die Oper könne nicht mehr hoffen, den "Vergleich nicht mehr eingehen zu müssen". In New York sehe man bereits, was das bedeutet: "Dort ist jeder zweite Sitz leer." Oper müsse daher die Kraft haben, jeden Abend ihr Publikum zu erobern. Das Publikum von morgen brauche Antworten auf Fragen wie: "Was ist die Oper für mich?" Um das zu beantworten, brauche es Erlebnisse einer ganz anderen Tiefe und Intensität, als sie Opernroutine zu bieten hat. Oper "kann das, in einer Tiefe wie nichts anders. Aber sie muss liefern. Sie ist die größte Materialschlacht der Welt."

Er habe nun 1350 Tage bis zum Amtsantritt - und "die werde ich auch brauchen". Man müsse sich überlegen, ab wann "der Repertoiredruck" zu groß werde, es werde aber keine (auch nur gefühlte) Reduktion des Programmes geben. Er werde versuchen, das Budget auszuweiten - und meine damit nicht die öffentliche Hand. Der Zug für "Liveübertragungen um 20.15" im Fernsehen sei "abgefahren", aber es werde andere Wege für Übertragungen zu überlegen sein. Es sei "nicht dringlich", die Staatsopernaufführungen im Kino zu übertragen.

Die zeitgenössische Musik sei zuletzt "zu sehr als Feigenblattveranstaltung" gezeigt worden. Früher sei Oper "immer zeitgenössisch" gewesen. Eine Rückkehr dazu sei nicht zu erwarten, aber "es muss Ziel sein, und nicht - ich spreche kein konkretes Haus an - sich aus der Affäre zu ziehen." Man könne sich Ideen und Vorschlägen "öffnen". Die Staatsoper muss "in dieser Frage ernst machen".

Team an Dirigenten

Er brauche einen "musikalischen Ansprechpartner", sagte der künftige Direktor auf die Frage, ob es einen Musikdirektor geben wird. Die Staatsoper habe hier den renommiertesten Job der Welt zu vergeben. Er wolle "ein Team an Dirigenten", das regelmäßig am Haus ist.

Er beobachte andere Opernhäuser, die sich beim Einkauf von Produktionen "nicht zurückhalten", auch wenn der Anspruch sein müsse, das das Beste "in Wien entstehen" soll. Die Versuche der klassischen Musik, den Entfall von Plattformen in konventionelleren Medien dadurch zu kompensieren, dass man eigene gebaute Plattformen präsentiert, sei "problematisch". Es werde "Aggregatoren" geben, Plattformen, wo der "kulturinteressierte Weltbürger sich das abholt, was er will und braucht". Da federführend dabei zu sein, vielleicht sogar als Shareholder, sei "eine wichtige Aufgabe".

Er sei "über einen Umweg" zur klassischen Musik gekommen - über die Schallplatte. Meine ersten Erlebnisse waren Schallplatten, u.a. Lorin Maazels Einspielung von "Don Giovanni".

Lebenslauf

Roščić war u.a. Redakteur des KURIER und Ö3-Chef. Derzeit ist er Chef von Sony Classical in New York. Die Kür des Österreichers (1964 in Belgrad geboren) ist für viele eine Überraschung.

Bundestheater-Holdingchef Christian Kircher betonte, dass die Neubesetzung ein "ergebnisoffener Prozess" gewesen ist. Viele Personen wurden gehört, auch außerhalb der Bewerbungen, nicht nur zu Personen, sondern auch zu den Themen, um die es in Zukunft an der Staatsoper geht, etwa die Digitalisierung. Kircher freue sich über die Entscheidung.

Roščić im KURIER: "Phantom der Oper"

Neue Energie für die Oper

Noch dreieinhalb Saisonen, dann ist die Amtszeit von Dominique Meyer zu Ende. Sein Vertrag wird nicht vorzeitig gekündigt, er läuft nach zwei Perioden aus. Meyer wird dann zehn Jahre lang die Geschicke von Österreichs größter Kulturinstutition geleitet haben – das ist genug. Längere Amtszeiten sind auch international nicht üblich. Dass nun Bogdan Rošcic zum künftigen Opernchef gekürt wurde, zeigt, wie wichtig Minister Thomas Drozda eine Öffnung des Hauses ist.

Eine Öffnung auch für neues Publikum, eine Öffnung für neue Zugänge, ein völlig neuer Auftritt des altehrwürdigenOpernhauses auch in der Außenwirkung. Rošcic kennt den Klassikbetrieb von seinen Tätigkeiten bei Universal und seit einigen Jahren bei Sony. Er kennt das mediale Umfeld in Österreich, von seinen Tätigkeiten bei Presse und KURIER sowie als Ö3-Chef. Er ist mit Sängern und Dirigenten auf internationaler Ebene vertraut.

Was die szenische Komponente betrifft, lässt sich zur Zeit noch sehrwenig sagen. Die Größe des Hauses, gewisse Starrheiten des Systems und des Betriebes werden große Herausforderungen sein. Die Staatsoperwird aber zweifellos mit einer neuen, mit einer anderen Energie aufgeladen.

(Von Gert Korentschnig)

Der Austropop hatte wenig Freude mit ihm

Schon mit den ersten Gerüchten, dass Bogdan Roščić – der! ehemalige! Ö3-Chef! – die Wiener Staatsoper übernehmen könnte, konzentrierten sich die Reaktionen auf einen Umstand: Roščić’ Tätigkeit beim, und insbesondere bei der Reform des ORF-Senders Ö3. Die in diesen Reaktionen artikulierte Berührungsangst entzündet sich dabei an zwei Punkten: Vom Pop zur Klassik führt für viele auch heute noch kein mental gangbarer Weg; damit wird Roščić’ auch während seiner Tätigkeit als Opernchef umgehen müssen.

Und Roščić’ Ö3-Umstrukturierung hin zum kompromiss- wie gesichtslosen Formatradio verzeichnete auch Opfer. So ist seit Roščić’ Tätigkeit die Präsenz des Austropop im weitestverbreiteten (und am weitesten vom öffentlich-rechtlichen Auftrag entfernten) Sender des ORF radikal geschrumpft. Das sorgt bis heute für Missmut in der Branche. Damals riefen Vertreter des Austropop zu einem Ende des "Österreicher-Boykotts" auf. 1997 übergaben Künstler wie Andy Baum, Hubert von Goisern und Christian Kolonovits dem Nationalrat eine entsprechende Petition, in der man eine Änderung des Rundfunkgesetzes forderte. Dennoch ist, aus der damaligen ORF-Sicht heraus, die Neupositionierung des Senders ein durchschlagender Erfolg gewesen. Aufgrund von Roščić’ Reformen wurde es den damals aufkeimenden Privatradios so schwer wie nur irgend möglich gemacht. Medienpolitisch ein Problem, ist ein derartiger Managementerfolg (auch) ein dankbarer Eintrag im Lebenslauf.

Diesen Lebenslauf beim 1964 in Belgrad geborenen und 1973 nach Österreich eingewanderten Roščić auf Ö3 zu reduzieren, ist aber natürlich bei Weitem zu kurz gegriffen. Er ist inzwischen länger Plattenmanager im Klassikbereich, als er jemals beim Formatradio gewesen ist; und zwar bei zwei der renommiertesten Labels, Decca in London und derzeit Sony Classics in New York. Als Platten-Manager gehörten u. a. Anna Netrebko, Lang Lang, Rolando Villazón und Gustavo Dudamel zu seinen Künstlern.

Teamplayer

Roščić hat zudem bereits angedeutet, sich mit einem Team umgeben zu wollen. Dieses könnte jene Fragen beantworten, die in Roščić’ Vita offen bleiben, etwa in Hinblick auf die völlig fehlende Erfahrung im szenischen Bereich oder bei der Auswahl von aufstrebenden Stars für den Live-Betrieb.

Im KURIER, wo er – wie in der Presse – über Pop und Medien geschrieben hat, ist Roščić bis heute als hervorragender Stilist geschätzt.

Ein Gesamtkunstwerk mit Problemzonen

Die Staatsoper ist die mit Abstand größte Kulturinstitution des Landes. Sie hat in etwa 950 Mitarbeiter. Sie erhält pro Saison eine sogenannte Basisabgeltung (also öffentliche Gelder) von derzeit 63 Millionen Euro bei einem Gesamtbudget von etwa 110 Millionen. Die Fixkosten (vor allem für das Personal) übersteigen die Subvention, sodass die Mittel für künstlerische Produktionen seit Jahren von allen Verantwortlichen als zu gering beklagt werden (zuletzt gab es aber vier Millionen mehr).

Das ist schon das erste Problem, das auf jeden Operndirektor zukommt: Man kann künstlerisch nur investieren, wenn man entweder mehr einnimmt (was in Anbetracht der zumindest kommunizierten Auslastung von mehr als 99 Prozent nicht trivial erscheint). Oder wenn man anderswo spart – also auch die Strukturen angreift. Auf dieses Thema ging Bogdan Roščić bei seiner Präsentation noch nicht ein.

Repertoirefragen

Ein anderes Thema, das je nach Sichtweise eine Belastung oder eine Bereicherung ist, ist die hohe Anzahl an Repertoirestücken. Mit 55 Werken ist die Staatsoper weltweit Spitzenreiter. Roščić ließ zwar anklingen, dass er nur Stücke spielen wolle, bei denen hohe Qualität garantiert sei, ging aber auf den heiklen Punkt einer Verringerung nicht im Detail ein.

Was die Staatsoper ebenso einzigartig macht, ist das weltbeste Orchester, das zwischen Haus am Ring und der Tätigkeit als Wiener Philharmoniker pendelt. Vonseiten der Philharmoniker wurde angekündigt, "im Sinne des Hauses" positiv an die Sache heranzugehen, so Vorstand Andreas Großbauer.

Die Anzahl der Premieren (zuletzt zumeist fünf pro Saison) soll gesteigert werden – da hinkt Wien im Vergleich hinterher. Und was Uraufführungen betrifft, gibt es bestimmt auch große Bemühungen, aber noch keine konkreten Aussagen.

Wichtig wird jedenfalls sein, nicht nur die Dirigentenstars zu bekommen, sondern auch stets größten Wert auf das dirigentische Niveau im Repertoire zu legen.

In finanziellen Angelegenheiten steht dem Opernchef (dem amtierenden wie dem designierten in der Übergangszeit) Thomas Platzer als kaufmännischer Leiter zur Seite. Sein Vertrag läuft ebenso wie jener von Dominique Meyer bis 2020.

Warum Roščić überhaupt so früh bestellt werden musste? Weil Sänger und Dirigenten so lange im Voraus planen und jetzt Engagements fixiert werden müssen.