Bob Dylan

© EPA/DOMENECH CASTELLO

Der grimmige Alte heult und krächzt den Mond an
06/29/2014

Der grimmige Alte heult und krächzt den Mond an

Bob Dylan bot 7000 Besuchern in der Wiener Stadthalle eine begeisternde Zumutung.

von Guido Tartarotti

Nach dem Konzert schlurfen zwei ältere Damen schweigend durch den Märzpark Richtung Urban Loritz Platz. Sie sehen großartig aus, wie zwei ehemalige Blumenkinder aus dem Gemeindebau. Beide schütteln öfter den Kopf. Bis die eine sagt: "Oba de Stimm? Des is schon irgendwie ... oarg."

Dabei, sind sich Dylanologen einig, kläfft der Alte derzeit für seine Verhältnisse beinahe singvogelartig.

Anhand eines Dylan-Konzerts lässt sich sehr schön nachweisen, in welche Verwirrungen man kommt, versucht man, ein künstlerisches Erlebnis zu objektivieren.

Bob Dylan heult und krächzt und bellt sich durch Strophen, welche entfernt an die Lieder erinnern, die sie einmal waren – bevor sie von einer hervorragenden Band unter Anleitung des grimmigen Meisters in Scheiben gesägt wurden.

Das ist schiach!, rufen die einen, und haben natürlich Recht.

Wir finden genau dieses "schiach" aber schön, entgegnen die anderen. Dieses "schiach" hat Kraft und Wucht und Dringlichkeit, und es ist authentisch – genauso möchte der Alte es haben, alles andere wäre ihm fad, und uns auch. Und die haben mindestens genauso Recht.

Wie ein Song

Dabei: So arg ist es derzeit gar nicht. Dylans Band – allen voran das ehemalige Gitarren-Wunderkind Charlie Sexton – zelebrieren die 19 Songs wie einen einzigen. Manchmal taumelnd (wie das besoffen schunkelnde "Spirit On The Water" oder der gespenstische Walzer "Waiting For You"), dann wieder wütend, wie das von purer Verzweiflung angetriebene "Love Sick", dessen Zeilen er mehr ausspuckt, als sie zu singen: "I’m sick of love!"

Die Stücke – sechs davon stammen vom großartigen aktuellen Album "Tempest" – sind durchaus als sie selbst zu erkennen. Nur bei den wenigen Klassikern spielt Dylan mit seinem Publikum Verstecken. "She Belongs To Me" wird zum unheimlichen Geister-Blues, "Tangled Up In Blue" und "Simple Twist Of Fate" (beide von seinem Familienaufstellungs-Album "Blood On The Tracks") tänzeln stolpernd dahin, die Slide-Gitarre weint.

Bei der ersten Zugabe "All Along The Watchtower" lässt er die Band von der Leine (die plötzlich klingt wie Nick Caves Bad Seeds), während er die ohnehin mysteriösen Zeilen mehr flüstert, als singt. Und "Blowin’ In The Wind" zum Abschluss wird zur gemurmelten Klavier-Ballade, Mitsingen oder gar -Klatschen völlig unmöglich (obwohl es manche versuchen).

Abgesehen von einer kurzen Ansage der Pause richtet Dylan kein Wort an sein Publikum, er wartet auch kaum den Applaus ab, sondern hetzt sofort in den nächsten Song. Wie ein greisenhafter Revolverheld steht er am Mikro, ab und zu ein paar gewagte Tanzschritte andeutend (was bei ihm beinahe als Bühnenshow durchgeht). Oder er verkriecht sich hinterm Flügel, merkwürdige Akkorde anschlagend. Hinreißend sein Mundharmonikaspiel: Minimalistisch, scharf, wie bellender Husten.

Dylans (pünktlich auf die Minute um 19.30 Uhr beginnendes) Konzert ist eine hinreißende Zumutung, ein einziger geheulter, gekrächzter, unheimlicher Blues. Musik an der Grenze des Zerfalls. Sehr beeindruckend.

KURIER-Wertung:

Ein Musikmythos in Bildern

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