Sie sind die Roboter - und sie übernehmen immer mehr Jobs.

© REUTERS/Toru Hanai

Analyse
06/09/2015

Blasen uns die Roboter den Marsch?

Roboter übernehmen immer mehr Jobs – auch jene der Hochqualifizierten. Sind die Kreativen davor sicher?

von Georg Leyrer

Die Arbeitswelt könnte vor einer immensen Weichenstellung stehen – die schon demnächt eintreten dürfte: Viele Jobs werden durch intelligente Roboter oder Computerprogramme ersetzt.

Was nach ferner Zukunftsmusik klingt, ist teils schon Realität: Selbst in China werden zunehmend lernende Roboter in der Produktion eingesetzt. Und diese Roboter können viel mehr als Autos zusammenschrauben: Die Entwicklung geht in Richtung lernende Maschinen, die viele verschiedene Jobs verrichten können.

Was ist das Problem?

Dadurch fallen zuerst viele jener Jobs weg, die wenige oder keine Ausbildung erfordern. Das betrifft vorerst überproportional junge Männer, oft auch Migranten. Ein oft genanntes Beispiel sind, durch automatisierte Fahrzeuge, Taxi-, U-Bahn- und LKW-Fahrer. So wird etwa die geplante Wiener U-Bahn U5 ohne Fahrer auskommen. Callcenter-Jobs oder jene an den Supermarktkassen könnten ebenfalls bald automatisiert werden. Aber auch die sogenannten Wissensjobs sind nicht sicher: Juristische Recherchen, Übersetzungen, Texterstellung (auch für Medien) oder auch das Steuern von Flugzeugen und Zügen können künftig Computeraufgabe sein.

Was hat das aber mit Kultur zu tun?

Der Jobmarkt für die sogenannten Kreativen ist derzeit nicht gerade rosig; viele Kulturschaffende erzielen nur niedrige Einkommen, und das mit einem hohen Grad an Selbstausbeutung. Dennoch, so die These einiger Experten, könnten die Kreativen für die Herausforderungen des Jobmarktes der Zukunft besser aufgestellt sein als andere Arbeitskräfte: Denn kreative Ideen oder ungewöhnliche Job-Experimente seien schwerer ersetzbar als manuelle oder sich wiederholende Tätigkeiten.

Von welchen Jobs reden wir hier eigentlich?

Die neuen Jobs sollen vielfältig sein: Sie kommen aus der Kreativwirtschaft (Architektur, Design), aber auch aus kreativen Serviceleistungen (nachhaltige Essensversorgung, städtisches Zusammenleben, Freizeitgestaltung), aus der neuen Selbermach-Bewegung und aus Kunst und Kultur.

Schön und gut, aber man hat bei anderen Jobs auch geglaubt, dass sie nicht von Automatisierung bedroht sind.

Stimmt. Eine ungelöste Frage ist darüber hinaus, wie die neue Arbeit abgegolten wird, nicht zuletzt auch, wenn es bei den potenziellen Konsumenten in einer ersten Phase der Arbeitsmarkt-Veränderung Einkommensverluste durch Arbeitslosigkeit gibt. Viele der neuen kreativen Leistungen sind aufwendig und teurer.

Ist das schon wieder das übliche Schwarzmalen?

Kommt drauf an. Die Wirtschaft ist eher positiv gestimmt: Sie erwartet sich durch weitere Automatisierung billigere Produktion und einen höheren Lebensstandard. Für die Arbeitenden könnte es ruppiger verlaufe: Möglich sind steigende Dauer-Arbeitslosigkeit und eine Umwälzung der Gehaltsverteilung. "Die digitale Moderne des 21. Jahrhunderts hat enorme Potenziale, etwa auf dem Gebiet der Bildung, birgt aber angesichts des Tempos und der Reichweite digitaler Intelligenz und Robotik auch große Risiken", sagte Christoph Thun-Hohenstein, Direktor des Museums Angewandter Kunst (MAK), zum KURIER.

Museum? Was hat ein Museum damit zu tun?

Das MAK widmet sich in der "Vienna Biennale" (ab Donnerstag) den Themen Zukunft der Stadt und der Arbeit (siehe rechts). Der Gedanke dahinter: Wenn die kreativen Jobs die Jobs der Zukunft sind, müssen die Kreativen diese Zukunft mitgestalten.

Müssen wir jetzt also alle kreativ werden? Das glauben doch nur die gut situierten Bobos in den Stadtbezirken.

Der Lastwagenfahrer, der seinen Job verliert, wird nicht plötzlich zum Kleinunternehmer im Kreativbereich werden. Hier stellen sich Fragen der Ausbildung und Integration, die in den aktuellen Reformdiskussionen außer Acht gelassen werden. Geschichtlich haben Innovationen immer auch viele neue Jobs gebracht. Doch die sogenannte "digitale Moderne" ist anders – milliardenschwere Unternehmen kommen oft mit wenigen Dutzend Mitarbeitern aus. Ob ähnlich viele neuartige Jobs entstehen werden, wie alte verloren gehen, ist fraglich.

Der passende Soundtrack:

Was hat die Stadt damit zu tun?

Die Entwicklung ist eindeutig: Die großen Städte weltweit wachsen unaufhaltsam; hier stellen sich die Probleme – Bevölkerungsdichte, Arbeit, Energie, Verkehr – der Zukunft.

Und hier sind nach Meinung vieler Experten ebenso die Lösungen für diese Herausforderungen zu finden. "Städte machen auch Probleme, aber sie tragen noch mehr dazu bei, Probleme zu lösen", sagt etwa Angelika Fitz im KURIER-Interview.

Die Kuratorin ist Teil des "Vienna Biennale Circle", der sich vertiefend mit den Themen der Biennale beschäftigt – und ganz konkrete Ergebnisse liefern will. So sollen u.a. zwölf Thesen zur Zukunft der Arbeit formuliert werden. Diese Zukunft ist eng mit der Stadt verknüpft, sagt Fitz: "Im Unterschied zu vielen Unternehmen wird eine Stadt produktiver und kreativer, je größer sie ist."

Neue Jobs

"Stadt ist nicht nur das Gebaute, sondern ein komplexes kulturelles und soziales System", betont Fitz. "Es geht ganz stark darum, dass Bürger sich mit ihren Ideen einbringen und vieles mitgestalten." Dabei handelt es sich u.a. um Baugruppen oder kleine urbane Gärten, die die Bewohner pflegen.

Und es geht um mehr als um den Jobmarkt: "Die Frage nach dem guten Leben wird von immer mehr Menschen sehr grundsätzlich gestellt", sagt Fitz. Dabei spiele das Digitale, vor allem: "ein anderer kreativer Umgang mit dem Digitalen" eine große Rolle. Deswegen könne man nicht einfach sagen, "sollen diese Spinner im Silicon Valley mal machen". Denn dort werde "an ganz wichtigen Fragen der Zukunft" geforscht, etwa an der Bildung, an der Stadt, an der Arbeit. "Es geht auch darum, eine europäische Position einzunehmen, die Idee einer solidarischen Gesellschaft nicht einfach aufzugeben."

Und daher müsse man "diese Themen – was sinnvolle Arbeit ist, was eine solidarische Gesellschaft ist und was Kunst und Kreativität damit zu tun haben – wieder salonfähig machen".

Alles zur Vienna Biennale

"Vienna Biennale" im MAK

Bei der ersten "Vienna Biennale" (11. 6. bis 4. 10.) geht es um die Zukunft, insbesondere der Stadt und der Arbeit. Wie sich Menschen künftig fortbewegen, was sie essen, woher die Nahrung kommt, welche Jobs neu geschaffen werden können, wie die Bewohner gemeinsam die Umstände ihres Lebens festlegen – all das soll thematisiert werden.

Kooperation

Betrachtet werden soll dies aus dem Blickwinkel mehrerer Kunstsparten und Institutionen.

Das MAK kooperiert u.a. mit der Universität für angewandte Kunst, der Kunsthalle Wien, dem Architekturzentrum und der Kreativförderagentur departure.

Vienna Biennale Circle

Zugleich treffen einander Experten verschiedenster Disziplinen (auch über die Dauer der Biennale hinaus), um die Themen zu vertiefen. Ergebnis dieses "Vienna Biennale Circle" soll ein Ausstellungsmanifest mit dem Titel "Die Kunst zu arbeiten. Handeln in der digitalen Moderne" sein. Darin sollen u.a. Thesen zur Zukunft der Arbeit formuliert werden. Die Frage ist etwa, wie das knappe Gut Arbeit neu verteilt wird und was der Konsument beitragen kann.

Ausstellungen

Die Besucher der Biennale bekommen mehrere Ausstellungen geboten.

Mapping Bukarest im MAK widmet sich der rumänischen Kunst- und Kulturszene vor dem Hintergrund von kulturellen, politischen und industriellen Umbrüchen. Uneven Growth in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art (New York) den Megacities, jenen Riesenstädten mit Millionen Einwohnern, die exemplarisch zeigen, wie die Menschen in Zukunft leben. Und das Architekturzentrum Wien initiiert einen Ideenwettbewerb zum Stadthaus der Zukunft.

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