Kultur
01.02.2012

Bilder voller Schock und Aaaah im Essl

Anselm Kiefer beißt nicht: Diese Einsicht lässt sich in der Schau des deutschen Großmalers im Essl Museum gewinnen.

Karlheinz Essls Augen blitzen vor Freude, als er Journalisten durch die neue Anselm-Kiefer-Ausstellung führt: Hier, in seinem Museum, hat der Sammler seine Werke des deutschen Kunststars selbst nach seinem Gutdünken gehängt und arrangiert. Bis auf wenige Ausnahmen sind es massive, mächtige Bilder und Skulpturen, die Essl gemeinsam mit seiner Frau Agnes seit 2003 angekauft hat.

Die Präsentation der erstandenen Werke sagt auch etwas über Essls Bewunderung für den Künstler aus. Im zentralen Raum wurde etwa zwischen zwei Hochformaten so viel Platz gelassen, dass die Besucher sich notfalls an die Wand lehnen können, um den richtigen Abstand zum Bild gegenüber zu bekommen: Knapp vier mal sechs Meter misst das Werk "Tönend wie des Kalbs Haut die Erde", das Berge, ein abgeerntetes Feld und ein riesiges Stethoskop zeigt: Nichts weniger als der Weltorganismus selbst will hier belauscht werden. Da kann es einen schon gegen die Wand schleudern.

O Schreck!

Wie kaum ein anderer lebender Künstler hat Kiefer die Strategie des "Shock and Awe" perfektioniert. "Schrecken und Ehrfurcht" gebieten seine Werke nicht nur durch ihr imposantes Format und die alle Sinne ansprechenden Materialien, sondern auch durch ihren intellektuellen Unterbau: Um Kiefers Bildsprache zu entschlüsseln, hilft es, bibelfest zu sein, etwas von der jüdischen Geheimlehre Kabbala, nordischer Mythologie und Alchemie zu verstehen und außerdem die Werke von Paul Celan, Ingeborg Bachmann und des russischen Futuristen Velimir Khlebnikov gut zu kennen.

Wer sein Haupt dann nicht ehrfürchtig gesenkt hat, mag anmerken, dass all das nur ein Podest für Kiefer darstellt: Denn natürlich kann niemand all die Geheimnisse so gut kennen wie der Meister selbst.

Keine Angst!

Es wäre nicht das Essl Museum, würde es angesichts solcher Kunst nicht großen Vermittlungswillen an den Tag legen: Zusätzlich zu Karlheinz Essls Vorgabe, möglichst wenige Werke pro Raum zu zeigen, hat das Team auch zu jedem Werk Erläuterungen in Boxen an der Wand deponiert. Wo einzelne Bilder auf literarische und biblische Vorlagen Bezug nehmen – und das tun sie oft – ist der vollständige "Quellentext" an der Wand zu lesen. Etwa das Hölderlin-Gedicht "Griechenland", aus dem der Vers "Tönend wie des Kalbs Haut die Erde" stammt.

Solche Hilfestellungen erleichtern zu begreifen, wie virtuos der Künstler Dinge, Bilder und Worte als gleichwertige poetische Vokabeln einsetzt: Die schwarzen Haare, die bei Kiefer ein schweres Buch durchziehen, bekommen etwa durch Paul Celans Holocaust-Verarbeitung "Todesfuge" (mit der Zeile "... dein aschenes Haar Sulamith") Dringlichkeit.

Dass Kiefer mit seiner Kunst bewegen kann, steht außer Zweifel – der Gestus des Welterklärers, mit dem er sich gern umgibt, kann aber auch ganz schön inszeniert wirken. Die bierernsten Kiefer-Zitate, die in der Schau ebenfalls zu lesen sind, verstärken diesen Eindruck. Doch vielleicht entsteht gerade so Mehrwert: All der geballte Ernst regt an, Kiefer nicht nur mit Respektabstand, sondern auch einmal mit kritisch-ironischer Distanz zu begegnen.

Anselm Kiefer: Werke im Essl Museum

Der Künstler: Anselm Kiefer wurde 1945 im deutschen Donaueschingen geboren. Er studierte zunächst Romanistik und Jus, bevor er auf Malerei umsattelte. 1993 übersiedelte er nach Südfrankreich, heute lebt und arbeitet er in Paris, wo er ein großes Atelier mit zahlreichen Mitarbeitern führt.

Die Ausstellung: Das Essl Museum zeigt vom 3. Februar bis zum 29. Mai insgesamt 15 Werke aus der Sammlung von Agnes und Karlheinz Essl.

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