Regina Fritsch als "Erna" und Barbara Petritsch als "Grete" in "Die Präsidentinnen"

© APA/HERBERT P. OCZERET

Champions League
12/21/2015

Best of Theater 2015: Unsere Highlights

Die Höhepunkte des Jahres 2015, in streng subjektiver Redaktions-Sicht.

von Barbara Mader, Guido Tartarotti

Ein spannendes Theaterjahr geht zu Ende. Im Volkstheater übernahm Anna Badora das Ruder (und tauschte fast alle Schauspieler aus), die ersten Monate enttäuschten. Vielleicht zeigt das Haus schon im Jänner mit "Romeo und Julia", was es kann. Das Burgtheater hat sich konsolidiert (und ist manchmal auf hohem Niveau ein bisschen fad). Die Josefstadt ist in großer Form und liefert hoch interessante Inszenierungen.

Die Landestheater sind viel besser als ihr Ruf, vor allem St. Pölten fällt mit starken Arbeiten auf. Im Off-Theater-Bereich brilliert das TAG mit tollen Aufführungen, der Rabenhof bietet verlässlich kluges Volks- und Kabarett-Theater. Das WerkX platzt vor Ideen, kämpft aber mit Spielort und dem Glück. Ach ja: Die Walfischgasse fehlt schmerzhaft.

Das vergangene Jahr war auch im Theaterbereich ein schwieriges. Wir haben deshalb zum ersten Mal nun die Kategorie "Enttäuschung des Jahres" eingeführt.

Schauspielerin des Jahres

  1. Regina Fritsch ist fantastisch. Nicht, dass das jetzt wirklich eine Überraschung wäre. Seit drei Jahrzehnten ist die zierliche Niederösterreicherin am Burgtheater, seit knapp einem Jahr Trägerin des Alma-Seidler-Rings und damit laut Definition die „würdigste Bühnenkünstlerin des deutschsprachigen Theaters“. Aber. Was Fritsch nun als Erna in den „Präsidentinnen“ (siehe Aufführung des Jahres) zeigt, ist eine neue Facette ihres Könnens: Ein bigottes, bösartiges Sparsamkeitsmonster, verliebt in den Papst, niederträchtig zu den Mitmenschen. Die Rattenpelzhaube steht ihr bestens!
  2. Auf sie kann man sich verlassen. Swintha Gersthofer war heuer eine souveräne Jessica in Sartres „Die schmutzigen Hände“ am Landestheater St. Pölten und faszinierte ebendort als gelähmte, ihre Mitmenschen quälende Edith in der Zweig-Dramatisierung „Ungeduld des Herzens“. Als verzweifelt Liebende Helena begeisterte sie im „Sommernachtstraum“: Die gebürtige Schweizerin ist in den letzten Jahren zu einer großen Stütze im Landestheater geworden. Sie holt stets das Maximum aus ihren Rollen heraus und ist konstant fabelhaft: Zerbrechlich, stark, überwältigend.
  3. Die Wiener Schauspielerin und Sängerin Sona MacDonald fällt seit Jahren mit konstant großer Form auf. Derzeit ist sie in zwei bemerkenswerten Produktionen der Josefstadt mit herausragenden Leistungen zu erleben. Im Haupthaus brilliert sie in einer schonungslosen, radikalen Neufassung von Strindbergs „Fräulein Julie“ an der Seite des ebenfalls großartigen Florian Teichtmeister. Und in den Kammerspielen sorgt sie ebenfalls für ein Ausnahmeereignis: In „Blue Moon“ verkörpert sie atemberaubend die große, tragische Jazz-Sängerin Billie Holiday.

Schauspieler des Jahres

  1. Schön, dass Joachim Meyerhoff wieder so oft bei uns zu sehen ist. In großer Form kann man den gebürtigen Homburger im Burgtheater in der aktuellen Inszenierung des „Eingebildeten Kranken“ sehen. Herbert Fritschs radikalhumorige Bearbeitung des Stoffes ist umstritten, aber sehr sehenswert. Und Meyerhoff brilliert als Hypochonder, dem die Angst Gesichtszüge und Gelenke verzerrt. Noch ein Geschenktipp für Spätentschlossene: Meyerhoffs neuer, wieder großartiger Roman „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“.
  2. Susanne Lietzows überzeichnete Inszenierung von Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ fiel beim Großteil des Publikums und der Kritiker durch. Aber selbst dem wütendsten Zuschauer fiel auf, dass da ein Ausnahmetalent den gnadenlos opportunistischen Diener Johann spielt, der in dieser Inszenierung in einem Couplet von Hans Rauscher leicht erkennbar einen FPÖ-Karrieristen darstellt: Sebastian Pass ist der auffälligste Schauspieler im neuen Volkstheater-Ensemble, Wien wird mit ihm viel Freude haben.
  3. Ein verzweifelt Sinnsuchender, „leider mit IQ geschlagen“ , entwickelt sich zum besessenen Liebeswahnsinnigen, der über Leichen geht und zuletzt vor den Trümmern seines Strebens steht. Julian Loidl ist als „Faust“ im TAG (Theater an der Gumpendorfer Straße) der moderne Mensch der saturierten westlichen Gesellschaft schlechthin. Weiß alles, hat alles und fragt sich ständig: Wozu? Loidl, seit 2012 Ensemble-Mitglied des TAG, brillierte zuletzt auch in der Schalko-Serie „Altes Geld“ als Max, der Chauffeur.

Aufführung des Jahres

  1. Werner Schwabs Präsidentinnen funktionieren auch 25 Jahre nach Waldheim und Kirchenskandal. David Bösch inszeniert sie im Sinne Schwabs als Radikal-Reality. Man lacht angesichts der Verdauungssprache, aber mit guter Unterhaltung hat das nichts zu tun. In dieser kalten Küche herrscht das nackte Grauen. Was als leise, bösartige Pensionistinnen-Beckmesserei beginnt, endet in einer blutigen Schlacht – Ausstatter Patrick Bannwart arbeitet punktgenau. Regina Fritsch, Stefanie Dvorak und Barbara Petritsch liefern Maßarbeit.
  2. Sebastian Schugs Sommernachtstraum am Landestheater NÖ stieß zum Wesentlichen vor: In dieser lüsternen Komödie, hier unterlegt mit E-Gitarre, steckt unsere lächerliche Existenz. Wie schnell wir lieben, begehren, entlieben, rasen, hassen. Und am Ende war’s bloß ein Traum. Mit Showeinlage. Lieblingsszene: Titanias Elfenhelfer Senfkorn (Helmut Wiesinger), ein älterer Mann im Ballettröckchen, singt den schlafenden Athenern mit zärtlich-brüchiger Stimme ein Wiegenlied: „Because the night belongs to lovers.“
  3. Spannende Volkstheater-Inszenierungen findet man derzeit eher in der zweiten, kleinen Spielstätte im „VolxMargareten“ – etwa Nikolaus Habjans Bearbeitung von Christine Lavants „Das Wechselbälgchen“ für Puppen und Schauspieler. Geradezu sensationell ist das von Dušan David Pařízek inszenierte Handke-Solo Selbstbezichtigung. Stefanie Reinsperger beweist darin, dass sie völlig zu Recht derzeit mit Auszeichnungen überschüttet wird: Eine virtuose, aber gleichzeitig auch schmerzhaft intime Performance.

Enttäuschungen

  1. Anna Badora ist eine spannende Wahl als neue Direktorin des Wiener Volkstheaters – in Graz sorgte sie mit zeitgemäßen Produktionen für ein volles Haus und gute Kritiken. In Wien verläuft ihre erste Saison bisher glücklos. Der Umbau lässt den Zuschauerraum wie einen Circus aussehen, trotz reduzierter Sitzplatzzahl bleiben immer öfter Plätze leer, sogar bei Premieren. Große neue Inszenierungen wie „Fasching“ oder „Zu ebener Erde und erster Stock“ stürzten ab. Das Volkstheater gilt zu Recht als schwieriges Haus.
  2. Er hatte ein schweres Erbe angetreten: Tomas Schweigen löste im Herbst den nach Basel gegangenen Andreas Beck als Intendant des Wiener Schauspielhauses ab. Beck hatte in seiner achtjährigen Intendanz wichtige Akzente gesetzt. Schweigen wollte die Bühne in der Porzellangasse als politisch und zeitgenössisch positioniertes Ensembletheater belassen. Die ersten Produktionen wurden allerdings zu herben Enttäuschungen. Bunte Abende, bemüht, nicht überzeugend. Hoffnung bringt der Jänner mit „Anatol“.

  3. Das WerkX gilt als Prestigeprojekt rotgrüner Kulturpolitik: Das erfolgreiche Leitungsteam der Off-Bühne Garage X im ersten Bezirk sollte die Räumlichkeiten des Kabelwerks in Meidling übernehmen und dort für Furore sorgen (mit „postmigrantischem Theater“ und anderen aktuellen Spielformen). Mit manchen Inszenierungen („Proletenpassion“) traf das Team in Schwarze, mit anderen („Die Räuber“) gar nicht. Hauptproblem bleibt die Lage: Zu wenige Meidlinger kommen, zu wenige Nichtmeidlinger finden hin.

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