Christian Nickel, Martin Zauner, Udo Samel und Wolfgang Michael (von links) in "Auslöschung" von Thomas Bernhard im Theater in der Josefstadt

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Kritik
02/26/2016

Familien-Aufstellung mit Weinflaschenstöpselfabrikant

Eine zarte Enttäuschung: Bernhards "Auslöschung" in der Josefstadt.

von Guido Tartarotti

Thomas Bernhard werde 20 Jahre nach seinem Tod vergessen sein, urteilte Werner Schneyder einmal gallig. Da irrte der scharfsinnige Beobachter ausnahmsweise: Bernhard ist 27 Jahre tot, und seine Stücke sind nicht nur nicht vergessen, sie werden wie wild gespielt. Zudem dramatisiert jedes Theater, das etwas auf sich hält, Bernhards Romane. Im Volkstheater ist "Alte Meister" zu sehen, in der Josefstadt hatte jetzt "Auslöschung" Premiere.

Die Zeiten haben sich dennoch geändert. Sorgte Bernhard früher für Skandale, herrscht nun gemütliche Feierstimmung, am Ende gibt es freundlichen Applaus und Bravos. Nur noch wenige kann man über den "Nestbeschmutzer" murren hören. (Dabei war Bernhard eher einer, der in zugegeben drastischen Worten auf die bereits vorhandene Beschmutzung des Nests hinwies.)

Familienvernichtung

Oliver Reese, Erfolgsintendant in Frankfurt und demnächst Claus Peymanns Nachfolger beim Berliner Ensemble, hat für die Josefstadt Bernhards vernichtendsten Roman dramatisiert und selbst in Szene gesetzt. Er hat "Auslöschung" dabei drastisch gekürzt und auf die Familiengeschichte verdichtet: Der Literatur-Wissenschaftler Franz-Josef Murau muss zum Begräbnis von Vater, Mutter und Bruder zurück ins verhasste Elternhaus und steigert sich in eine manische literarische Familienaufstellung, die eher einer Familien-Vernichtung gleichkommt und auch die eigene Person mit einschließt.

Reeses Textfassung funktioniert wunderbar, sie reduziert Bernhards Gedanken-Flut auf das Wesentliche und hat eine klare dramaturgische Struktur. Reeses Inszenierung dagegen hat etwas Schablonenhaftes, das manchmal durch Kabarettismus durchbrochen wird.

Reese hat den Text auf vier Personen aufgeteilt, die alle den Erzähler Murau verkörpern, aber auch andere Figuren andeuten. Martin Zauner ist brillant, zwischen Komödie und Tragödie wechselnd; Udo Samel rührt an; Christian Nickel ist jugendlich-aufbegehrend; Wolfgang Michael ein Gespenst kurz vor dem Verlöschen.

Gespielt wird bis zur Pause vor dem Vorhang, danach zwischen Wänden, die einerseits wie Baumstämme aussehen (eine Anspielung auf "Holzfällen"?), andererseits auch Korken darstellen könnten (eine Anspielung auf das im Text immer wieder vorkommende Ekel-Wort "Weinflaschenstöpselfabrikant").

Den größten Lacher bekommt eine Dame im Publikum, die nach einer hasserfüllten Passage über die Ehe einen tiefen Seufzer der Zustimmung hören lässt.

Fazit: Ein interessanter Abend, der das zarte Gefühl der Enttäuschung hinterlässt.

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