Kultur 06.05.2012

Berlinale-Blog: Meine Bären

Wer gewinnt bei der Berlinale die begehrten Preise? So würde ich wählen.

Ich kenne Werner Herzog leider nicht persönlich. Aber alle, die den genialen Filmemacher kennen, behaupten, dass er sich als Jurypräsident der Berlinale massiv gegen allzu kommerzielle Ware (die ja in Berlin ohnehin kaum zu sehen war) und für künstlerisch hochwertige Außenseiter einsetzen wird. Ich wäre gerne als Mäuschen dabei, wenn Herzog mit seinen Jurykolleginnen Conny Froboess und Renee Zellweger über die Vergabe der Preise diskutiert. Eine homogene Jury sieht jedenfalls anders aus.
Die meisten Wettbewerbsfilme habe ich in Berlin gesehen (und freilich nur einen Bruchteil der insgesamt 400 Filme in sämtlichen Nebenschienen). Eindeutige Favoriten zeichnen sich nicht ab. Tipps abzugeben, wäre wie Kaffeesudlesen. Ich kann nur sagen: So würde ich stimmen (im Wissen, dass ich vielleicht völlig daneben liege).

Goldener Bär für den besten Film: Den würde ich an "Submarino" von Thomas Vinterberg verleihen. Eine zutiefst berührende Geschichte über zwei Brüder, die als gescheiterte Existenzen im Gefängnis landen.

Silberner Bär für die beste Regie: Bekäme bei mir die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic, die mit finanzieller Unterstützung aus Österreich "Na putu" realisiert hat. Gut möglich, dass sich die internationale Jury in Berlin in dieser Kategorie für Roman Polanskis "Ghostwriter" entscheidet - auch als politisches Statement.

Silberner Bär für die beste Darstellerin: Shinobu Terajima in Wakamatsus "Caterpillar" - eine grandiose Abrechnung mit Kriegsheldentum.

Silberner Bär für den besten Darsteller: Hier tue ich mir am schwersten. In Frage kommen sowohl Tobias Moretti, als auch Moritz Bleibtreu in "Jud Süß - Film ohne Gewissen", Andreas Lust in "Der Räuber" und Stellan Skarsgard in "A Somewhat Gentle Man" von Hans Petter Moland - einer der wenigen lustigen und gleichzeitig emotional kraftvollen Filme.

Silberner Bär für das beste Drehbuch: Alexej Popogrebski für "How I Ended This Summer". Wie er aus einer Nicht-Geschichte - zwei völlig unterschiedliche Männer treffen einander auf der Wetterstation einer arktischen Insel - enorm viel macht, ist hinreißend.

Meine Gesamtbilanz des Festivals: Zu depressiv, zu trist, zu wenig glamourös für eine Jubiläumsausgabe. Aber wahrscheinlich wollte Festivalchef Dieter Kosslick gerade zur 60. Berlinale keinen allzu plakativen Starauflauf.


19. Februar

Gert Korentschnig, Stellvertretender Chefredakteur des KURIER und Ressortleiter Kultur und Medien, blickt Tag für Tag hinter die Kulissen der Berlinale.

( Kurier ) Erstellt am 06.05.2012