Kultur
17.01.2018

"Bergdoktor": Der einsame Wolf

Dr. Martin Gruber ordiniert wieder. Für Hans Sigl geht es in die elfte Staffel.

Hans Sigl ist wohl der lebende Beweis dafür, dass Dankbarkeit ein Schlüssel zum Erfolg sein kann. "Es war bis hier her eine schöne und lange Reise. Ich bin dankbar für diese Zeit und die Möglichkeit, diese Serie mitprägen zu dürfen. Ich hatte wundervolle Begegnungen mit großartigen Kollegen", sagt der 48-jährige Schauspieler im KURIER-Interview.

Das sind aber keine Worte des Abschieds, denn für Hans Sigl ist nach zehn Jahren und über 100 Folgen als Dr. Martin Gruber noch lange nicht Schluss. Er wolle weiterhin in Ellmau am Fuße des Wilden Kaisers ordinieren, sagt Sigl, der sich als Botschafter der Region sieht und sich schon auf weitere Dreharbeiten freut.

In die 2800-Einwohner-Gemeinde im Bezirk Kufstein verirren sich aber nicht nur Bergsteiger, sondern auch stets zahlreiche Fans des "Bergdoktor", der seit Jahren zu offiziellen Fantagen inklusive Festen lädt. Das nächste "persönliche Kennenlernen mit Hans Sigl und seinen Schauspielkollegen" findet übrigens am 17. Mai statt. Um 25 Euro ist man dabei. Ende der Werbeeinschaltung.

KURIER: Herr Sigl, Tausende Fans pilgern jährlich nach Ellmau und besuchen Sie bei den Dreharbeiten. Wie gehen Sie mit diesem Rummel um?
Hans Sigl: Ich freue mich, dass wir mit unserer Serie die Leute dazu bewegen, von Ihrer Couch aufzustehen und in die Natur zu fahren. Das ist doch toll und wenn sie uns dann am Drehort oder bei den Fan-Tagen besuchen, unterhalte ich mich gerne mit den Menschen und erfahre interessante Geschichten.

Kommen hin und wieder Leute auf Sie zu, die von Ihnen behandelt werden möchten?
Nein. Und wenn, dann nur im Spaß. Es will ja auch niemand von Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser festgenommen werden (lacht).

Wie reagieren Sie auf solche Anfragen?
Genauso, wie auf solche Fragen. Ich habe immer einen Block mit Überweisungsformularen bei mir (lacht).

Für viele Fans verschwimmt die Grenze zwischen Serienstar und Privatmensch. Woran fällt Ihnen das gelegentlich auf?
Manchmal begegne ich Menschen, wenn ich gerade beim Einkaufen bin oder im Restaurant sitze und manchmal werden dann Handys gezückt und Fotos gemacht. Das ist ja einerseits schön, aber andererseits bin ich ein großer Freund von Höflichkeit und fände ein kurzes "Hallo" vorab, vielleicht gefolgt von einem "darf ich ein Foto machen" noch schöner.

Was macht die Serie eigentlich so erfolgreich?
Da kommen viele Faktoren zusammen. Es sind Geschichten, die Menschen berühren und das Ensemble, das über all die Jahre kaum verändert wurde. Das vermittelt eine Kontinuität und Vertrautheit. Ein ganz großes Pfund ist natürlich die Landschaft. Der Wilde Kaiser schummelt sich immer wieder fast schon unbemerkt ins Bild und seiner Schönheit kann man sich fast nicht entziehen. Unsere Filme berühren die Zuseher – das ist es wahrscheinlich im Wesentlichen.

Sie sind ja mit der ersten Bergdoktor-Reihe (1992–1997) aufgewachsen. Welcher Bergdoktor ist Ihnen von damals in Erinnerung geblieben?
Ja, ich erinnere mich noch genau an Gerhart Lippert, den ersten "Bergdoktor", denn in einer Folge durfte ich damals mitspielen. Ich war Taxifahrer, holte Michaela May vom Bahnhof ab ... Mein allererster Drehtag überhaupt. Das bleibt einem im Kopf.

Wann kommt für Sie die Zeit, die Ordination zu übergeben?
Das weiß ich nicht. Vermutlich werde ich eines Tages aufwachen und wissen, jetzt ist es gut. Dann rufe ich unseren Produzenten an und dann machen wir uns Gedanken über Martins Abgang. Im Moment verspüre ich diesen Drang allerdings nicht.

Hätten Sie einen Nachfolger, eine Nachfolgerin im Kopf?
Nein, darüber können sich andere Gedanken machen, wenn es so weit sein sollte. Aber wie gesagt, das ist derzeit kein Thema.

Wie hat sich der Bergdoktor in den vergangenen Jahren verändert?
Die Serie an sich hat seine größte Veränderung schon vor einigen Jahren erlebt, als die fünfte Staffel entstand. Plötzlich hatten wir nicht mehr 45 Minuten für eine Folge, eine Krankengeschichte samt Heilung und Rahmenhandlung, sondern 90 Minuten. Das ermöglicht uns, sich intensiver mit den Hintergründen der Krankheit und des Erkrankten zu beschäftigen. Das gab insgesamt mehr Tiefe. Auch technisch gesehen hat sich einiges getan: 2008 wurde noch mit analoger Kamera gedreht, mittlerweile ist man aber längst im digitalen Zeitalter angekommen. Wir sind jetzt auch in Ultra HD zu sehen, wenn man ein entsprechendes TV-Gerät hat. Und die Figur Martin Gruber hat sich über die Jahre natürlich auch verändert, er ist tiefgründiger, psychologischer geworden.

Warum fällt es dem "Bergdoktor" so schwer, eine Beziehung zu führen?
Der einsame Wolf. Er hat einfach noch nicht die Richtige gefunden. Es waren oft die äußeren Umstände, die es am Ende dann doch "versaut" haben. Aber ganz ehrlich, kann ich mir auch nicht vorstellen, wie Martin Gruber vor den Traualtar schreitet und dann irgendwann mit dem Kinderwagen an der Seite in der Praxis sitzt.

Welche Charaktereigenschaften des "Bergdoktor" kommen Ihnen entgegen. Welche sind Ihnen fremd?
Ich mag seine Gelassenheit und seine Empathie, seine Aufrichtigkeit. Das sind Eigenschaften, die ich sehr schätze. Das hat er von mir (lacht) .

Gibt es etwas, das Sie gerne intensivieren würden, für das aber die Zeit fehlt?
Ich würde schon ganz gerne mal wieder Theater spielen. Das ist ja das, was ich ursprünglich vorhatte, aber irgendwann kam es zur Arbeit vor der Kamera und die ist inzwischen so zeitintensiv, dass ich mehrwöchige Proben und Vorführungen nicht in den Terminplan kriege. Ansonsten bin ich kein großer Freund von unerfüllten Träumen. Dinge, die mir am Herzen liegen, versuche ich auch umzusetzen. So durfte ich 2017 für Sony Music eine ganze Reihe von "Reclam"-Klassikern als Hörbücher einlesen. Das war eine große Freude und ich hoffe sehr, dass all die Menschen, denen die Schullektüren damals zu anstrengend und sperrig waren, nun eine neue Chance ergreifen, sich diese zu Gemüte zu führen. Ich finde, es lohnt sich.

Sie haben früher in einer Rockband gespielt? Haben Sie noch Zeit für Musik?
Mehr als Hausmusik ist tatsächlich nicht drin. Ich bin ein Fan von allerlei Instrumenten und wenn ich Zeit habe, probiere ich gerne mal neue Sachen aus. Mit Kollege Mark Keller bilde ich, wie man manchmal auf Facebook sehen kann, ein kleines "Pfeif-Duo". Das Singen überlasse ich gerne ihm.

Stimmt es, dass Sie ihre eMails mit "Let love rule" unterzeichnen?
Das ist ein Motto, das ich mir bei Lenny Kravitz geliehen habe. Und ja, damit unterzeichne ich eMails und gerne auch Autogrammkarten. Ich finde, es sagt alles, um was es im Leben wirklich geht.

Gipfelstürmer

Quote: Die Geschichten über Freud und Leid begeistern das heimische Publikum ebenso wie jenes in Deutschland. Die 100. Folge, die am 3. 1. auf ORF 2 ausgestrahlt wurde, haben 829.000 Zuseher verfolgt. In Deutschland waren via ZDF 6,95 Millionen dabei.

Steirer: Hans Sigl, geboren 1969 im steirischen Rottenmann, wollte Lehrer werden, versuchte sich kurz auf der Uni und absolvierte schließlich eine Ausbildung am Tiroler Landestheater. Seit 2008 verkörpert er den „Bergdoktor“.

Start: Die neue, elfte Staffel von "Bergdoktor" startet heute, Mittwoch, um 20.15 Uhr auf ORF 2.