Kultur
24.05.2017

BartolomeyBittmann: Ein Duo, das wie ein Orchester klingt

Unbändige Spiellust und radikaler Rhythmus – dafür stehen Matthias Bartolomey und Klemens Bittmann.

Die Verantwortlichen von Wien-Tourismus haben das Potenzial des Videos von BartolomeyBittmann schnell für sich erkannt und es Ende März auf ihrer Facebook-Seite geteilt. Seither wurde Matthias Bartolomeys und Klemens Bittmanns persönliche Liebeserklärung an die Donaumetropole über eine Million Mal angesehen. Für einen Cellisten und einen Geiger ist das eine bemerkenswerte Zahl.

Zu sehen sind die beiden Musiker, die seit geraumer Zeit die österreichische Klassikszene bereichern, an 281 Wiener Schauplätzen. Da der Clip mit dem Titel "Les Pauli" nur vier Minuten dauert, fliegen einem in Sekundentakt die Bilder um die Augen: Schafbergbad, Prater samt Liliputbahn, Schloss Schönbrunn, Hofburg, Volkstheater, Kaffeehäuser, Strudlhofstiege und und und. Möglich machte es der Fotograf und Videokünstler Max Parovsky, der die Aufnahmen zusammenfügte.

Traditionsbruch

Gefunden haben sich die zwei vor fünf Jahren trotz ihres unterschiedlichen Hintergrundes. Während der in Graz geborene Bittmann aus keiner Musikerfamilie kommt, verbindet man den Namen Bartolomey seit Jahren mit den Wiener Philharmonikern: Matthias’ Urgroßvater spielte Klarinette, sein Großvater Geige, sein Vater war Cellist. Diese Philharmoniker-Tradition wird er nicht weiterführen. Matthias habe zwar nach dem Studium in Wien über eine klassische Orchesterlaufbahn nachgedacht, "aber irgendwie hat sich das für mich nie richtig angefühlt", sagt er im KURIER-Gespräch.

BartolomeyBittmann will kein weiteres Streicherduo sein, das ein gewisses Klassik-Repertoire nachspielt. Vielmehr sehen sie sich als Band, die zusammen Songs schreibt, etwas Eigenständiges entwickelt und vorantreiben will. "Das Bedürfnis nach mehr, nach einem größeren Klangspektrum ist unser Antrieb. Deshalb freut es uns auch immer, wenn Leute nach dem Konzert zu uns kommen und sagen: Ihr klingt nicht wie ein Duo, sondern wie ein kleines Orchester", sagt Bittmann.

Bei der Soundentwicklung gelten aber klare Regeln: Die Verwendung von Effektgeräten und elektronischen Hilfsmittel wird konsequent abgelehnt. Dieser puristische Ansatz führt mitunter dazu, dass man sich und den Instrumenten vieles abverlangt. "Wir wollen das Maximum herausholen", sagt Bartolomey. Die Regeln wurden schon vor der ersten Aufnahme festgelegt. "Wir haben viel darüber nachgedacht, wie wir das Projekt anlegen möchten. Die Frage war: Lassen wir elektronische Hilfsmittel zu – oder nicht? Wir haben uns dagegen entschieden und den Fokus darauf gelegt, eine große Palette an Effekten über unsere Instrumente selbst zu generieren", erklärt Klemens Bittmann.

Das enorme Klangspektrum, das die beiden Künstler auf ihren ersten beiden Alben ("Meridian", 2014; "Neubau", 2015) offenbaren, verdanken sie auch ihren Arbeitsgeräten: "Matthias spielt ein Cello von David Tecchler aus dem Jahr 1727 und ich eine Geige von Josephus Pauli aus dem späten 18. Jahrhundert. Aus diesen wunderbaren Instrumenten kann man viel rausholen. Wir sind noch lange nicht am Limit, am Punkt angelangt, an dem wir nichts mehr zu sagen haben", erklärt Bittmann.

Natürlich gibt es ein paar Effekte, die schwer umzusetzen sind. "Unlängst wollten wir einen Delay einbauen, was nicht einfach ist. Aber selbst das haben wir nach ein paar Überlegungen geschafft. Wir haben einfach einen Delay simuliert, indem wir mit zwei Instrumenten zeitversetzt dieselbe Melodie gespielt haben. Das funktioniert super", sagt Bartolomey. Das Einzige, was neben dem Cello, der Geige und der Mandola noch zum Einsatz kommt, ist ihre Stimme, die sie als eine Art Instrument einsetzen. "Damit können wir zusätzliche Klangschichten erzeugen", sagt Bittmann.

Groove

Das essenzielle und verbindende Element ihrer Musik ist der Groove. "Uns interessiert dabei vor allem, wie man auf Streichinstrumenten oder der Mandola perkussive Elemente erzeugen kann. Das Cello ist bei uns oft Bass und Schlaginstrument zu gleich. Uns macht es wahnsinnig viel Spaß, zu experimentieren", sagt Bartolomey.

In ihrer Musik finden sich neben Jazz-Einflüssen auch Rock- und Pop-Elemente: Inspirationsquellen waren und sind Arbeiten von Bands wie Mahavishnu Orchestra und Radiohead. "Matthias hat auch ganz stark den Metal-Aspekt in unsere Musik gebracht – von der Art und Weise der Dynamik, der Spielart", sagt Klemens. "Das liegt wohl daran, dass ich als Jugendlicher viel Progressive Metal gehört habe. Deftones und ähnliche Bands", erklärt Bartolomey.

Neben all diesen Einflüssen dürfe man aber die Säulen der Musikgeschichte, "die für unsere Entwicklung, unsere Instrumente sehr wichtig waren, nicht vernachlässigen: Schubert, Beethoven, Strawinsky und Schostakowitsch", sagt Bittmann. Über diese unterschiedlichen Klangwelten spannen sie einen harmonischen Bogen, der die Brüche zwischen den einzelnen Einflüssen kittet.

"Wir wollen mit unserer Musik etwas Neues entwickeln, spannende Geschichten erzählen. Da wird es eben manchmal poppig, dann wieder intim oder aggressiv – manchmal gehen wir bis an die Grenze des Erträglichen. Bei all dem ist es uns aber wichtig, dass sich das am Ende immer nach uns, nach unserem Ding anhört", sagt Bartolomey. Mit diesem frischen, teilweise radikalen Zugang zur klassischen Musik locken BartolomeyBittmann die Zuhörer oft aus ihrer Komfortzone. Dass Menschen verstört das Konzert verlassen, kommt aber sehr selten vor. Usus ist eher ein begeistertes Feedback: "Super komponiert und fabelhaft gespielt", urteilte zum Beispiel einst Nikolaus Harnoncourt.

Vorverstärker

Zurzeit arbeiten BartolomeyBittmann an einem neuen Album, das im Frühjahr 2018 erscheinen soll. "Wir waren bereits für eine Probeaufnahme in einem Studio im Burgenland, wo wir unseren Streichersound durch Rock-Vorverstärker gejagt haben. Das hat extrem gut geklungen – einerseits bombastisch, andererseits sehr nuanciert. Genau da wollen wir hin", schwärmt Bartolomey.

INFO: BartolomeyBittmann – live: "Wir sind Wien"-Festival, 18 und 20 Uhr, Virgilkapelle. Weitere Termine: www.bartolomeybittmann.at