Kultur
17.08.2017

Bartoli: Die grandiose Barbermama

Cecilia Bartoli führt Händels "Ariodante" auch bei der Wiederaufnahme zum Triumph.

Diese Produktion sieht aus, als wäre sie vom Werbefolder eines Barber-Shops inspiriert: Kurze Bärte, lange Bärte, mächtige Bärte, Bartstoppeln – und am Coolsten ist Bart-oli, die Barbermama: Die große Cecilia im Conchita-Styling, allerdings nie eine billige Kopie, sondern selbst ein Original und höchst originell. Auch Rolando Villazón sieht mit neuem Bart sehr eindrucksvoll aus: Er wirkt ein bissl wie Barbabo, der Künstler mit den schwarzen Haaren aus der Barbapapa-Familie.

Villazón ist als einziger neu im Vergleich zur Besetzung bei den Pfingstfestspielen, wo die künstlerische Leiterin Cecilia Bartoli mit der Neuproduktion von Georg Friedrich Händels "Ariodante" (das Libretto basiert auf "Orlando furioso" von Ludovico Ariosto) bereits für Furore gesorgt hatte. Wenn man diesen Abend nun bei den Salzburger Festspielen zum zweiten Mal erleben darf, ist man von der Qualität neuerlich hingerissen.

Die Inszenierung von Christof Loy ist meisterhaft. Er erzählt die Geschichte über den Ritter Ariodante, der die Königstochter Ginevra heiraten soll, einer Intrige zum Opfer fällt, rasend vor Eifersucht wird, vermeintlich Suizid begeht und dann doch wiederkehrt, als Abhandlung über die unterschiedlichsten Facetten von Liebe. Leidenschaft, Anbetung, sexuelle Hörigkeit, Naivität, Blindheit, ja sogar die Nähe zum Hass – all das wird hier unter Liebe subsummiert und klug thematisiert.

Geschlechterrollen

Loys Personenführung ist plausibel und präzise. Und wenn dann noch ein Bühnen-Wunder wie die Bartoli zu erleben ist, die das Männliche im Weiblichen und das Feminine im Maskulinen glaubhaft zu spielen vermag, ist es eine echte Freude. Auch die Idee, musikalische Stimmungen mit Hilfe von acht tollen Tänzern optisch zu transportieren, ist exzellent. Diese choreografische Umsetzung funktioniert viel besser als jene zuletzt bei der "Aida".

Beim Finale verweigert Loy ein Happy End: Wer einander so misstraut hat, findet nicht mehr zusammen.

Auch gesungen wird auf höchstem Niveau. Bartoli gestaltet ihre großen Arien (wahnsinnig lustig: "Con l’ali di costanze"; extrem traurig: "Scherza infida") traumhaft schön, bei ihr macht jede Koloratur, jede Phrase Sinn (und ist auch sinnvoll inszeniert). Kathryn Lewek ist mit ihrem klaren, präzisen Sopran ein Glücksfall von einer Ginevra. Der Countertenor Christophe Dumaux (Polinesso) mit schönem Timbre und ausreichend Kraft ist ebenso ideal besetzt wie Sandrine Piau als leidende Hofdame Dalinda. Der König (Nathan Berg) könnte stimmlich präsenter sein. Und Rolando Villazón singt den Lurcanio mit großem Einsatz, berührenden Momenten, aber stilistisch in einer anderen Liga.

Gianluca Capuano am Pult der von Bartoli gegründeten Musiciens du Prince – Monaco sorgt für Eleganz, Farbenreichtum und eine sensible, mitreißende Umsetzung der genialen Partitur.

Eine knapp viereinhalbstündige Aufführung, die – beim Barte des Propheten! – ein echter Wurf ist.