Kultur
06.07.2017

Bachmann-Preis: Das verzopfteste aller Castingformate

In Klagenfurt lesen dieser Tage wieder die Autoren. Ohne Jury wäre das aber alles nichts.

Verdächtig, wie gut sich Literatur mit dem Fernsehen verträgt. Dieser Tage finden in Klagenfurt wieder die Tage der deutschsprachigen Literatur, auch bekannt als "Bachmann-Preis", statt.

Man muss sich die Veranstaltung, die dankenswerterweise von 3Sat aus dem Kärntner ORF-Landesstudio in die Welt hinausgestrahlt wird, als das verzopfteste aller Castingformate vorstellen: Vorne sitzt ein/e hoffnungsvolle/r Literat/in, trägt einen eigens für die Veranstaltung geschriebenen oder bearbeiteten Text vor. Andächtig wird im Saal mit den ausgeteilten Manuskripten geraschelt, und man hört zu, bis endlich das eigentliche Ereignis folgt: Die siebenköpfige Jury streitet sich nämlich nach jeder Lesung über entdeckte Bedeutungen, kunstvolle Schlamperei oder totales Versagen.

Die eigene Bedeutung kann dabei nicht unterschätzt werden. "Ich glaube, der Text braucht uns", bekennt etwa der deutsche Juryvorsitzende Hubert Winkels – nicht ganz zu Unrecht.

Er zeigte sich an dieser Stelle gerade schwer beeindruckt von John Wrays Schachtel-in-Schachtel-in-Schachtel-Geschichte "Madrigal". Er attestiert dem Autor "Autopoesis", spricht von "Epiphanien" (zu Deutsch: Gotteserscheinungen) im Text, bis ihm sein Jury-Kollege Stefan Gmünder erklärt, man möge doch nicht so viel "hermeneutisches Gewichtheben" rund um die Lektüre eines Textes betreiben.

Ist das nicht herrlich anti-profan? So viel Wolkenkuckucksheim braucht eine kluge Brechung, das haben die Organisatoren erkannt, die die Vorjahres-Publikumspreisträgerin Stefanie Sargnagel eingeladen haben, die zwar bei der Jury durchgefallen war, aber als Einzige auch danach relevant blieb: "Scheiße hab mich schon am ersten bachmannpreistag versoffen (sic!)", facebookte Sargnagel Donnerstagmittag – sie saß in der Mittagspause im Fernsehgarten und ließ ihr verkatertes Gesicht mit großem Unterhaltungswert von der Sonne anstrahlen.

Dazu sang ihr künstlerischer Teilzeit-Kompagnon Voodoo Jürgens Wienerische Grauslichkeiten. Sargnagel, die auch als Stadtliteratin in Klagenfurt fungiert, bleibt bis auf Weiteres ein Solitär: Im heurigen Jahrgang bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur ist keine Proponentin mit ähnlichen Unterhaltungsqualitäten auszumachen.

Opferlamm

Zurück zum Hauptereignis. Wie bei jeder Castingshow sind es vor allem die Opfer, die für schöne Momente sorgen. Der in Klagenfurt geborene Germanistikstudent Björn Treber etwa fiel mit seinem Wagnis, eine sehr autobiografische Geschichte über die Beerdigung eines Großvaters zu erzählen, gehörig auf die Nase.

Zwar hatte er zahlreiche Einfälle in seinem Text versteckt, etwa die biografische Echtheit der Todesanzeige oder eine Telefonnummer, bei der wirklich jemand abhebt, wie Juror Klaus Kastberger lobte. Das war aber auch schon alles, was an seinem Text verteidigenswert schien. Andere zeigten sich gänzlich unbeeindruckt. "Ich habe die Nummer gewählt. Kein Anschluss", erklärte Sandra Kegel, Literaturkritikerin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, trotzig. Die Überreste des jungen Mannes wurden anschließend sanft aus dem Raum gekehrt.

Franzobel klagt

Literarisch eröffnet wurden die heurigen Tage der deutschsprachigen Literatur übrigens vom Preisträger von 1995, dem Schriftsteller Franzobel, der sich in dichterische Heldenpose warf: "Literatur ist Kampf – gegen die Verdummung, Herzlosigkeit. Ignoranz, Lustfeindlichkeit, Engstirnigkeit, aber ebenso gegen die Verknechtung durch die Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher", so der österreichische Autor. Um anschließend zu klagen: "Alles verändert sich. Die Literatur so sehr, dass einem die Augen rausspringen. In spätestens fünfzig Jahren wird man Buchhandlungen, Bücherregale, ja selbst Bücher so verwundert ansehen wie heutzutage Jugendliche ein Tonbandgerät, ein Pornokino oder eine Steintafel mit sumerischer Keilschrift."

Und: "Lange dachte ich, der Sinn der Literatur wäre es, gegen die eigene Vergänglichkeit anzuschreiben, etwas zu schaffen, das Generationen überdauert", so der Autor. "Heute glaube ich nicht mehr an diese Möglichkeit. Die Sprache ändert sich, und verstanden wird immer nur das, was man verstehen will, was mit dem eigenen Weltbild in Einklang steht. Nichts überlebt. Alles ist vergänglich, auch ein Text."

Manchmal ist das kein Fehler, wie uns die kommenden Tage lehren werden.