Kultur 05.12.2011

Bachmann-Preis an Maja Haderlap

© Bild: apa

Nach Jahren wieder ein österreichischer Sieg: Maja Haderlap, 50, ließ sich viel Zeit für ihre Geschichten mit Geschichte.

Der deutsche Wallstein Verlag hat Stress. Gesunden Stress. Er muss ganz schnell Aufkleber für Maja Haderlaps bereits fertiges Buch "Engel des Vergessens" drucken lassen. Schon in den nächsten Tagen soll der Roman in den Handel kommen.

Mit Aufklebern, auf denen groß steht: "Bachmann-Preis 2011". Die 50-Jährige hat am Sonntag das Wettlesen gewonnen. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis bleibt sozusagen erstmals seit 2002 (Peter Glaser, geboren in Graz, aber nach Berlin ausgewandert ) bzw. 1995 (Franzobel) in Österreich.

Er bleibt sogar in Kärnten: Maja Haderlap wurde in Bad Eisenkappel/Zelesna kapla geboren. Ihre Erstsprache (und "meine Affektsprache") ist das Slowenische. Lyrik, mit der sie bekannt wurde, schrieb sie auf Slowenisch.

Pflücken

Unter der Intendanz von Dietmar Pflegerl war sie 15 Jahre Chefdramaturgin im Stadttheater Klagenfurt. Dann war "es" reif genug. Dann musste "es" geschrieben werden. Gepflückt. Maja Haderlap: "Ich kenne die Geschichten zeit meines Lebens. Sie haben mich immer beschäftigt. Man braucht emotionale Kraft, um sie zu schreiben. Deshalb hat es gedauert."
Der Text namens "Im Kessel", den sie vorlas, ist Bestandteil des Romans "Engel des Vergessens". Ein Waldspaziergang. Vater mit Tochter. Ganz ruhig. Ohne Hast. Der Wald ist eine historische Landschaft.

Unaufdringlich schreibt die Kärntnerin die alte, aber vor allem im Grenzland noch immer lebendige Geschichte durch Geschichten. Der Zweite Weltkrieg. Die Partisanenkämpfe. Die Verfolgung der Slowenen durch die Gestapo. Das Konzentrationslager. Ein Zitat: "In den Wald zu gehen bedeutet in unserer Sprache nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln. Es heißt auch, wie immer erzählt wird, sich zu verstecken, zu flüchten, aus dem Hinterhalt anzugreifen."

Jurorin Daniela Strigl hatte sie für den Bewerb vorgeschlagen. Das Publikum applaudierte lange. Die Kritiker fanden in den Schilderungen des Waldes Parallelen zu Stifter. Der "gemächliche Rhythmus" fand Lob, das "makellos Nostalgische". "Ich schreibe die Erzählungen der anderen", ist Maja Haderlaps bescheidene Antwort, wenn man sie lobt.

Es gab bei diesem 35. Wettbewerb nie einheitliches Lob. Auch bei der Siegerin nicht. Die Entscheidung war knapp. Was der eine Teil der Jury "lustig" fand, empfand der andere als "witzlos". Wohl deshalb hat Jury-Vorsitzender Burkhard Spinnen am Ende gesagt, Demut empfehle sich, wenn man sieht, "wie Überzeugungen, die Granitblöcke waren, zu Sand zerrieben werden. Kaum ein Text, der nicht verschieden aufgefasst und kommentiert wird."

Dem Publikum gefiel Porno

Jury-Vorsitzender Burkhard Spinnen hatte am Sonntag noch mehrmals zu gratulieren: Den zweiten Preis holte sich der Deutsche Steffen Popp, der wie Haderlap aus der Lyrik kommt. Er bekam den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis für die bruchstückhafte Geschichte einer Spurensuche in einem thüringischen Dorf.

Der 3sat -Preis (7500 Euro) ging an die junge Frankfurterin Nina Bußmann - für einen Romanauszug, der das schwierige Verhältnis eines alternden Lehrers und eines aufmüpfigen Schülers beschreibt.

Der Ernst-Willner-Preis (7000 Euro) ging an Leif Randt, der sich mit vier zu drei Stimmen gegen die Österreicherin Julya Rabinovich durchsetzte. Den Publikumspreis bekam Thomas Klupp aus Erlangen, der von einem Porno-Forscher erzählte.

Infos zu Haderlap

Maja Haderlap wurde 1961 in der Südkärntner Gemeinde Bad Eisenkappel/Zelesna kapla geboren. Sie studierte Theaterwissenschaften und Deutsche Philologie an der Universität Wien, danach arbeitete sie als Dramaturgie- und Produktionsassistentin in Triest und in Ljubljana.

Seit 1989 hat sie immer wieder Lehraufträge an der Universität Klagenfurt, sie gab die slowenische Literaturzeitschrift "mladje" (Jugend, Anm.) heraus (von 1989-1992). Im Jahr 1992 holte sie Intendant Dietmar Pflegerl als Chefdramaturgin ans Stadttheater Klagenfurt, sie blieb 15 Jahre, die gesamte Ära Pflegerl. Haderlap hatte, wie Insider betonen, wesentlichen Anteil am Erfolg des Theaters unter Pflegerl, als sie nach dessen Tod aus dem Theaterbetrieb ausstieg, hatte sie "endlich Zeit zu schreiben".

Haderlap, die von Daniela Strigl für den Lesewettbewerb nominiert worden ist, hat bisher vor allem Lyrik veröffentlicht, und zwar auf Deutsch und auf Slowenisch, "Engel des Vergessens" ist ihre erste Prosaarbeit, die ab Montag im Wallstein-Verlag in den Buchhandel kommt.

Alle bisherigen Preisträger

1977 - Gert Jonke
1978 - Ulrich Plenzdorf
1979 - Gert Hofmann
1980 - Sten Nadolny
1981 - Urs Jaeggi
1982 - Jürg Amann
1983 - Friederike Roth
1984 - Erica Pedretti
1985 - Hermann Burger
1986 - Katja Lange-Müller
1987 - Uwe Saeger
1988 - Angela Krauß
1989 - Wolfgang Hilbig
1990 - Birgit Vanderbeke
1991 - Emine Sevgi Özdamar
1992 - Alissa Walser
1993 - Kurt Drawert
1994 - Reto Hänny
1995 - Franzobel (eigentlich Stefan Griebl)
1996 - Jan Peter Bremer
1997 - Norbert Niemann
1998 - Sibylle Lewitscharoff
1999 - Terezia Mora
2000 - Georg Klein
2001 - Michael Lentz
2002 - Peter Glaser
2003 - Inka Parei
2004 - Uwe Tellkamp
2005 - Thomas Lang
2006 - Kathrin Passig
2007 - Lutz Seiler
2008 - Tilman Rammstedt
2009 - Jens Petersen
2010 - Peter Wawerzinek
2011 - Maja Haderlap

Erstellt am 05.12.2011