AXL/DC: Axl Rose mit AC/DC

© EPA/PEDRO NUNES

Doch nicht für immer jung
05/16/2016

Die Generation Stadionrock geht in Pension

Die ganz großen Bands drehen die letzten Tournee-Runden. Und dann?

von Brigitte Schokarth, Georg Leyrer

Der Rock’n’Roll, so hieß es einst, wird niemals sterben.

Aber niemand hat offenbar darüber nachgedacht, dass er einmal alt wird.

Und jetzt, wo es so weit ist, sind alle ein wenig ratlos.

Nehmen wir AC/DC. Die australische Rockband hat ihren Sänger vor die Tür gesetzt, weil diesem, infolge jahrelanger hoher Lautstärken und auch fortgeschrittenen Alters, der vollständige Gehörverlust drohte.

Nur kam der Ersatzsänger auch nicht ganz taufrisch rüber: Zum ersten Konzert der laufenden Europatournee musste der von Guns N’ Roses bekannte Einspringer Axl Rose wegen einer Beinverletzung im Rollstuhl auf die Bühne geschoben werden. Am kommenden Donnerstag (19. 5.) nun spielen "AXL/DC" im Happel-Stadion in Wien. Es gibt noch Karten, und es zahlt sich, jetzt rein unterhaltungsfaktormäßig, aus: Viele bisherigen Kritiken der Tour sind – es überrascht vielleicht ein wenig – positiv bis euphorisch.

Der Besuch zahlt sich aber wohl noch aus einem anderen Grund auf: Es liegt nämlich zunehmend nahe, dass man den einen oder anderen der ganz, ganz großen Acts in alsbaldigster Zukunft das letzte Mal live wird erleben können. Die große Generation des Rock, jene Bands, die garantiert Stadien füllen, verlässt die Bühne. Und das ist ein Umbruch, der das ganze Musik-Business verändert.

Es gab schon schmerzliche Abschiede zu verzeichnen; zuletzt in einem bedrückenden Dreier-Schlag in die Magengrube des Rockfans: Lemmy Kilmister, David Bowie und Prince sind innerhalb weniger Monate gestorben.

Jurassic Rock

Blickt man in die Line-ups der großen Festivals und in die Konzertpläne der großen Locations, ist die Babyboomer-Generation des Rock noch präsent wie eh und je. The Who, Bob Dylan, die Stones, die zwei ehemaligen Pink-Floyd-Widersacher Roger Waters und David Gilmour verkaufen locker jene Hallen aus, die für junge Bands nicht zu füllen sind.

Die Fans, mittlerweile gut genug im Berufsleben stehend, um sich die teuren Tickets leisten zu können, strömen verlässlich herbei, schwelgen in Erinnerungen an bessere Zeiten und trinken Bier zu Apothekerpreisen. Das Personal auf der Bühne ist derweil im Schnitt weit älter als jenes in der Oper oder beim Klassikkonzert.
Das geht schon viele Jahre so; nun aber naht das "letzte Hurra" dieser Generation. Das sagte nicht irgendjemand, sondern Roger Daltrey (72) von The Who. Und zwar anlässlich eines Konzertes, das wohl gar nicht anders genannt werden kann: Im Oktober kommen 500 Jahre Rockgeschichte zu einem Festival zusammen, das es so noch nie gegeben hat – und wohl nie wieder geben wird. Die Rolling Stones, Paul McCartney, Bob Dylan, Neil Young, The Who und Roger Waters spielen in Kalifornien ein gemeinsames Festival.

Nur einer der auftretenden Musiker ist jünger als 70 Jahre. Es wird das umgekehrte Woodstock; nicht der Aufbruch einer gut gelaunten Generation, die auf die in Spießigkeit ergrauten Altvorderen pfeift und sich in die Sex-Drogen-Rock-Revolution stürzt. Sondern die Abschiedsparty der Revolutionäre, die auf ganzer Linie gesiegt haben. Die Populärkultur hat die Welt erobert, und ist längst nicht mehr nur den Jungen vorbehalten.

Das Festival in Kalifornien wird "das Ende einer Ära; wir geben den Staffelstab an eine neue Generation weiter", sagt Daltrey. Nur: Die junge Generation läuft nicht im selben Staffel-Rennen.

Mit Ausnahme weniger Teenie-Acts sind die Zeiten der großen Konsens-Bands, die ein weltweites großes Publikum haben, vorbei. Nicht zuletzt, weil sich der Zugang zur Musik radikal geändert hat, die Bedeutung des Rock und Pop im Leben der neuen Hörergeneration ist eine gänzlich andere. "Haben heutige Bands und Acts noch so einen nachhaltigen kulturellen Einfluss?", fragt etwa Neil Tennant von den Pet Shop Boys im KURIER-Gespräch. "Das frage ich mich eigentlich schon seit 20 Jahren: Ist Musik noch so wichtig, wie sie für uns war? Denn Musik ist heute überall zu haben und verfügbar. Wir mussten noch danach suchen, wenn wir etwas hören wollten, das war etwas Besonderes."

Und auch die Erwartungen an die Musik sind gänzlich andere: "Wir haben uns durch bestimmte Musik, die wir gehört haben, zu etwas verpflichtet gefühlt: Wir haben uns aufgerufen gefühlt und unser Leben darauf abgestimmt", sagt Sänger Jochen Distelmeyer zum KURIER. "Diese Wirkungsmacht ist schon seit mehreren Jahren dahingeschwunden."

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