Kultur
16.02.2018

Ausstellung "Wow": Hier Hirsch, dort Nashorn

Die Sammlung Heidi Horten bleibt im Leopold Museum erstaunlich wortkarg.

Am Eingang steht ein riesiger Hase, im Innenraum ein enormer Gorilla, über dem Durchgang hängt ein Hirschgeweih. Die Assoziation zur Großwildjagd mag unbeabsichtigt sein, sie drängt sich aber auf – und liefert eine mögliche Antwort auf die Frage, die sich in jeder Präsentation einer privaten Kunstsammlung stellt: Was treibt einen Sammler, eine Sammlerin an?

In der Ausstellung "Wow! The Heidi Horten Collection", die bis 29. Juli im Wiener Leopold Museum zu sehen ist, bleibt das Motiv der Trophäenjagd das plausibelste: Über die notorisch öffentlichkeitsscheue Milliardärin, die seit den 1990er-Jahren beträchtliche Mittel in ihre Sammlung investierte, erfährt man in der Schau nämlich kaum etwas. Zwar heißt es, dass die 77-Jährige mit ihrer Kunst lebt, von "Passion" und "Geschmack" ist zu lesen. Doch alle Merkmale, die eine Sammlerpersönlichkeit auszeichnen – ein individueller Blick, ein außergewöhnlicher Sinn für Zusammenhänge, ein intensives Verhältnis zu einzelnen Künstlern – scheinen getilgt.

Trophäen

Das liegt weniger an den Kunstwerken als an deren Arrangement: Hortens langjährige Freundin Agnes Husslein, die ab Anfang der 1990er – damals noch als Österreich-Chefin von Sotheby’s – maßgeblich den Sammlungsaufbau mitbestimmte, gruppierte als Kuratorin einfach die Werke wie Trophäen in der Jagdstube und verzichtete auf jeden Dialog zwischen Werken: Hier Hirsch, dort Nashorn, kein Biotop.

Dass Horten schlechte Kunst gekauft hätte, wird kaum jemand behaupten können: Klimts "Kirche in Unterach am Attersee" etwa ist zweifellos ein Meisterwerk. Im Saal daneben hängen starke Gemälde deutscher Expressionisten, Max Pechsteins "Gelbe Maske" bohrt sich ins Gedächtnis, ebenso Erich Heckels "Tanzendes Paar" von 1910.

Werte

Von da geht es weiter: Zu Chagall, Picasso, Lucian Freud, Lucio Fontana, Francis Bacon, Georg Baselitz und nicht zuletzt zu Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat. Nur kurz huscht der Gedanke an die unglaublichen Werte, die hier an der Wand hängen, durchs Gehirn, dann ist er wieder weg – denn natürlich sammelte Horten stets, "ohne sich vorherrschenden Trends auf dem Kunstmarkt zu unterwerfen" (Pressetext).

Warum aber fühlt sich die Ausstellung dann an wie die Schaustellung zu jener Meisterwerke-Auktion, die Christie’s und Sotheby’s gerne veranstalten würden? Streng genommen hinkt die Präsentation im Leopold Museum den Versteigerungs-Vorschauen noch hinterher. Denn während Auktionshäuser ihr Verkaufsangebot heutzutage quer durch die Sparten "kuratieren" und versuchen, möglichst viel von der Aura und Kennerschaft der Vorbesitzer auf die Ware zu projizieren, erscheint die Kunst in dieser Ausstellung weitgehend kontextbefreit.

Wohlhabend

Es ist zu vermuten, dass Husslein die klinische Präsentationsart wählte, um die "museale Qualität" von Hortens Sammlung zu betonen: Es sollte ein Parcours durch die jüngere Kunstgeschichte sein, allerdings in der Version, die federführend von Wohlhabenden und dem High-End-Kunstmarkt geschrieben wird.

Diese Erzählung unterscheidet sich massiv von jener, die akademische Kunsthistoriker oder tief in einer Epoche verankerte Sammler wie Museumsgründer Rudolf Leopold vorangetrieben haben. Nicht nur einmal wünscht man sich daher eine intensive Befragung einzelner Werke: Hier, isoliert an den Wänden, bleiben sie stumm. Es bleibt zu hoffen, dass die Sammlerin, die neben Transport und Aufbau auch die Kunstvermittlung und den freien Eintritt an Donnerstagabenden (18–21 Uhr) großzügig unterstützt, gewillt ist, ihre Kunst noch weiter in der Welt zirkulieren zu lassen.