Gegenmittel gegen Vertrachtung

INTERVIEW MIT MUSIKDUO ATTWENGER
Foto: APA/ROBERT JAEGER Attwenger: Markus Binder (links) und Hans-Peter Falkner. "Die tun so, als ob sie nirgends dazugehören".

Das Volks-Punk-Duo hat ein neues Album ("Spot") und spielt am Samstag in Wien.

Hätte uns damals jemand gefragt, ob wir in 25 Jahren noch Musik machen, hätten wir gesagt: keine Ahnung." Markus Binder, Sänger und Schlagzeuger des oberösterreichischen Duos Attwenger, zeigt sich durchaus beeindruckt vom 25-Jahre Bandjubiläum. "Andererseits – man kann sich als Junger nicht vorstellen, dass in 25 Jahren überhaupt irgendetwas ist."

Die wilde, mit nichts vergleichbare Mischung aus minimalistischer Volksmusik, Punk, Elektronik und Texten zwischen Dadaismus und Gesellschaftskritik, die Binder und sein Partner Hans-Peter Falkner (Ziehharmonika) produzieren, blieb über all die Jahre aufregend, spannend und frisch. Binder: "Ich frage mich selber oft – warum gibt es uns noch? Warum haben wir Relevanz?" Seine Antwort: "Wir haben uns nie an Moden orientiert. Das Popgeschäft kam uns immer ein bisschen affig vor. Uns wurde oft vorgeworfen: Die tun so, als ob sie nicht dazugehören. Dabei war das gar nicht gespielt."

Spott-Licht

Das neue Album des Duos heißt "Spot" und kann wie immer sowohl englisch ("Scheinwerfer") als auch oberösterreichisch ("Spott") verstanden werden. Und es ist formal bemerkenswert: Kurze und ganz kurze Stücke wechseln einander ab, 23 Songs in 40 Minuten. Binder: "1997 haben wir das Album ,Song‘ herausgebracht, da haben wir für drei Stücke 45 Minuten gebraucht. Dann kamen Alben mit normalen Songlängen. Jetzt habe ich überlegt: Wie geht kurz?"

Möglicherweise, sagt Binder, reflektiert diese formale Entscheidung unbewusst den Zeitgeist – es dominiert derzeit ja das Twitter-Format. Binder: "Ich habe eine Studie gelesen, wonach die durchschnittliche Verweildauer bei Musik im Netz etwa 14 Sekunden beträgt."

Am Samstag spielen Attwenger im WUK in Wien, es folgt eine Tour durch Österreich, Schweiz und Deutschland. Gespielt werden vor allem neue Songs – "und alte Stücke, die uns interessieren". Sie seien zum Glück nicht "Sklaven von Hits".

Kleinkariert?

dfgdfg… Foto: /dfgdfg Binder lacht: "Wir haben Hits vermieden! Mir tut ja der Roberto Blanco leid, der muss seit Jahrzehnten ,Ein bisschen Spaß muss sein‘ singen." Der einzige "geheime Hit" sei "Kaklakariada". In dem Text geht es um "Kleinkarierte" – "die ganzen Patrioten, nationale Idioten".

Wie sieht Binder den Trend zur neuen Ländlichkeit? "Diese zunehmende Vertrachtung, auch geistige Vertrachtung, dieses Denken in Klischees, das Hochlebenlassen von chauvinistischen Bekenntnissen, dieses Mir-san-mir-Ding – man hat das Gefühl, wir gehen in eine rückschrittliche Phase. Jeder hat eine spießige Angst um seine Existenz, dabei sind wir reicher als je zuvor."

Neue Hymne?

Insofern findet es Binder gut und witzig, dass der Song Contest in Wien stattfindet (obwohl ihm der Bewerb völlig egal ist): "Das kleine, spießige Österreich wird repräsentiert von einer bärtigen Frau – Österreich als Land der sexuellen Toleranz."

Die Debatte um Andreas Gabalier und Töchter in der Hymne hat Binder verfolgt: "Das patriarchale Denken kommt wieder daher. Aber ehrlich gesagt ist die ganze Hymne Schrott, Hämmer, Dome, zukunftsreich – das sind uralte Begriffe. Wir brauchen eine neue Hymne!"

Binders Vorschlag: "Kaklakariada!"

25 Jahre Attwenger

Laufbahn 1990 formierten sich in Linz Markus Binder (Schlagzeug, Gesang) und Hans-Peter Falkner (Ziehharmonika, Gesang) zum Duo Attwenger. Bis heute kombinieren sie Mundartmusik mit immer neuen Einflüssen: Punk, Hip-Hop, Trance, Weltmusik, Blues. Ihre Texte sind sprachspielerisch, oft kritisch und wurden schon mit Thomas Bernhard verglichen. Obwohl sie störrisch jede Anbiederung an Trends verweigern, sind sie sehr erfolgreich.

Konzert Kommenden Samstag im WUK.

(kurier) Erstellt am
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