Kultur
19.07.2017

Art Garfunkel in Wien: Singen als Sucht

Der legendäre Sänger trat Dienstag im Konzerthaus auf.

„Ich kann gar nicht glauben, dass ich diesen Job immer noch mache!“ Offenbar konnte es auch Art Garfunkels Publikum Dienstagabend im Wiener Konzerthaus nicht. Denn schon alleine dafür, dass er auf die Bühne kam, noch bevor er einen Ton gesungen hatte, bekam der Sänger mit der Ausnahmestimme tosenden Applaus von 1200 Fans.

Es stellte sich schnell heraus, warum: Der 75-Jährige ist eine Legende, die mitgeholfen hat, unvergessliche Pop-Klassiker zu schaffen. Als Teil des Duos Simon & Garfunkel hatte er Hits wie „The Boxer“ und „Homeward Bound“. Und obwohl er danach zwölf Solo-Alben aufgenommen hat, singt er in Wien jeden dieser Klassiker. Garfunkel weiß, was das Publikum will, und gibt es ihm. Denn, wie er in Wien gleich eingangs erwähnt: „Ich will nicht sagen, dass das Singen meine Liebe ist - das klingt kitschig. Und das ist es auch nicht. Das Singen ist vielmehr eine Sucht.“

So verzeiht man Garfunkel auch, dass seine klassisch schöne Ausnahmestimme im ersten Teil des Programms nicht gut aufgewärmt klingt. Immer wieder wirkt sie unsicher und nicht so stabil, wie man es von den alten Platten gewöhnt ist. Dafür entschädigen die zeitlos schönen Melodien. Denn auch bei den Songs, die nicht aus dem Repertoire von Simon & Garfunkel stammen, setzt der Amerikaner auf Songwriting der höchsten Schule, auf Titel von Randy Newman, George Gershwin und den Everly Brothers. „Perfect Moment“ zeigt dann, dass es Garfunkel selbst – wenn auch nicht so lässig und häufig wie Paul Simon – es drauf hat, derartige Lieder zu verfassen.

Oft erwähnt er „meinen Freund Paul“ und „seine großartigen Songs“, wenn er zwischendurch Geschichten zu gewissen Hits erzählt. „Scarborough Fair“ entstand an einem Dienstag, erinnert er sich. Dann hatte er die Idee, Simons Bearbeitung dieses Volksliedes den Song „The Side Of A Hill“ überzustülpen. Das Ergebnis: „Scarborough Fair/Canticle“– ein ewiger Welthit! Doch hier im Konzerthaus singt Garfunkel diese beiden Songs getrennt, einen nach dem anderen. Denn er hat einen Pianisten und Gitarristen mit auf der Bühne, der wie Simon perfektes Fingerpicking beherrscht. Aber keiner der beiden singt die Stimme von Paul Simon. Dadurch verlieren manche der Duo-Hits an Stimmung. Trotzdem kommt die Pause nach nur 35 Minuten viel zu früh.

Danach klingt Garfunkels Stimme wesentlich besser. Und somit sind Hits wie „Bright Eyes“, „The Sound Of Silence“ und „Bridge Over Troubled Water“ umjubelte Highlights. Er liest zwischendurch ein paar Gedichte und Anekdoten aus seinem im Herbst erscheinenden Buch, erinnert sich an die „grandiose Zeit“ mit Simon, als sie als Straßensänger in Europa unterwegs waren – „bevor der Ruhm alles verändert hat“.

Auch die zweite Hälfte ist nicht viel länger. Es gibt noch zwei Zugaben. Trotzdem – mit einer Nettospielzeit von nur eineinviertel Stunden wirkt das Konzert schon recht kurz.

Die Besucher bedanken sich trotzdem mit stehenden Ovationen. Denn hier ging es weder um einen Marathon, noch um einen Abend der musikalischen Offenbarungen. Hier ging es um das Feiern dieser Melodien, die so mühelos ein halbes Jahrhundert überdauert haben, nach wie vor frisch klingen und sich wohl nie abnützen werden. Und es ging um die Ehrfurcht vor einem der Männer, die sie geschaffen haben.

KURIER-Wertung: