Kultur
28.03.2012

Arne Dahl: "Das Böse kommt heutzutage leichter davon"

Über die neue Qualität des Bösen und das schwedische Krimiwunder: Autor Arne Dahl im Interview.

Bekannt wurde Arne Dahl mit seiner Krimireihe rund um das schwedische A-Team. In seinem neuesten Roman "Gier" schickt er eine europäische Ermittlergruppe in den Kampf gegen das Böse.

KURIER: Sie schreiben keine herkömmlichen Krimis, bei denen am Schluss der Mörder verhaftet wird. In "Gier" sind die Bösen unsichtbar ...
Arne Dahl:
Es ist leicht, konservative Krimis zu schreiben. Aber es sind die großen Verbrechen, die mich wirklich interessieren. Die globalen, schwer zu fassenden Verbrechen. Bei denen nicht mehr klar das Gesetz gebrochen wird, weil auch die Gesetze sich ändern. Als ich Mitte der 90er-Jahre damit angefangen habe, Krimis zu schreiben, sahen die Verbrechen anders aus als heute. Die Dinge haben sich geändert, vor allem, wenn es um die Grenze zwischen Legalität und Illegalität geht. Die Grauzone wird größer. Und das ändert die Form des Genres.

Was hat Sie zu "Gier" inspiriert?
Da war einerseits die Diskussion über die Frage, ob es eine Art europäisches FBI geben soll. Und dann kam die Finanzkrise. Ich hatte das Gefühl: Wenn ich die Finanzkrise möglichst gut verstehe, bekomme ich auch ein Verständnis für die großen Verbrechen unserer Tage. Und es stellte sich als großes Netzwerk von großen und kleinen Verbrechen heraus. Unschuldige Leute tun böse Dinge, ohne es zu wissen. Die großen Player sind unsichtbar im Hintergrund. Das hat die Struktur des Buchs verändert. Es wurde viel dicker. Es wurde ein Netz aus Dingen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Sie haben von einer Grauzone gesprochen. Sind wir nicht mehr in der Lage, Gut und Böse voneinander zu unterscheiden?
Das ist eine wirklich interessante Frage. Der deutsche Titel "Gier" (auf Schwedisch heißt das Buch "Viskleken", also "Stille Post") ist sehr gut. Er stellt etwas fest, das wir vielleicht nicht in uns wahrnehmen. Es wird immer schwerer, die Welt zu verstehen. Ein Schwall von Informationen bricht über uns herein. Zugleich sind wir sehr auf unsere privaten wirtschaftlichen Angelegenheiten konzentriert, einfach um den Kopf über Wasser zu halten. Die Gesellschaft sagt uns, dass wir uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern sollen. Das Böse kommt heutzutage leichter davon, weil keiner so genau hinschaut. Und weil die Zusammenhänge – zum Beispiel in der Finanzwelt – so komplex sind, dass sie keiner mehr versteht. Diese Entwicklung ist erschreckend.

Ihre Antwort ist optimistisch. In "Gier" schicken Sie eine Gruppe von talentierten Ermittlern aus ganz Europa los, die in ihren Ermittlungen – ihren Versuchen, zu verstehen – sehr weit kommen.
Wir können das nur bekämpfen, in dem wir menschlich bleiben. Indem wir die Werte des Humanismus hochhalten. Ich sehe keinen anderen Weg.

Sie gelten als Teil des schwedischen Krimiwunders – Ihr Buch ist aber nicht sehr schwedisch.
Nein, das ist ein europäisches Buch. Ich bin in gewissen persönlichen Hinsichten sehr schwedisch. Aber als Schriftsteller bin ich international ausgerichtet. Ich bekomme immer mehr das Gefühl, dass Schweden ein bisschen isoliert ist. Sich ein bisschen außerhalb der Realität befindet. Das bezieht sich auch auf die schwedische Krimiliteratur, die in den letzten zehn Jahren wieder konservativer geworden ist. Die Idylle wird durch ein Verbrechen kurz gestört, um dann wieder hergestellt zu werden. Stieg Larsson hat viele Türen geöffnet. Plötzlich war Amerika interessiert und auf einmal tauchten in Schweden haufenweise Krimischriftsteller auf, die nach diesem Muster arbeiten.

Viele Leser erwarten sich Mord in Bullerbü, wenn sie einen schwedischen Krimi kaufen.
Bei mir gibt es keine roten Häuschen. Davon bin ich weit entfernt.

Zur Person: Mit Pseudonym zum Erfolg

Arne Dahl heißt eigentlich Jan Arnald. Der Literaturwissenschaftler und -kritiker veröffentlicht auch unter seinem bürgerlichen Namen. Der Durchbruch gelang dem heute 49-Jährigen jedoch 1998 mit Pseudonym und als Krimiautor.

Das A-Team stand im Mittelpunkt seiner ersten elf Kriminalromane. Nach einer kreativen Pause entschloss sich Dahl dazu, weiterzumachen: mit einer (fiktiven) europäischen Polizeieinheit, zu der auch ehemalige A-Team-Mitglieder gehören.