Kultur
08.06.2017

"Aquarius": Widerspenstige Witwe

Comeback für Sonia Braga, die im Kampf gegen eine skrupellose Baufirma brilliert.

Tante Lucia feiert ihren 70. Geburtstag. Er fällt ins Jahr 1980, in dem Queen mit ihrem Welthit "Another One Bites the Dust" den Nerv ihrer Zeitgenossen trafen.

Familie und Freunde sind versammelt. Großneffen und Nichten lesen einen zärtlichen Brief vor und preisen das Leben der Tante. Ihre Karriere, ihren Widerstand gegen die brasilianische Militärdiktatur, ihre Leistungen.

Tante Lucia lächelt und denkt dabei an etwas völlig anderes. Daran, wie sie als junge Frau wilden Sex auf der Kommode hatte, die nun unschuldig im Raum steht.

Regisseur Kleber Mendonça Filho lässt Lucias erotische Erinnerungen wie grelle Blitze aufflackern und die harmlose Familienfeier entzünden. Zweifellos wäre Lucias Leben einen eigenen Film wert gewesen, doch der Brasilianer erzählt eine andere Geschichte. Diese findet in derselben Wohnung statt, doch drei Jahrzehnte später.

Zu dem Zeitpunkt ist Lucia längst tot. Nun lebt ihre Nichte Clara darin, selbst in ihren 60ern und verwitwet.

Das lange, furios schwarze Haar von Sonia Braga ist das Erste, was man von Clara zu sehen bekommt. Die brasilianische Star-Schauspielerin, das Ex-Sex-Symbol – auch mit Mitte 60 von umwerfender Schönheit – gibt dem subtilen, sprühenden Drama Filhos eine wunderbare Echokammer. Allein durch ihre Präsenz verweist Braga auf ein anderes Zeitalter.

Ihre Vergangenheit und ihr Vergessen quälen Filho in "Aquarius". Eine Baufirma will Claras Wohnhaus abreißen und durch einen modernen Wolkenkratzer – einen "New Aquarius" – ersetzen. Alle Bewohner sind bereits ausgezogen, nur Clara leistet Widerstand.

Ihre Wohnung ist vollgeräumt mit analogen Gedächtnisträgern: Platten und Kassetten stapeln sich an den Wänden, Kubricks famoser "Barry Lyndon" ziert als Filmplakat die Wand. Während eines Interviews fischt Clara – pensionierte, wohlhabende Musikkritikerin – eine John-Lennon-Platte aus dem Regal, der eine Zeitungskritik von 1980 beiliegt, geschrieben kurz vor Lennons Ermordung: "Message in a bottle" nennt sie diese Botschaft aus dem letzten Jahrtausend.

Gigolo

Wohin mit all den Erinnerungen, die als alte Fotos im Familienalbum fest geklebt sind oder als Lieder in Vinyl gepresst wurden?

Und wie hieß noch mal das Dienstmädchen, das man hier auf dem Foto sieht? Eine tolle Köchin, aber leider ein Miststück. Hat Mutters Schmuck geklaut.

Ja, sagt Claras Schwägerin lakonisch: Wir beuten sie aus und sie bestehlen uns.

Wie nebenher lässt Filho krasse Klassengegensätze aufblitzen. Und wie zufällig sieht man im Hintergrund eine ältliche Hausangestellte, die mit Kochen beschäftigt ist, währen der Rest der Familie im Fotoalbum schwelgt.

Doch falsche Nostalgie ist Claras Sache nicht. Ihre Verbindung zur Vergangenheit knüpft sich an das Jetzt: Angefixt durch eine Sex-Party in ihrem Wohnungsgebäude, engagiert sie sich einen Gigolo. Nicht aus Verzweiflung oder Einsamkeit, sondern aus purer Lust auf Sex.

Sonia Braga, umlodert von ihrem schönen Haar wie eine Stichflamme, gebietet in jeder Sekunde souverän die Leinwand. Ob Momente der Demütigung, des Triumphs oder des Glücks – ihr Gesicht bleibt verletzlich, offen, neugierig. Und völlig der Gegenwart zugewandt.

INFO: BRA/F 2016. 146 Min. Von Kleber Mendonça Filho. Mit Sonia Braga, Maeve Jinkings.

KURIER-Wertung:

Über Chet Bakers Liebe zum Jazz und zum Heroin

Ethan Hawke wirft sich weg in seiner hinreißenden Performance als Chet Baker, dem Prince of Cool, dem James Dean of Jazz, dem Erfinder des West Coast Swing.

Chet Baker war aber nicht nur begnadeter Trompeter, sondern auch leidenschaftlicher Junkie. Über seinen Versuch, von den Drogen wegzukommen und ein heroin-freies Leben mit Frau und Kind zu starten, erzählt Robert Budreau in seinem hingebungsvollen Porträt, in dem Hawke als Chettie Baker nach einer Schlägerei seine Zähne verliert und neu lernen muss, Trompete zu spielen.

INFO: CN/GB 2016. 97 Min. Von Robert Budreau. Mit Ethan Hawke, Carmen Ejogo, C. K. Rennie.

KURIER-Wertung:

Flamboyante Diva gegen langweilige Spießeri

Zu einem blutigen Steak gehören ein Glas Rotwein, Mayonnaise und danach die Verdauungszigarette. Dieses Ritual lässt sich Catherine Deneuve auch von einem Gehirntumor nicht mies machen. An einem solchen leidet sie nämlich in Martin Provosts sympathischer Tragikomödie mit freundlichem Unterhaltungsniveau. Deneuve tritt auf als die Diva, die sie ist – mit grell geschminkten Lippen im Leoparden-Kopftuch.

Sie spielt eine mittellose Spielerin namens Beatrice: Vor 30 Jahren hat Beatrice ihren Geliebten verlassen und sucht nun die Freundschaft zu dessen Tochter. Die Tochter – Catherine Frot – arbeitet als Hebamme, lebt im Kleine-Leute-Milieu und ist ein Musterbeispiel geordneter Spießigkeit. Zuerst wehrt sie sich gegen die flamboyante Alte aus der Vergangenheit, doch langsam bahnt sich Freundschaft an. Nett.

INFO: F 2017. 117 Min. Von Martin Provost. Mit Catherine Frot, Catherine Deneuve.

KURIER-Wertung:

Fata Morgana mit langer Zunge

Hollywoods Universal Studio plant ein Franchise, in dem unter dem Arbeitstitel "Dark Universe" die eigenen Monster-Klassiker neu verfilmt werden. "Die Mumie" bildet dazu den Auftakt. Und Tom Cruise spielt die Hauptrolle "des Verfluchten". Verflucht deshalb, weil die Mumie – eine ägyptische Prinzessin, von Geburt böse und daher zur Strafe unter Sandmassen begraben – ihn auserwählt hat. Um was zu tun? Nicht ganz eindeutig – aber es hat mit Sex und Tod zu tun.

Es macht erstaunlich wenig Spaß, Tom Cruise dabei zuzusehen, wie er als Antiquitätenräuber namens Nick in das Grab der Mumie stolpert und düstere Horrorereignisse auslöst. Er tut dies unwillentlich und mit (überzeugend) einfältigem Gesichtsausdruck. Und kaum hat sich die Ägypterin aus den Bandagen befreit, dringt sie mental in seinen Kopf ein. Das führt zu ungewollt komischen Szenen: Cruise hat sandige Visionen und träumt sich in einer erotischen Fata Morgana die Prinzessin auf Kussnähe. Später wird sie ihm mit langer Zunge über das Gesicht schlecken, aber da ist ihm die Lust schon vergangen.

Regisseur Alex Kurtzman wirft verschiedene Horror-Versatzstücke auf einen Edeltrash-Haufen zusammen, lässt Kreuzritter als Untote aus ihren Gräbern wanken und einen feisten Russell Crowe als Mr. Jekyll auftreten. Gleichzeitig bemüht er sich um einen witzigen Tonfall, mit dem Cruise sein Image als romantischer Liebhaber ironisiert. Mit dem Effekt, dass "Die Mumie" weder gruselig ist, noch lustig. Zumindest nicht freiwillig.

INFO: USA 2017. 110 Min. Von Alex Kurtzman. Mit Tom Cruise, Sofia Boutella, Annabelle Wallis, Russell Crowe.

KURIER-Wertung:

Blick zur Mutter, wenn der "Strom der Ideen gebricht"

Wenn Neo Rauch einmal nicht weiß , was er malen soll, sagt er nicht: „Mir fällt nix ein“, er sagt: „Es gebricht mir am Ideenstrom“. Die Ausdrucksweise passt zu den Charakteren seiner Gemälde, die oft irgendwo im 18. oder 19. Jahrhundert gefangen scheinen, dort aber auf absurde Art mit Versatzstücken der modernen Welt konfrontiert werden.

Dass der Maler, der im Hype um die „Neue Leipziger Schule“ in den 2000er Jahren zu Weltruhm gelangte, als verschlossen und medienscheu gilt, passt ebenso zum romantischen Künstlerimage. Nicola Graef konnte Rauch aber zur Kooperation bewegen: Ihre Doku zeigt den Künstler bei der Arbeit, bei der Organisation und bei der Eröffnung von Ausstellungen. Der Film folgt Rauchs Bildern dazu bis in die Gemächer von Sammlern, die die Werke – teils zu Millionenpreisen – erstanden haben.

Als Einblick ins Künstlerleben funktioniert das hinreichend, im abendfüllenden Format fehlt es dem Film aber an Dynamik und Tiefgang.

Rauch selbst ist trotz seines außergewöhnlich guten Aussehens kein Filmstar, und seine versonnenen, knappen Statements sind nicht dazu angetan, den Zuseher in sein Werk zu ziehen oder dieses zu erleuchten: Über den Ursprung seiner Motive und seiner Bildkompositionen bleibt der Künstler – und der Film – stumm. So obliegt es Sammlern und Museumsbesuchern, über die Bilder zu sprechen, und sie bieten oft erstaunlich banale Deutungen für die Werke an. Ein einziges Mal lässt Rauch den frühen Verlust seiner Eltern als Triebkraft seines Schaffens erkennen. Wenn es ihm „am Ideenstrom gebricht“, sagt er, so schaue er oft zum Bild seiner Mutter auf. Es hängt hoch an der Atelierwand – Mutti sieht alles.

Wenn Neo Rauch einmal nicht weiß , was er malen soll, sagt er nicht: „Mir fällt nix ein“, er sagt: „Es gebricht mir am Ideenstrom“. Die Ausdrucksweise passt zu den Charakteren seiner Gemälde, die oft irgendwo im 18. oder 19. Jahrhundert gefangen scheinen, dort aber auf absurde Art mit Versatzstücken der modernen Welt konfrontiert werden. Dass der Maler, der im Hype um die „Neue Leipziger Schule“ in den 2000er Jahren zu Weltruhm gelangte, als verschlossen und medienscheu gilt, passt ebenso zum romantischen Künstlerimage. Nicola Graef konnte Rauch aber zur Kooperation bewegen: Ihre Doku zeigt den Künstler bei der Arbeit, bei der Organisation und bei der Eröffnung von Ausstellungen. Der Film folgt Rauchs Bildern dazu bis in die Gemächer von Sammlern, die die Werke – teils zu Millionenpreisen – erstanden haben. Als Einblick ins Künstlerleben funktioniert das hinreichend, im abendfüllenden Format fehlt es dem Film aber an Dynamik und Tiefgang. Rauch selbst ist trotz seines außergewöhnlich guten Aussehens kein Filmstar, und seine versonnenen, knappen Statements sind nicht dazu angetan, den Zuseher in sein Werk zu ziehen oder dieses zu erleuchten: Über den Ursprung seiner Motive und seiner Bildkompositionen bleibt der Künstler – und der Film – stumm. So obliegt es Sammlern und Museumsbesuchern, über die Bilder zu sprechen, und sie bieten oft erstaunlich banale Deutungen für die Werke an. Ein einziges Mal lässt Rauch den frühen Verlust seiner Eltern als Triebkraft seines Schaffens erkennen. Wenn es ihm „am Ideenstrom gebricht“, sagt er, so schaue er oft zum Bild seiner Mutter auf. Es hängt hoch an der Atelierwand – Mutti sieht alles.

INFO: D 2017. 129 Min. Von Nicola Graef. Mit Neo Rauch, Rosa Loy, Judy Lybke.

KURIER-Wertung: