Kultur
08.12.2017

Netrebko in Mailand: Antirevolutionäre Revolutionsoper

Saisoneröffnung an der Mailänder Scala mit Anna Netrebko und Yusif Eyvazov in Umberto Giordanos "Andrea Chénier".

Es begann schon während der Aufführung von Giordanos " Andrea Chénier": Nach jeder Arie, selbst nach dem berühmten "La mamma morta", dirigierte Riccardo Chailly, der Musikdirektor der Mailänder Scala, sofort weiter und machte damit Zwischenapplaus unmöglich.

Am Ende dann erreichte der Versuch, den Beifall zu steuern bzw. ja nicht in Missfallensbekundungen kippen zu lassen, seinen absurden Höhepunkt. Die Protagonisten zeigten sich nur im Kollektiv auf der Bühne und danach vor dem Vorhang, sodass den Besuchern der Saisoneröffnung der Scala die Möglichkeit genommen wurde, einzeln über Sängerinnen und Sänger zu urteilen. Also wurde brav applaudiert, jedoch nicht sonderlich euphorisch, bis es manchen zu blöd wurde und sie buhten.

Chailly hatte schon im Vorfeld angedeutet, dass man diesfalls so agieren werde. Und man erzählt sich in Mailand, dass im Vorjahr, bei "Madama Butterfly", der übertragende TV-Sender RAI gebeten worden sei, die finalen Solovorhänge nicht zu zeigen, falls es Proteste geben sollte (die es nicht gab).

Kontrolle

Kennen wir ja aus der Politik, solche Versuche, das Bild der eigenen Partei in der Öffentlichkeit zu kontrollieren. Aber ein Live-Erlebnis wie Oper lebt nun einmal von Emotionen, auch von negativen, von der Möglichkeit, als Publikum die Meinung zu äußern, innerhalb der Sängerschaft zu differenzieren. Soll heißen: Fad und eine Nivellierung nach unten, wenn es nur noch ums Kollektiv geht.

Den Hintergrund, warum man nicht einmal der größten Diva unserer Zeit, der einzigartigen Anna Netrebko als Maddalena, singulär zujubeln durfte, als sie endgültig zu Maria Callas aufschloss, kann man nur erahnen: Es dürfte wohl mit Skepsis zu tun haben, ob die Leistung ihres Mannes Yusif Eyvazov als Chénier vom als besonders kritisch bekannten Mailänder Publikum auch gebührend gewürdigt werde. Dabei hätte sich Eyvazov, so aufopfernd, wie er die Partie sängerisch gestaltete, ein Urteil verdient.

Von seinem ersten Auftritt an gab er alles, was er zur Verfügung hat, setzte all seine Kraft ein, als kämpfe er um sein Leben, sang das "Un di all’azzurro spazio" sogar so gut, dass es einen zarten (und sofort unterdrückten) Versuch des Applauses gab. Im weiteren Verlauf bemerkte man jedoch die mangelnde Differenzierung, die limitierte Gestaltung und die Eindimensionalität. Auch in der Bühnenpräsenz, denn der Tenor machte sich weniger durch Spiel als durch mächtiges Stehen bemerkbar.

Das soll nun seine Fähigkeiten keinesfalls kleinreden. Aber wenn er mit seiner Frau in einer der wichtigsten szenischen Produktionen des Jahres, bei Preisen bis zu 3000 Euro für Premierentickets, singt und spielt, muss er sich an seinem Umfeld messen lassen.

Selbst Netrebko, die mit ihrem traumhaften dunklen Timbre begeisterte, mit klaren Spitzentönen, herrlicher Phrasierung und einer Gestaltung ihrer großen Arie, die einem ob der Schönheit die Tränen in die Augen treibt, spielte seltsam verhalten. Zwischen ihr und Eyvazov knisterte es in keinem Moment merkbar. Wenn die beiden am Ende zum Schafott schreiten, wirkt es, als würden sie den Fernsehapparat abdrehen und ins Bett gehen.

Man muss es leider feststellen: Die beiden tun einander nichts Gutes, wenn sie solche Projekte gemeinsam verwirklichen. Es macht Eyvazov nicht größer. Und Netrebko kleiner, wenn sie nicht alle überstrahlen darf. Dabei wäre er im Repertoire per se kein übler Chénier. Und sie ist eine grandiose Maddalena di Coigny. Aber diese Oper heißt nun einmal "Andrea Chénier" und ist eine Tenoroper, die an der Scala nach dem Krieg fast nur von Größen wie Mario del Monaco, Beniamino Gigli oder José Carreras gesungen wurde.

Wenn man nun wählen müsste, wer seine Rolle am besten gestaltete – man würde wohl Luca Salsi nehmen. Er ist ein mächtiger, präsenter, dennoch sensibler Carlo Gérard. Auch Judit Kutasi als Madelon, Annalisa Stroppa als Bersi oder Carlo Bosi als "Incredibile" sind gut besetzt.

Und das Dirigat von Chailly am Pult des nach anfänglichen Unsicherheiten präzisen, farbenprächtigen Orchesters ist eine Freude. Er setzt primär auf zarte Lyrismen statt auf Attacken, auf Details und Kontraste statt auf Wucht. So facettenreich kann "Chénier" also klingen.

Klischees

Die Inszenierung von Mario Martone ist elegant und konfrontiert anfangs die Welt der Dekadenz sehr klug mit der beginnenden Revolution. Insgesamt ist hier aber so gut wie alles antirevolutionär: Die Regie, die auch aus den 1980er Jahren stammen könnte, als das Werk zuletzt an der Scala lief; der Protagonist, der das Gegenbild eines strahlenden Helden ist und die vielschichtige Figur minimiert; die Negation jeder psychologischen Komponente innerhalb dieses Werkes; die Gesten wie aus dem Klischee-Handbuch; und das Bekenntnis zu einem Starbetrieb, bei dem jedoch den Stars in letzter Konsequenz nicht zugejubelt werden konnte.