Kultur
23.11.2017

Anna Ternheim: Trauermarsch auf High Heels

Anna Ternheim präsentiert beim dreitägigen Singer-/Songwriter-Festival ihr neues Album.

Trübsal zu blasen hat in der Musik seit jeher eine gewichtige Rolle. Meistes ist hierbei von Schmerzensmännern die Rede. Blickt man aber genauer hin, offenbart sich eine Damenrunde, die es sich am Suderantenstammtisch gut eingerichtet hat. Soll heißen: Ins Bier können auch Frauen weinen. Den Beweis dafür liefern etwa Chrysta Bell, Dillon und Michelle Gurevich, die von heute, Donnerstag, bis Samstag beim Blue Bird als Headliner vorstellig werden. Zum dreitägigen Festival im Wiener Porgy & Bess reist auch Anna Ternheim mit ihrem neuen Album "All The Way To Rio" an. Die in Stockholm geborene und mittlerweile in New York lebende Singer-Songwriterin schreibt seit Anfang der Nullerjahre Songs, um sich weniger einsam zu fühlen. Umarmungen in schwierigen Zeiten liefert nun auch ihr neues Werk, auf dem Ternheim ihrem Stilmix aus Folk, Americana, Blues treu bleibt – er bildet das Fundament für die acht neuen Lieder, mit denen die Musikerin eine düstere Gefühlslandschaft zeichnet.

Puzzlestein

"All The Way To Rio" beginnt mit erhöhtem Puls: Der im Hintergrund gehaltene, abgedämpfte Trommelschlag gibt die Reisegeschwindigkeit vor. Es ist ein Trip mit ungewissem Ausgang, ein Neustart ohne Hoffnung auf Besserung. Dieses beklemmende Gefühl der Unsicherheit, der Orientierungslosigkeit lässt sich auf die schwere Geburt des Albums zurückführen. Denn lange war nicht klar, ob Ternheim ihr neues Werk jemals fertigbringen wird. "Es war nach den ersten Aufnahmen im Studio keine Richtung zu erkennen. Die Songs hatten Spannung und wollten etwas, aber sie führten nirgendwo hin. Wie ein musikalisches Gemälde im Stillstand. Ich wusste nicht weiter", so die Musikerin. Ein zufälliges Treffen mit dem Fotografen Jacob Felländer stellte sich dann als Glücksfall, als fehlender Puzzlestein heraus. Der Knoten im Kopf löste sich und viele Sorgen waren vergessen.

Beeinflusst wurde Ternheims neues Album aber nicht nur von Felländers Bildern, sondern auch von ihrer aktuellen Wahlheimat New York. Im Abschlusssong "In The Morning" zieht sie etwa mit hängendem Kopf auf High Heels durch die Straßen des Big Apple. Ein stöckeliger Trauermarsch – heim von der Disco: wach ist der Geist, müde der Körper, verloren die Liebe. "Come back to me", fleht Ternheim und wird dabei von einer einer resignierenden Gitarrenmelodie begleitet. In "Holding On" zieht die 39-Jährige kurz das Tempo an, der Discobass drängt nach vorne und am Ende bricht alles in sich zusammen: "Holding on". Festhalten, die Melancholie kommt. Heute Abend live im Porgy & Bess.

Info: Blue Bird Festival – ab heute, Donnerstag, bis Samstag im Wiener Porgy & Bess. Karten gibt es nur mehr für heute und Samstag. Der Freitag ist bereits ausverkauft. Details unter: www.songwriting.at