Kultur
15.12.2017

Anna F.: "Ich habe gelernt, nein zu sagen"

Popstar Anna F. spielt im Ötzi-Film "Der Mann aus dem Eis" und erzählt über ihr neues Leben in London und ihr Liebesglück.

Anna F. trinkt Whisky, der Stimme wegen. Pur, und ohne Eis. In ihrem neuen Film ließ sich darauf aber nicht verzichten: „Der Mann aus dem Eis“ (aktuell im Kino), ist der erste Streifen über den Ötzi, der vor 5.300 Jahren durch einen Pfeil getötet, und 1991, konserviert im ewigen Eis, in den Ötztaler Alpen gefunden wurde. Ein archaisches Drama, in dem Ötzi Rache für seine ermordete Sippe nimmt. Die Österreicherin spielt eine Nebenrolle. Für den Kurier traf sie Alexander Kern bei einem Kurzbesuch in Wien – und sprach mit ihr über ihr neues Leben in London, ihr privates Liebesglück, und ihre Band, die nur aus Frauen besteht.

Willkommen zurück in Österreich. Wie fühlt es sich an, heimzukehren?

Vor allem die österreichische Sprachmelodie wiederzuhören tut mir gut. Der Dialekt weckt mein Heimatgefühl und meine Erinnerungen. Ich mag unseren schwarzen Humor. Und wir haben viele Ausdrücke, die es nur bei uns gibt. In Berlin, wo ich zuvor gelebt habe, hat mir das gefehlt. Und in London sowieso.

Sie sind ausgewandert – wie lebt es sich in London?

London ist ein teures Pflaster. Aber sonst ist die Stadt ideal für mich: musikalisch ist ordentlich was los, wie generell kulturell – die Theaterszene ist wohl weltweit die Beste. Toll!

Warum sind Sie nach London gegangen?

Weil die Stadt am Puls der Zeit ist und meine Musik besser hierher passt. In Deutschland regiert der deutschsprachige Pop und Schlager, ebenso in Österreich und der Schweiz ist das im Augenblick gerade gefragt. Da ist nicht viel Platz für was Anderes.

Was vermissen Sie am meisten an Österreich?

Neben der Sprache vor allem die Lockerheit im Umgang, und wie entspannt die Leute sind. Selbstverständlich auch Freunde und Familie. Und: Kuchen und andere Mehlspeisen! Aber auch Brot. Seit eineinhalb Jahren lebe ich in London, pendle zwischen hier und Berlin.

Sie spielen in „Der Mann aus dem Eis“ eine Nebenrolle als Gefährtin von Western-Legende Franco Nero.

Ich fand es cool, mit ihm abzuhängen. Ich habe etwa Angeln ausgeliehen und wir waren Fliegenfischen – direkt an einem wunderschönen Bergsee, bei der Stelle, an der Ötzi gefunden wurde. Er wollte mir das Angeln beibringen.

Und, ist es geglückt?

Ich habe mich immer geduckt, wenn er die Angel ausgeworfen hat. Damit ich den Haken nicht ins Aug’ kriege. (lacht) Er hat dann wirklich einen Fisch gefangen, uns ihn am Abend rausgebraten und den Fang brüderlich geteilt. Den Western „Django“ habe ich nie gesehen, aber der Name war mir natürlich ein Begriff. Ich fand es sehr nett mit ihm

Mit Ötzi-Darsteller Jürgen Vogel spielen Sie eine Liebesszene. Wie war es, die zu drehen?

Ich habe erst zwei Minuten, bevor wir sie gedreht haben, davon erfahren! Die Szene wurde dahingehend geändert. Wir haben uns kurz überlegt, wie wir das anstellen, und dann lief es ganz easy. Jürgen hat mir geholfen, und beim dritten Mal war es im Kasten. Er ist total nett. Er interessiert sich wirklich für einen, und ist ein echter Teamplayer: Am Flughafen geht er zum Beispiel los und holt für alle Kaffee.

Der Film ist eigentlich ein Rachethriller – Ötzi rächt seine ermordete Familie. Kennen Sie Rachegelüste?

Ich bin überhaupt nicht nachtragend. Aber: Ich hasse Ungerechtigkeit, dagegen kämpfe ich an! Interessant finde ich an Rachegefühlen das Verbindende: man wünscht jemandem etwas, das man selbst erleiden musste. Ich löse Konflikte, indem ich sie direkt anspreche. Ist das nicht möglich, wende ich mich ab. Früher habe ich aus Höflichkeit öfter gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Heute möchte ich meine Zeit nur mit Leuten teilen, die mir keine Energie abzapfen. Je älter man wird, desto weniger Zeit möchte man verschwenden.

Wie haben Sie sich verändert in den vergangenen zehn Jahren?

Ich habe gelernt, auch nein zu sagen, und mehr darauf zu hören, was ich will – und nicht andere von mir. Ich bin in dieser Hinsicht stärker geworden und vertraue mehr auf meine innere Stimme. Ich weiß heute besser, was ich will. Früher ist mir vieles quasi zugefallen. Heute gehe ich zwar weiter offen durchs Leben – aber versuche, selbstbestimmter zu leben.

Wann ist wieder mit neuen Songs zu rechnen?

Eben ist das neue Album fertiggeworden. Es wird stilistisch anders sein als bisher – rockiger, roher, rumpliger. Ich habe in London gerade eine Band zusammengestellt, die aus lauter Frauen besteht. Eine witzige Geschichte, nachdem meine Band am Anfang meiner Karriere ja Anna F. & her Ex-Boyfriends hieß. Aber ich hatte Bock auf diese Energie auf der Bühne.

Wie läuft es privat?

Ich bin seit mehreren Jahren in einer glücklichen Beziehung. Mein Freund ist ebenfalls Musiker, seine Band ist in der elektronischen Szene weltweit sehr bekannt – von Glastonbury bis Coachella spielen sie bei jedem großen Festival. Wir sind zusammen nach London gezogen

Ist es mitunter schwierig, wenn zwei Künstler eine Beziehung führen?

Ich finde es super. Wir ergänzen uns gut. Er hat auf meinem neuen Album mitproduziert, Drums eingespielt – aber auf Tour gehe ich dann ausschließlich mit den Mädels. Ein Ego-Clash droht uns jedenfalls nicht. Ich habe wiederum bei zwei Songs auf seinem Album mitgeschrieben, bin auch auf einem Song gefeatured. Wir beraten uns gegenseitig – und das ist immer gut, denn ich finde es leichter jemand anderen zu beraten als sich selbst.

Letzte Frage: Die Causa um Harvey Weinstein hat viel Staub aufgewirbelt. Waren Sie selbst je Belästigung, Machtmissbrauch oder Sexismus ausgesetzt?

Machtmissbrauch habe ich öfter erlebt, aber das war nie speziell an Männer oder Frauen gebunden. Solche Geschichten gibt es überall, ob bei einer Einreise in die USA, im Filmgeschäft oder wohl auch im Pop-Business. Es gibt "böse" Männer, die fürchterliche Dinge getan haben, ganz klar; es gibt aber auch viele "böse" Frauen, die Spielchen spielen und mit Manipulationen versuchen zu bekommen, was sie wollen. Man kann das nicht verallgemeinern.

(Interview: Alexander Kern)