"Warum muss sie sterben?"

Angela Gheorghiu
Foto: AP/Paul White Angela Gheorghiu singt die Titelpartie in "Adriana Lecouvreur" und lehnt das Regietheater massiv ab.

Die Starsopranistin singt am Sonntag an der Wiener Staatsoper die Titelpartie in Francesco Cileas "Adriana Lecouvreur". Im Interview klagt sie über Auswüchse des "Regietheaters".

In London feierte sie (an der Seite von Tenor Jonas Kaufmann) einen Triumph. Ab heute, Sonntag, will Angela Gheorghiu als Francesco Cileas "Adriana Lecouvreur" auch das Wiener Publikum erobern. Ein Gespräch.

KURIER: Was lieben Sie an dieser Oper so sehr?Angela Gheorghiu: Adriana war eine Wunschpartie von mir, und ich freue mich, sie auch in Wien präsentieren zu können. Cilea hat da eine hinreißende Musik geschrieben. Und ich darf in der Titelpartie eine große Schauspielerin sein. Das ist eine doppelte Herausforderung, denn es geht nicht nur darum, gut zu singen und diese Frau glaubhaft darzustellen. Es geht darum, dass ich als Adriana glaubhaft große Theaterrollen spielen muss. Es ist eine wunderbare Produktion.

Auch deshalb, weil David Mc­Vicars Inszenierung ganz klassisch angelegt ist?

Ja! Ich muss mich in einer Produktion wohlfühlen. Dieses sogenannte Regietheater lehne ich ab. Oper ist Liebe, Leidenschaft, Emotion, einfach ,bigger than life‘. Und wenn man etwa Violetta aus ihrem historischen Kontext herausnimmt, funktioniert ,La Traviata‘ nicht. Wenn ein Regisseur glaubt, klüger als der Komponist und der Librettist zu sein, soll er bitte gefälligst was Neues, Eigenes machen. Für faule Kompromisse bin ich nicht zu haben. Da steige ich lieber aus einem Vertrag rechtzeitig aus.

Was ja schon oft passiert ist ...

Ja, leider auch in Wien. Hier habe ich die ,Manon Lescaut‘ und ,Roméo et Juliette‘ aufgrund der Inszenierungen absagen müssen. Auch der ,Faust‘ war entsetzlich, aber in dieses Abenteuer hat mich damals Roberto (Alagna, Anm.) hineingedrängt. Aber das sind Produktionen, die man wegwerfen sollte. Die Wiener ,Traviata‘ bitte übrigens auch gleich. Nur eine leere, schwarze Bühne – darauf kann man doch alles oder eben nichts spielen. Es hat schon einen Grund, warum Franco Zeffirellis Inszenierungen auch nach Jahrzehnten überall geliebt werden. Ein schöner Rahmen für schöne Geschichten und für einen schönen Abend, an dem man sich ganz den Emotionen hingeben kann.

Wie wichtig ist denn die Optik in der heutigen Opernszene?

Sie muss stimmen. Aber heute gibt es – gerade bei jungen Kolleginnen – viele ,One-Day-Wonders‘. Sängerinnen, die ausschließlich nach optischen Kriterien ausgesucht werden, nicht nach stimmlichen. Ein kurzer Hype, ein paar Fotos in Hochglanzmagazinen, ein paar Auftritte – dann ist es meist vorbei. Dabei ist die Stimme in der Musik immer noch das Wichtigste. Wenn man gut aussieht und dazu noch eine gute Stimme hat, ist das natürlich perfekt. Aber nur mit Schönheit lässt sich keine Karriere machen. Das sollten junge Sänger immer bedenken.

Sie haben beides: Ein tolles Aussehen und eine tolle Stimme ...

(lacht) Ja, zum Glück, danke. Aber das ist ein Geschenk. Und ich darf beides in den Dienst der Musik stellen.

Kommen wieder neue Partien?

Sicher. Eine Norma wäre etwa schön. Auch für Wien habe ich viele Pläne. Eines Tages würde ich gern die Desdemona auf CD oder DVD aufnehmen. In Top-Besetzung. Aber das ist nicht einfach. Es gibt ja kaum mehr einen grandiosen Otello. Ein Plácido Domingo steht ja leider nicht mehr zur Verfügung.

Aber er könnte dirigieren ...

Gute Idee! Aber gebt mir einen Otello! Dann mache ich das sofort. Ich muss einmal Jonas Kaufmann fragen ...

Und was würden Sie Cilea zu seiner "Adriana" fragen wollen?

(lachend:) Ich würde ihm erst für seine Musik und diese Rolle danken. Wenn er dann gut gelaunt wäre, würde ich sagen: Du hast so herrliche Arien geschrieben und eine starke Frau erschaffen. Warum muss sie sterben? Adriana hätte es verdient, zu überleben, glücklich zu werden.

Erstmals an der Staatsoper

"Adriana Lecouvreur" orientiert sich an wahrer Geschichte

deddd… Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn Francesco Cilea (1866 bis 1950) war ein italienischer Komponist und Musikpädagoge. Er wird dem Verismo zugeordnet und ist im Gegensatz zu anderen Vertretern dieser Stilrichtung (Leoncavallo, Mascagni) für seine eher lyrisch ausgeprägten Werke bekannt. Zu seinen Opern zählen "L’ Arlesiana" und "Adriana Lecouvreur".

Die vieraktige Oper "Adriana Lecouvreur" (Libretto: Arturo Colautti nach einem Drama von Eugène Scribe) wurde 1902 in Mailand uraufgeführt. Der Inhalt orientiert sich an einer wahren Begebenheit: Adriana liebt den Grafen Moritz von Sachsen und wird vom diesem wiedergeliebt. Nach einigen Irrungen und Intrigen findet Adriana durch einen vergifteten Veilchenstrauß ihrer Konkurrentin, der Prinzessin von Bouillon, den Tod. Die Handlung spielt im Theatermilieu. Die Titelfigur lebte wie auch ihr Liebhaber im 18. Jahrhundert und war eine der führenden Schauspielerinnen ihrer Zeit.

"Adriana Lecouvreur" ist erstmals an der Staatsoper zu sehen. Die Inszenierung stammt von David McVicar, kommt aus London und wurde am Ring von Justin Way einstudiert. Dirigent ist Evelino Pidò. Es singen u. a.: Angela Gheorghiu (Adriana Lecouvreur), Massimo Giordano (Moritz von Sachsen), Elena Zhidkova (Bouillon), Roberto Frontali (Michonnet).

(kurier) Erstellt am
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