Kultur
26.07.2017

Angeklagt: Wagners Judenhass

Regisseur Barrie Kosky thematisiert bei den Bayreuther Festspielen das Verhältnis des Komponisten zu seinem verehrten Sündenbock.

Und wieder einmal sieht man im Bayreuther Festspielhaus die Villa Wahnfried als Bühnenbild einer Inszenierung. Das ist an Originalität durchaus zu übertreffen.

Was jedoch Barrie Kosky, der erste Regisseur der "Meistersinger von Nürnberg" seit mehr als 60 Jahren in Bayreuth, der nicht aus der Wagner-Familie stammt, darin entwickelt, ist spektakulär.

Kosky zeigt Richard Wagners Traum von deutscher Idylle, von Weltflucht vermittels der Musik, ja von Blindheit – und überall spürt man den Antisemitismus, der in Aggression und Gewalt mündet.

Hans Sachs ist in dieser Regie der Komponist selbst, der in seiner Villa eine "Meistersinger"-Aufführung probt – Wagner hat sich ja stets als eine Art Sachs gesehen. Eva ist seine Frau Cosima, was auch passend ist, weil Wagner betont hatte, Eva aus den "Meistersingern", also ein deutsches Frauen-Klischee, geheiratet zu haben. Veit Pogner ist Franz Liszt, also Cosimas Vater, der seine Tochter im wahrsten Wortsinn aufs Spiel setzt. Und Sixtus Beckmesser wird bei Kosky zum jüdischen Dirigenten Hermann Levi, einem zentralen Kapellmeister für Wagners Werk.

Demütigung

Levi wurde von Wagner durchaus verehrt, von ihm (und auch von Cosima) aber mit schrecklichen Briefen auch denunziert und unter Druck gesetzt, sich taufen zu lassen. Er konvertierte nicht, litt unter der Situation, leitete aber dennoch die Uraufführung des "Parsifal". Dass Wagner im dritten Aufzug Levi den Taktstock entzog und selbst weiterdirigierte, weiß kaum jemand.

Aus dieser Konstellation entwickelt Kosky schon während des Vorspiels eine faszinierende Geschichte, teils verschreckend, teils mit Mut zur Komik. Man sieht die Schein-Idylle, den Zwiespalt zwischen Naivität und grauenhafter Ideologie. Die anderen Meistersinger erinnern optisch an Dürer bzw. an headbangende Mitglieder einer prähistorischen Heavy-Metal-Band. Und Stolzing steht für neue Biederkeit.

Am Ende des ersten Aufzuges verwandelt sich die Villa Wahnfried zum Gerichtssaal der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse – und man ahnt, worauf Kosky hinaus will. Ab diesem Zeitpunkt gibt es kaum noch eine Überraschung, keine Entwicklung, keine Wendungen, wenig Interpretation. Die Anfangsidee verpufft, und Kosky ist sein eigener Spoiler.

Der zweite Aufzug spielt im von Gras und Moos überwucherten Prozessraum, ehe Kosky am Ende die Wiese hebt, unter die Erde schaut und übelsten Judenhass freilegt – mit einer überdimensionalen Figur des ewigen Juden wie aus dem "Stürmer".

Deutschtümelei

Im dritten Aufzug dient der Gerichtssaal mit der Anklagebank sowohl als Schusterstube als auch als Festwiese, auf der Deutschtum zelebriert wird. Da es aber zu keiner Anklage, zu keinem zeitgeschichtlichen Statement kommt, passen Setting und Handlung nicht zusammen. Das starke Bild der Nürnberger Prozesse verliert an Kraft. Soll Wagner ein Freispruch erteilt werden? Dann ist es nicht klar genug.

Erst am Ende setzt der Regisseur wieder einen Akzent: Der Gerichtssaal verschwindet, und Sachs richtet seinen Schlussmonolog ans Publikum, ehe kurz auf der Bühne ein Orchester und ein Chor als Sinnbild deutscher Kunst auftauchen, den dirigierenden Sachs, also Wagner, aber gleich wieder alleine lassen. Träum ruhig weiter, Hans

Diese Inszenierung ist eine der politischsten, besten der vergangenen Jahre, wirkt aber unfertig, bringt viel Bekanntes und zahlreiche Klischees. Sie ist teils oberflächlich und hyperventilierend, in der Personalführung aber glänzend gearbeitet und sehr musikalisch.

Die orchestrale Gestaltung durch Philippe Jordan, der musikalischen Chef der Pariser Oper und der Wiener Symphoniker, ist fabelhaft. Jordans " Meistersinger" sind in keiner Phase kraftmeierisch, überpathetisch, sondern elegant, geradezu lyrisch, fein gearbeitet, präzise, farbenreich, die Reichsparteitags-Wucht (das Werk wurde ja in Nürnberg von den Nazis stets zur Eröffnung gespielt) wegpustend.

Deutlichkeit

Die Besetzung bringt zwei exzellente Stimmen zu Gehör: Michael Volle ist ein mächtiger, viriler, bis zum Finale kraftvoller Sachs mit großer Wortdeutlichkeit und berührenden Passagen. Johannes Martin Kränzle als Beckmesser ist darstellerisch und sängerisch ein Ereignis. Klaus Florian Vogt ist Klaus Florian Vogt, also ein Tenor mit knabenhafter, nicht immer präziser Stimme, der als Stolzing im dritten Aufzug auch einige Spitzentöne ausspart. Günther Groissböck singt den Pogner solide, auch alle anderen Meistersinger sind seriös besetzt. Daniel Behle überzeugt als David mit großer Spielfreude und schönem Timbre. Georg Zeppenfeld ist als Nachtwächter purer Luxus, Wiebke Lehmkuhl eine erstklassige Magdalene. Nur die Besetzung von Anne Schwanewilms als Eva kann man nicht im geringsten nachvollziehen.

Unter all den "Meistersinger"-Produktionen der vergangenen Monate reiht sich Bayreuth im Spitzenfeld ein. In München hatte David Bösch mit Jonas Kaufmann als Stolzing, Wolfgang Koch als Sachs und Kirill Petrenko am Pult brillant gezeigt, wie Gewalt heute entsteht. In London hatte Kasper Holten (mit Bryn Terfel als Sachs und Antonio Pappano als Dirigent) eine packende Geschichte über geschlossene Männerzirkel erzählt. Und aus Mailand (Regie: Harry Kupfer) ist in Erinnerung, wie Michael Schade als Stolzing scheitert und Daniele Gatti am Pult vordergründig und lautstark agiert.

Apropos Gatti: Er wird in Bayreuth 2020 den neuen "Ring" dirigieren, vier verschiedene Regisseurinnen führen Regie, bei der "Götterdämmerung" ist es Katharina Wagner selbst. Davor kommen noch 2018 "Lohengrin" mit Christian Thielemann und 2019 "Tannhäuser".