© Michael Horowitz

Kultur
09/29/2012

Andy Warhol: Fast eine Erinnerung

50 Jahre ist es her, dass Andy Warhol die "Factory" in New York gründete. Christian Ludwig Attersee über die schillerndste Figur der Popkultur.

Warhol kaufte 1959 in Yorkville, dem sogenannten deutschen Viertel Manhattans, ein Haus für seine Mutter und sich. Julia hängte zwischen den Bildern von Jasper Jones und Frank Stella, die Warhol erworben hatte, überall Kruzifixe auf. Oft begleitete Warhol seine Mutter, die immer noch bäuerliche Kleidung trug, in die Kirche. In dieser Zeit befreundete er sich mit dem Schriftsteller Norman Mailer, der seit 1955 der Heraus­geber der Wochenzeitschrift "The Village Voice", dem Sprachrohr der kritischen New Yorker Intelligenz, war – auch ein Versuch Warhols, den Weg aus der Werbebranche in die Kunstwelt zu gehen.

Die letzte Arbeit, an der auch Warhols Mutter beteiligt war, ist ein mit handkolorierten Zeichnungen ausgestattetes Kochbuch mit dem Titel "Wild Raspberries", eine Anspielung auf Ingmar Bergmanns gleichnamigen Film. Nonsens-Rezepte wie "Omelette Greta Garbo" oder "Schuh mit Erdbeeren" erschütterten in diesem Buch die Rezeptgläubigkeit der damaligen Kochwelt. Mir selbst aber wird bei der wiederholten Durchsicht dieses Buches klar, was für einen wichtigen Anteil Humor am Rande der Kunst einnehmen kann. Ich habe in meinem Frühwerk immer wieder versucht, mit humoristischen Details den Bildbeschauer zu irritieren, und es hat fast ein Jahrzehnt gedauert, bis Witz und Humor in der sogenannten Hochkunst der 1960er-Jahre Platz gefunden haben.

Ich möchte aber jetzt von zwei Meistern sprechen, mit denen ich mich künstlerisch verwandt fühle. Zuerst von Wassily Kandinsky, dessen malerisches Werk, Bild für Bild aneinandergereiht, für mich eine geschlossene Suche und Entwicklung ergibt, nahezu ohne Brüche. Ich sehe und verstehe mein künstlerisches Schaffen genauso: suchen und finden, Bild für Bild. Kandinsky war übrigens für viele Jahre in meiner Jugend mein Lieblingsmaler.

Wenn ich mir einen zweiten Künstler wählen darf, dann muss ich von Andy Warhol sprechen: Er ist für mich der politische Geist von bildnerischer Jagd und in seinem Werk ein bis zur Brutalität reichender Gesellschaftskritiker der Sechziger Jahre Nordamerikas. Sprechen wir von den riesigen Geldschein-Siebdrucken, die er den amerikanischen Bürgern und Sammlern in Galerien und Wohnzimmer hängte, von den Autounfall-Bildern, die als Dekorationen New Yorker Loftwände zieren, von den Bildern mit Abbildungen elektrischer Stühle oder von den Selbstmörder-Darstellungen aus seiner Desaster-Serie.

Man kann diese Bilder, und sie sind nur ein Teil seines großartigen Werkes, als schamlos bezeichnen, wie z. B. die Siebdruckreihe der trauernden Jackie Kennedy, aber ich sehe die vorher genannten Bilder als die effektvollsten und auch ihr Ziel am direktesten erreichenden Nachrichten. Natürlich mit ästhetischen Reizen im Sinne der Populärkultur der 1960er-Jahre ausgestattet, als bis heute unüberbietbar aktuell. Ja, ich sehe sie als die treffendsten Spiegel einer amerikanischen Gesellschaft, die zwischen Gewalt und Unterhaltung kaum einen Unterschied macht, die mit ihren Hintern Mickymäuse flach drückt, ihre Männlichkeit wie Revolver in den Hosen trägt, zur selben Zeit an Suppendosen leckt (auch diese haben wir im Werk Andy Warhols) und in ihren Meinungen oft die mitunter rassistischsten Inhalte aktueller Countrymusic vertritt.

Natürlich gibt es auch ein anderes Amerika, aber wir bleiben hier bei den Aufträgen der Kunst; auch die Kritik eines jungen Bob Dylan zeigt auf ihre eigene, erzählerische Art und Weise, dass sie der Bildwelt Warhols sehr nahe steht. Zumindest sehe ich den mir wichtigen Kuchenteil Amerikas der Sechziger Jahre so, und dieser war für mich die Herausforderung in der erweiternden österreichischen Kunst dieser Zeit, als Künstler meinen eigenen Platz am Rande des Wiener Aktionismus oder auch gesehen als einzelgängerisches Gegenüber ihrer Kunstwege, einzunehmen. Freiheit suchend, ein neues Weltbild zu finden, der österreichischen Gesellschaft mit positiver Aggression den Hut umzudrehen, die Macht der Nachkriegsbonzen und ihrer Politiker wegzumalen, ein Tor für die Vielfalt von Liebe und Sexualität zu öffnen, hieß der Auftrag.

Wir können jetzt von der von Warhol 1962 gegründeten Factory, gelegen in verschiedenen Fabrikhallen New Yorks, reden. Und in der Tat, Warhols Siebdruckvielfalt, ja Siebdrucksucht, meist die Fertigungsmöglichkeit seiner Bilderwelt, zählt bis heute als entscheidender Beitrag zur Anerkennung von Auflagenkunst, gleich gestellt dem Einzelstück. Oft wurden in der Factory auch ein und dieselben Bildmotive in den verschiedensten Farbvarianten gedruckt.

Wir können auch von Warhols Filmprojekten, oft gefüllt mit sexuellen Provokationen einer Reihe von Möchtegern-Schauspielern, oder von Warhols Lieblingsschauspielern wie Joe Dallesandro und Udo Kier oder vom New Yorker Underground-Film unter der Leitung von Jonas Mekas sprechen, und das will ich jetzt auch. Als mein Freund, der Wiener Kunsthändler Kurt Kalb, des Künstlers Gerhard Rühms Schwester Hanni, meine damalige Lebensgefährtin und ich in Little Italy in New York nachmittags ins Kino gingen, um uns Andy Warhols Film "Lonesome Cowboy" anzusehen, alles geschah im Mai 1969, wunderten wir uns, dass Hanni die einzige weibliche Besucherin der Filmvorstellung war. Wir wussten es bald: Die Vielfalt der männlichen Besucher stülpte Zeitungsseiten über ihre Hosentore, der Film zeigte übrigens homosexuelle Cowboys und eine Menge frisch gestriegelter Pferdehintern, mehr als das hastige Auf- und Abrascheln rechts und links brauche ich nicht zu erklären, nur Hannis immer mehr und mehr errötender Kopf leuchtete bald wie eine Glühlampe zum Notausgang. Was in Little Italy zur Pornografie wurde, lief im Wiener Filmmuseum als Avantgardefilm.

Als wir bei dieser Reise, es waren die Grande Dame der Wiener Kunstszene, Traudl Bayer, und der Dichter Dominik Steiger mit uns unterwegs, Andy Warhol in seinem italienischen Lieblingslokal am Unteren Broadway, nahe Ecke Canalstreet, trafen, zeigte er vis à vis auf ein Hotel namens Broadway Central. "Hier wohnen nur Rauschgifthändler, Mörder und Huren. Da würde ich gerne auch einmal einen Tag wohnen", sprach er. "Ja, da wohnen wir": unsere Antwort. Wir hatten kein Geld für eine bessere Unterkunft, und ehrlich gesagt, wir haben gut dazu gepasst.

Ich hatte in Europa eine Zeit lang die selbe Vertragsgalerie wie Warhol: Bruno Bischofberger in Zürich, wir haben zusammen mit Lichtenstein, Wesselmann, Rauschenberg und Allen Jones ausgestellt. Ich hatte auch zwei Einzelausstellungen in dieser Galerie, 1970 und 1971.

Zu einer Freundschaft mit Andy hat das alles nicht gereicht, aber zu einigen schönen Stunden, zu ein paar Umarmungen und zu einem Kuss auf eine gebleichte Zobelperücke.

Seine Factory hat Warhol vor 50 Jahren gegründet und damit der Kunst eine Welt neuer Arbeitsflächen und Möglichkeiten gezeigt: Druckereien, Ton- und Filmstudios, Theater- und Performancebühnen in einer Einheit. Gestorben ist Warhol vor 25 Jahren, er bleibt und lebt in unseren Herzen als die schillerndste Figur der Popkultur, nur meinen Liebling Elvis Presley möchte ich gerne an seine Seite stellen.

Die Warhol-Stiftung will sich von ihrer gesamten Sammlung trennen. Ein guter Gedanke, sie will mit ihren neuen Einkünften die Kunstszene von heute fördern, hoffentlich reicht das auch bis nach Österreich. Aber es soll auch eine Anzahl bisher unbekannter Warhol-Bilder in die Öffentlichkeit gestellt werden, wir werden uns an neuen, bisher unbekannten Warhol-Werken erfreuen können.

Nachdem viele Arbeiten Warhols nicht aus seiner Hand stammen, bei Galerien- und Museumsbesuchen soll er sich über die Fälschungen seiner Arbeiten immer sehr amüsiert haben, hoffen wir doch, dass diesmal echte Warhols das Licht der Welt erblicken – aber was ist eigentlich noch echt auf dieser Welt?

Biografie eines Idols

Andy Warhol war der jüngste Sohn einer nach Amerika ausgewanderten russisch- slowakischen Familie. Er wurde 1928 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und griechisch-katholisch getauft, seinen Namen bekam er von seinem russischen Vater Andrej Warhola. Warhol hatte von Kindheit an eine starke Bindung zu seiner aus dem karpatischen Dorf Medzilaborce stammenden Mutter Julia, wohl auch, weil sie das oft bettlägrige Kind Andy ausreichend mit Comics versorgte.

Nach dem Abschluss in Malerei und Design an der heutigen Carnegie Mellon University in Pittsburgh zog Warhol in die Hochburg für Kunst und das Zentrum der Werbung, nach New York. 1952 fand seine erste Ausstellung als Grafiker in der New Yorker Hugo-Galerie statt. Warhols Ziel Ende der 1950er-Jahre war die Abgrenzung vom abstrakten Expressionismus, von Mark Rothko, Barnett Newman und anderen, aber auch vom Actionpainting eines Jackson Pollock

Ausstellung in New York

"Regarding Warhol: Sixty Artists, Fifty Years" im Metropolitan Museum läuft noch bis Ende des Jahres.

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