Kultur
25.10.2017

Andreas Altmann: "Wut ist sexy"

Der deutsche Schriftsteller über Angsthasen und speckringige Daddys. Am Samstag liest er in Wien aus seinen Büchern.

Andreas Altmann ist hungrig – nach dem Leben und den Geschichten, die es zu bieten hat. Der deutsche Autor, der seit Jahren von Paris aus die ganze Welt bereist, hat kürzlich seine "Gebrauchsanweisung für das Leben" ( Piper) veröffentlicht – ein "Plädoyer für eine Brise Verrücktheit bzw, unzerstörbaren Frohsinn", wie es Kollege Peter Pisa in seiner Buchempfehlung trefflich formulierte.

Altmann gehört zu den besten Reisejournalisten dieser Tage, seine Reportagen und Bücher über seine außergewöhnlichen Trips (Auf dem Dach eines Lastwagens von Ägypten bis Kapstadt; im Greyhound-Bus quer durch die USA) sind gefragt. Bei seinen Reisen hält er stets nach "jenen Ausschau, die mit Respekt unterwegs sind und bei denen ich Kerosin durch ihr Blut rauschen höre. Als Kennzeichen ihres nie zu stillenden Drangs nach – so nannte es Alexander von Humboldt – ,Weltbewusstsein’. Weil sie suchen, was ihnen fremd ist, wildfremd. Weil sie in den Schatten dessen treten wollen, was sie nicht wissen, womöglich nie wissen und verstehen werden."

KURIER: Es soll Menschen geben, die nicht in fremde Länder reisen möchten. Aus Angst, oder einfach weil es zuhause "eh am schönsten" ist. Verstehen Sie das?
Andreas Altmann: Ich habe kein Urteil über jene, die nicht davonwollen. Es gibt unzählige Gründe, warum ein Mensch sich nicht fortbewegt. Noble und nicht ganz so noble. "Angst" ist ein interessantes Stichwort. Dazu fällt mir ein großer Sohn Österreichs ein, Doktor Freud, der meinte, dass der Großteil unserer Entscheidungen auf Angst beruht. Klar, Angst ist ein unheimliches Ding, es kann dir das Leben retten und es kann dir dabei helfen, als Angsthäschen zu verenden. Der kurzen Rede so bestechender Sinn: Schneid möcht schon sein! Auch beim Reisen. Sonst landet man immer nur in Jesolo, unter lauter Deutschen, die – Ernst Jandl war auch da – den ganzen Tag schwimmen und schwitzen und irgendwann "schwimzen".

Sie sind kürzlich einige Monate durch Mexiko gereist. Ein Land, aus dem laut Donald Trump nur Probleme in die USA kommen: Drogendealer, Verbrecher und Vergewaltiger. Was würden bzw. können Sie dem US-Präsidenten entgegnen?
Das ist eine tückische Frage, denn sofort zuckt der Anti-Trump-Muskel. Aber ich suche noch bei dem letzten Barbaren irgendetwas, das sich rühmen lässt. Bei Donald suche ich noch immer, anyway, der Mann hat recht, ja, Mexiko exportiert täglich Mörder und andere Schwerverbrecher in die USA. Das Problem ist nur, dass dort, auf der englischsprachigen Seite, eine Menge Mörder und Schwerverbrecher auf ihre mexikanischen Amigos warten. Um gemeinsam zu morden und Hundertausende von Amerikaner mit Kokain und Heroin zu versorgen. Gäbs keinen gigantischen Drogenmarkt im Norden, der Süden würde arbeitslos werden, sprich, die beiden Nationen – ich rede jetzt von jenen Bürgern, die nicht töten und vernichten wollen – müssen zusammenarbeiten. Sonst hat das Lied vom Tod kein Ende.

Ihre Trump-Antwort klingt gelassen, ja fast schon diplomatisch. In ihren Büchern teilen Sie aber gerne einmal aus. Sind Sie ein Vulkan, in dem es brodelt, oder eher der Gelassene, den nur mehr wenig aufregt?
Ja, das ist der Unterschied zwischen einem Schreiber und einem Politiker. Der Autor darf ruhig polarisieren, mal ausholen und böse Sachen in die Welt schleudern. Als Weckruf für alle Schnarchnasen. Wer als Schriftsteller nicht nervt, auf intelligente Weise nervt, der ist im falschen Beruf gelandet. Anders in der Politik. Da haben Hasardeure nichts verloren. Trump ist deshalb so gefährlich, weil er den (emotionalen) Intelligenzquotienten eines 13-Jährigen besitzt. Und Teenies taugen nicht für Weltpolitik. Nun, ich bin – was ich bereue – kein gelassener Mensch. Wut ist sexy, aber immer Wut ist es nicht. Siehe den amerikanischen Präsidenten. Alles an ihm ist unelegant, die uringelbe Tolle, die Sprache, seine Bewegungen. Wer auf sein Niveau hinuntersteigt, hat schon verloren. Trump ist der ungeheure Preis, den wir heute für Obama bezahlen.

Bleiben wir bei der Politik. In Deutschland hat es mit der AfD eine Partei ins Parlament geschaft, dessen Vorsitzender zur Menschjagd aufgerufen hat. Wie beurteilen Sie das?
Nun, das ist der Tonfall aller Rechtsaußen, die Kraftmeierei gehört dazu. Da sie mit Sprache nicht umgehen können, müssen sie bellen. Die AfD wird uns nicht jagen und „ihr Volk“, was immer das sei, wird Deutschland und Europa nicht aus den Angeln heben. Wahr jedoch, sie werden vier Jahre lang Steuergelder verfressen.

Der Begriff „Heimat“ wird von rechtspopulistischen Parteien gerne und häufig bedient. Was bedeutet für Sie als Weltreisender „Heimat“?
Nun, meine Heimat? So einfach: Paris. Und hätte ich eine zweite: die deutsche Sprache. Und meine dritte: Das sind meine Freunde, die Frauen und Männer in meinem Leben. Und Kaffeehäuser – diese Liebe habe ich in Österreich entdeckt – sind irgendwie auch Heimat. Und mein Fahrrad, zum Teufel ja. Und mein Mac. Und mein Futon. Und die Welt, um ein Haar hätte ich sie vergessen, die gehört auch dazu. Da der Himmel längst besetzt ist von Heiligen und allen, die sich vor Heiligen niederknien und nach oben wimmern, bleibt mir doch nichts als sie: die Welt. Und an meinen guten Tagen, jene, an denen ich cool und elegant bin, da akzeptiert sie mich, und ich nenne mich großspurig einen Weltbürger.

Bei vielen Wahlen haben die Alten die Jugend überstimmt. Vor allem ältere Männer geben rechtspopulistischen Parteien ihre Stimme. Wie erklären Sie sich das?
Nun, die Jugend will wild sein, rebellieren, wirft leichtsinniger ihr Leben weg, geht schneidiger hinein in Gefahren, will noch nicht raffen und Wohlstandsgerümpel anhäufen. Dann kommen die Jahre. Und die Schwächen. Der Mut und die Großzügigkeit schrumpfen und die Aufmüpfigen – siehe die Hippiegeneration – werden speckringige Daddys. Hey, nicht alle, aber zu viele. Und die wollen „konservieren“, wollen behalten, fürchten sich vor Änderungen. Warum nun gerade Männer? Ich vermute bei ihnen, dieser Gruppe von Männern, noch ein anderes Phänomen: So manche von ihnen landeten in einem braven, banalen Leben, weit, weit weg von den Träumen aus fernen Zeiten. Kein Glitzern, kein Sex, kein Herzflimmern mehr. So sind sie reif für den starken Mann: den einen, der am begabtesten Zwietracht sät, der am schnellsten Sündenböcke erfindet und seine Fans am gerissensten belügt. Dass sie Trump, den Friedlosesten und notorischten Lügner von allen, bewundern, wen soll es noch überraschen?

Ihr jüngstes Buch ist eine „Gebrauchsanweisung für das Leben“. Wie lebt man richtig?
Das ist die Frage, um den Autor in eine Falle zu locken. Denn er ist versucht, die letzten Sätze zum Wohle der Menschheit rauszuhauen. Aber die habe ich nicht. „Man“ gibt’s nicht, das immerhin weiß ich. Sprich, jede und jeder muss herausfinden, welches Leben ihr/ihm passt. Zu ihr, zu ihm passt. Denn den überirdischen Sinn, verabreicht von hoch droben, den haben wir auch nicht. Wenn überhaupt ein Sinn, dann muss ihn der Mensch – jeder für sich – entdecken, das wäre: seinen Platz in der Welt zu finden, seinen Beruf, der Freude auslöst. Und – überlebenswichtig – jene Frauen und Männer zu treffen, die er achtet und von denen er geachtet wird. Gelingt ihm das alles, dann hat er die Hälfte der Lebensmiete schon bezahlt. Unerträglich die Vorstellung, auf dem Totenbett in Tränen auszubrechen über all die Feigheiten und Faulheiten, die man sich die Jahre über erlaubt hat.

Lesung: Der Schriftsteller Andreas Altmann wird am Samstag, den 28. Oktober, auf Einladung der Buchhandlung Bücher & Geschenkeladen im Amtshaus Hietzing (Großer Festsaal) aus seinen Büchern lesen. Hietzinger Kai 1-3, 1130 Wien. Beginn: 19 Uhr.