Aus der Zeit gefallen: Peter Matić (Max), Michael König (Anatol)

© KURIER/Jeff Mangione

Kritik
12/18/2015

"Anatol": Biedermann ohne Brandstiftung

Die Neudeutung von Schnitzlers "Anatol" in der Josefstadt laboriert an erotischem Desinteresse.

von Guido Tartarotti

Kurzfassung: Das ist eine professionell gearbeitete Aufführung, die sich aber, wie man in Wien sagt, nicht ausgeht. Einen Anatol, der an Erotik so offensichtlich desinteressiert ist, hat man noch nie gesehen. Und es gibt auch wenig Grund, ihn zu sehen.

Fast hat man das Gefühl, dieser Anatol würde seinen Eroberungen tatsächlich lieber seine Briefmarkensammlung zeigen, als ihnen an die Wäsche zu gehen. Aber bei allem Respekt für Briefmarkensammlungen: Warum sollte man ihm bei diesem Vorgang zuschauen?

Regisseur Herbert Föttinger und Peter Turrini, der mithalf, eine neue Fassung von Schnitzlers Einakter-Zyklus zu erstellen, hatten eine schöne Idee: Anatol, diese Wiener Variante des Don Juan, ist um Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte gealtert. Aus der Zeit gefallen, blickt er gemeinsam mit seinem Freund Max (wunderbar pointensicher melancholisch: Peter Matić) in einem halbverfallenen Ballsaal auf sein Leben und seine Liebschaften zurück.

Dieses Konzept geht nicht auf, weil Hauptdarsteller Michael König zwar den uralten, untoten, des ewigen Verführungsspiels müde gewordenen Anatol sehr präzise verkörpert, aber als junger Anatol eher wie ein demotivierter Versicherungsvertreter wirkt als wie ein Verführer. Ein Biedermann, dem man keine erotische Brandstiftung zutraut.

Da können sich Martina Ebm, Alma Hasun und Sandra Cervik bis zur Erschöpfung in dekorativer Leibwäsche rekeln, Anatol lässt es kalt. Michael König ist ein wunderbarer Schauspieler, aber diese Rolle liegt ihm nicht. Wo bleibt die Leidenschaft, die er in Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang" als alternder Liebender zeigt?

Föttingers Inszenierung zerfällt in Einzelteile, Katharina Strasser spielt als Annie eine grelle, aber lustige Kurzkomödie. Am Ende steht der "Weihnachtseinkauf", und der gibt Dank einer großartigen Andrea Jonasson eine Ahnung davon, wie abgründig, gefährlich, erotisch Schnitzler sein kann: Mit wenigen Sätzen werden große Geschichten angedeutet.

Tiefpunkt des Abends ist eine merkwürdige Tanzeinlage, in welcher Anatol von den Geistern seines Unbewussten bedrängt wird.

Vom Premierenpublikum kam freundlicher Applaus.

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