© Lukas Beck

Kultur
03/18/2012

Ambros: Der Mann mit den zwölf Leben

Auffi, abi, auffi. Der Gründervater des Austropop ist hoch geklettert. Abstürze hat er ausbalanciert. Klipp und klar sagt er in seiner Biografie alles. Und nicht nur dort . . .

Reinkriechen. Sich berühren lassen. Von ferne anschauen. Liebevoll, kritisch, amüsiert. Auskommen kann man ihm nicht. Dem Rhythmus einer Generation. Zu viele Begleitmelodien. Auch für Lodenbrigaden, denen "Da Hofa" so exotisch vorkam wie ein Krokodil im Schaumbad. Auch für Klassikfans, denen "Die Blume vom Gemeindebau" viel zu weit weg vom Musikverein lag. Auch für Puritaner, die nie im Leben einen Joint geraucht, nie ein "Naserl" eingezogen, sich nie betschingelt und nie fremdgevögelt haben: "Zwickt`s mi . . . wo sammer daham". Auch für Stubenhocker, denen nie was am "Schifoahn" lag. Selbst für überzeugte Singles ein Stachel im Fleisch: "Langsam wachs ma z`samm". Schließlich das herausfordernde Lied für alle: "A Mensch mecht i bleib`n".

Austria 1. Mitten in Waidring. Das liegt in Tirol zwischen Salzburg und Kitzbühel. Lange nur Urlaubsdomizil für den bärigen Skifahrer Wolfgang Ambros, sah man von der fremd-, aber profimäßig betriebenen Disco an der Hinterfront des festen schlichten Hauses ab. Von der Terrasse schaut man auf den Wilden Kaiser. Erhabene Aussicht. Zwei bunte Autokindersitze stehen auf dem Gartentisch, im großzügig hellen Esszimmer kindelt`s wie in einer Krabbelstube. Die Zwillinge sind aber nicht da. Sind mit der Mama zur Oma gefahren. Der Vater schaut aus, wie man ihn kennt. Bissl verwittert vielleicht, aber er wird 60 am 19. März 2012, und hat aus dem Vollen gelebt. Da ist das sehr okay. Grantig ist er nicht. Leise, herzlich, gut aufgelegt. Wärmt Lachsspaghetti auf, die er mit seinem Freund und "Lebensretter" Ludwig Stölzle zu Mittag gekocht hat. Gut gekocht.

Stölzle ist ein Doktor mit eigener Klinik im Bayerischen, sieht auch ohne weißen Mantel so aus, und hat "Jetzt gehst daher!" zum Wolfgang gesagt, als der wegen Gürtelrose das erste und einzige Mal in 40 Jahren ein Konzert absagen musste. Hat sich seine Blutwerte angeschaut und ihn express zu den Wiener Kapazundern weitergeschickt. "Sonst wär i nimmer da", erklärt der Gründervater des Austropop, "i hab a Glück g`habt."

Hatte er öfter. Schon auf Seite neun seiner Biografie erzählt Ambros dem Leser, dass Katzen sieben Leben, er aber offenbar zwölf habe: "Ich bin fast in einer Regentonne ersoffen, ich hab mich ums Haar mit Tollkirschen vergiftet, mich hat`s mit dem Roller zerfetzt, ich bin beinahe an der Malaria krepiert, mich hat`s von der Leiter gewichst, ich hab mich mit dem Auto überschlagen, mich hat`s von einem Denkmal runtergehaut, ich bin mit dem Motorboot auf einen Felsen gekracht, mich hat`s mit den Skiern zerrissen, ich hab den Krebs besiegt, ich hab mich verbrannt und dann hab ich mich in die Luft gesprengt."
Ein schönes und sehr ehrliches Buch, aufgezeichnet von Andrea Fehringer und Thomas Köpf.

Sie sind reingekrochen in den Ambros, schreiben, wie er redet. Und er nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Da steht alles drin, was ein Fan von seinem Hero wissen will, bis zu Freundin Annes In-vitro-Fertilisation, durch die Rosalie und Sebastian vor 25 Monaten entstanden sind. In einem Buch geht sich das aus. Notiert man`s kurz, klingt`s irgendwie brutal.

Doch der Leser bekommt mehr: Die Biografie (Woodstock lässt grüßen) operiert am Nerv der Siebziger- und Achtzigerjahre, erzählt farbig nuanciert von ihrem Lebensgefühl. Manchmal "verwahrlost, aber frei": Mit viel Tschicken, spontan Ficken, Alk bis zum Abwinken und gutem Gras. In VoomVoom , Vanilla , Camera . Und an wilden griechischen Stränden. Erzählt von sorgloser Zuversicht und Schlitzohrigkeit, von Illusionen, Depressionen, Abstürzen. "Es lebe der Zentralfriedhof!" Von scheinbar unbegrenzten Chancen, sich zu entwickeln, von heiligem Eifer, von der "Ehrlichkeit des Schaffens, die eine Nähe erzeugt. Das Handwerk ist die Pflicht, das Zierwerk ist die Kür" (Ambros).

Allein mit Namen, die in der Geschichte des Austropop festgeschrieben sind, ließe sich eine Seite füllen . . . Joesi Prokopetz, Peter Müller, Stefan Friedberg, Manfred Tauchen, Christian Kolonovits, Georg Danzer, Rainhard Fendrich . . . eine Freundschaft und Zusammenarbeit, die nach Ambros` Radio-"Frühstück" bei Claudia Stöckl wohl unkittbar im Eimer ist. Da sagte es Austria 1 Austria 3 ordentlich hinein.

Was aus jener höheren Tochter Adele geworden ist, die am Kohlmarkt wohnte, und den langlockig hübschen arbeitslosen Gitarrenspieler aus dem Neandertal Wolfsgraben mit immer neuen Job-Tipps betüdelte, kann der Star, der 1984 drei Mal die Stadthalle füllte und 2011 dreitausend älplerisch verkleidete Deutsche in Singen beim Rustikal-"Watzmann" zum Singen brachte, heute nicht mehr sagen.

Adele muss ihn geliebt haben, obwohl er nie mit ihr im Bett war. Geheiratet hat der zwanzigjährige Wolferl die Christl, aber das haupsächlich, um drei Tage Urlaub vom Bundesheer zu kriegen. Lang war er eh nicht dort, beim Nierenleidensimulieren stellte sich heraus, dass er nur eine Niere hat. Sehr lange hielt auch diese Ehe nicht.

Die mit Margit Cermak hingegen war für ewig angedacht. Er schimpft ein bissl, dass sie, vom Vater angefangen, immer ihre Partner für ihre Befindlichkeiten verantwortlich gemacht hat, denn es magerlt ihn, dass sie gegangen ist. Frauen verstehen sicher besser, dass es Margit eines Tages satt hatte, sich um seine Klamotten zu kümmern, die Tourdaten im Hirn zu haben und im Hinterkopf die Vorstellung, wie er nach Konzerten mit anderen . . . Ihn hat`s "in ein tiefes schwarzes Loch geworfen", weil sie für ihn Herdfeuer war, Lebensfrau. Das andere - nichts. Aber: Eingemachtes. Das Buch klammert`s aus.

Längst spielt es wieder Glück. Mit Anne Reger, 37, Magistra der Sozialpädagogik. Die G`schicht von ihrem Kennenlernen bei Watzmann-Proben am Chiemsee vor sieben Jahren erzählt der Womanizer gerne, sie hat was Unschuldig-Romantisches: Anne jobbte in den Sommerferien als Hostess für den Sender Bayern 1, ein Graben trennte sie und ihn, da die Bühne im Wasser stand. Sie schaute nur, er traute sich nicht, sie anzusprechen - doch am Ende aller Proben sprang er über den Graben und küsste sie.

Seither trägt sich vieles leichter. Der Spaß mit den Zwillingen, die Freude über seinen Erstgeborenen Matthias, 29, Schlagzeuger, Licht- und Tontechniker und begnadeter Golfer mit Handicap 0, helfen mit. Die Albträume, seit diesem Bootsunfall in Griechenland, bei dem ein gelähmter Kernphysiker ertrank, verfolgen den Hitfabrikanten seltener. Die Sauerei, ihm auf ein paar bunten Illustriertenseiten Leberzellenkrebs anzudichten, wurde geklagt, gewonnen, ist fast verdaut. Sein bester Freund Georg Danzer fehlt ihm sehr, doch er kann nichts anderes tun, als dessen Lieder singen.

Auch bissl weitergeben von seinem Erfolg, dort, wo der Rhythmus entstan d, dort, wo`s am dringendsten gebraucht wird: In Afrika, wo er seit den Achtzigerjahren (auch) zu Hause ist. Stillte er damals, den zweijährigen Matthias an der Hand, die eigene Bubensehnsucht nach Dschungelgrün und Wilden Tieren auf Safari, produzierte er später mit Opus und (fast) allen bekannten Stimmen Österreichs den Song "Warum" als Nachzieher zu Bob Geldofs musikalischem Hilfsprojekt. Austria for Africa hieß das und eine Million Schilling kam herein. Noch später sammelte er Geld für eine Operationsklinik in Kwale, Thesi Schwarzenberg besorgte die Buchführung, und fünf Jahre später stand die Klinik da.

Steht genau in seiner Bio. Vorgestern wurde sie beim Pfarrwirt in Grinzing vorgestellt. Mit Tamtam & Posaunen, echten Freunden & unzähligen Adabeis. Dazu kam "das Wald- und Wiesenkind" klarerweise in die Stadt, in der`s Ambros längst nicht mehr "aushalten tät, zu leben". Umso mehr, als er von 29. September bis Anfang Dezember auf große Deutschland-Österreich-Tour geht. "Daham" ist er in Waidring. Nein, dass die Zwillinge sich aufführen, macht ihn nicht nervös. Für "an Bledsinn" hält er nur die Theorien, dass Buben und Mädel gleich sind, ihre Verhaltensweisen anerzogen: "So ein Unterschied, vom ersten Tag an."

Die Disco hat er zugesperrt. Umgebaut. Anfang nächsten Jahres will er eine Kleinkunstbühne eröffnen. "Platz für 80 Leut. Kenn ja gnua Kabarettisten, Prokopetz, Fälbl, Hahn & Horacek haben scho zuag`sagt. Es gibt an Bonus: Oben steht a Künstlerwohnung parat." Wir gehen sie anschauen: Ein archaisch schönes Loft. Ambros wird sechzig. Grad, mit Kanten. Den Schluss dazu muss er selber singen.

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