Kultur
03.02.2018

Alt-J in Wien: Perfekt in Sound und Vision

Die Alternative-Band zeigte in der Stadthalle ein Gesamtkunstwerk.

Es ist schon ein sehr eklektischer Sound, den Alt-J pflegen: Eine schräge, exaltierte Fusion aus Psychedelic und elektronischen Indie-Klängen, mit vielen Brüchen im Rhythmus und in den Songstrukturen, durchsetzt von A-cappella-Chören, Schnipsel aus Jazz, Folk, klassischem Piano und sogar sakral anmutenden Passagen.

Trotzdem kamen Samstag 6000 Leute in die Wiener Stadthalle, um das britische Trio live zu sehen. Schon 2016 traten Sänger Joe Newman, Keyboarder Gus Unger-Hamilton und Drummer Thom Green hier auf.

Die heurige Tour ist rund um das jüngste Album "Relaxer" konzipiert. Das ist noch eine Spur exzentrischer und stilistisch breiter im Sound. Vielleicht hat das Trio deshalb von diesen neuen Songs nicht allzu viele in das Programm eingebaut. Stattdessen konzentrieren sie sich nach dem Intro mit "Deadcrush" auf Fan-Favoriten wie "Fitzpleasure" oder "Ripe & Ruin". Die komplexen Klanggebäude der Song verschmelzen dabei mit der hervorragenden Lichtshow zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk.

Elegant

Die drei Bandmitglieder stehen nämlich getrennt von Reihen von mit LED-Lichtern bestückten Metallstangen nebeneinander. Als Pendant zu diesen Stangen hängen ebenso viele LED-Stäbe von der Bühnendecke. Bespielt ist das höchst elegant, zumeist nur mit einer einzige Farbe pro Song. Es sieht aus, als würden Lichtschwaden vom Boden nach oben schießen, von der Decke rinnen, wie Nebel durchziehen oder im Rhythmus der Musik pulsieren.

Sowohl visuell als auch musikalisch ist das alles eine rundum perfekt ausgeführte Show. Es ist aber auch eine, die vorwiegend zum Bestaunen da zu sein scheint. Obwohl Gus Unger-Hamilton, zwei, drei Mal zwischen den Songs das Publikum anspricht (mitunter sogar auf Deutsch) ist das kein Konzert, das das Publikum umarmt, mit nimmt und automatisch in die Welt von Alt-J hineinzieht. Songs werden hier vorgeführt, aber nicht gemeinsam mit dem Publikum zelebriert.

Variantenreich

Das gilt zumindest für die erste Stunde des Set. Es ändert sich erst, als Alt-J mit "Matilda" einen ihrer simpleren und eingängigsten Songs auspacken. "Pleader" vom "Relaxer"-Album klingt dann live deutlich anders als auf Platte, ist aber trotzdem ein echtes Highlight.

Kurz vor der Zugabe gibt es dann noch eine weitere Spielart des stilistischen Variantenreichtums von Alt-J zu hören: "Left Hand Free" ist ein strammer, fast bluesiger Rocker, der an die Kinks erinnert.

Dann die Zugabe: Wieder zaubern die Lichtstangen eine hypnotisch-psychedelische Atmosphäre in die Stadthalle. Wieder singen Newman und Unger-Hamilton in exakter Harmonie, während sich Green mit vollem Körpereinsatz ins Trommeln versenkt. Wieder ist erstaunlich, wie perfekt das alles zusammenspielt. Allerdings haftet so einer Perfektion häufig – und über weite Strecken auch hier – eine gewisse Unnahbarkeit an. Sie entlässt die Zuschauer zwar zufrieden, aber nicht vollends begeistert.

KURIER-Wertung: