"Als Tourist will ich keine Fotos machen"

mann in interview
Foto: APA/ROBERT JAEGER Regisseur Wim Wenders filmt digital und fotografiert analog

Filmregisseur Wim Wenders fotografiert lieber Hinterhöfe als Fassaden. Die Fotoserie "Places, strange and quiet" in der Galerie OstLicht erzählt davon.

Wim Wenders, international berühmter Filmemacher ("Paris, Texas"; "Himmel über Berlin"), ist im Nebenberuf Fotograf. In der neuen Wiener Galerie OstLicht ist derzeit eine Fotoausstellung mit seinen Arbeiten zu sehen. Ein Gespräch über Quasselstrippen, Dashiell Hammett und warum Wim Wenders Wien bei Nacht mag.

Herr Wenders, wenn Sie in Wien fotografieren würden, was würden Sie fotografieren?

Wim Wenders: Ich glaube, in Wien würde ich gerne fotografieren, vor allem bei Nacht. Ich müßte dann aber mal ein paar Tage nichts anderes vorhaben als in Wien rumzustreunen. Der allererste Film, den ich als junger Mann mit 26 Jahren gedreht habe, hat in Wien angefangen. Das war "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1971), und ich war fürchterlich aufgeregt. Der erste Drehtag war ein Nachtdreh, auf dem Naschmarkt, und fing gleich mit einer Prügelszene an. Wahrscheinlich liegt es daran, dass mich Wien nachts am meisten Interessiert. (lacht)

Ihre Ausstellung heißt "Places, strange and quiet". Was interessiert Sie an diesen Orten – an Hinterhöfen, (Auto)friedhöfen, leeren Vergnügungsstätten?
Hinterhöfe haben mich immer mehr interessiert als die Fassaden der Häuser vorne. Wie es im Hinterhof aussieht, ist das wichtigere und wahrere Bild. Außerdem, und das mag jetzt esoterisch klingen, habe ich das Gefühl, dass die Orte und die Fotos mich finden, nicht umgekehrt. Ich habe dafür ein eingebautes Radarsystem, einen sechsten Sinn. Und Einheimische darf man sowieso nicht fragen – wenn sie einen wo hinführen wollen, muss man grundsätzlich in die Gegenrichtung gehen. Meine Foto entstehen meist an jenen Ecken und Landstrichen, zu denen man Umwege nehmen muss.

Sehnsucht nach Geschichten

Warum sind die meisten Ihrer Fotos menschenleer?
Sobald eine Person im Bild steht, zieht sie gleich die ganze Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Deswegen warte ich immer, bis alle Menschen sich entfernt haben; damit die Orte kräftiger erzählen können.

Dabei zeigen Sie viele Orte, die für viele Menschen gebaut sind – etwa leere Open-Air-Kinos, Autokinos, Vergnügungsparks...
Ich glaube, dass man von allen meinen Bildern etwas über uns Menschen erfährt. Meine Faszination für Landschaften ist vor allem, dass sie uns etwas über uns erzählen, von den Spuren die wir hinterlassen, von den Dingen, die wir zerstört haben.

Ihre Bilder von leeren Kinos – was erzählen Sie uns über Menschen?
Das verlassene Open-Air-Kino ist ein unglaublicher Schauplatz, weil es die Erinnerung an alle Filme aufruft, die dort gelaufen sind. Es dokumentiert auch die große Sehnsucht der Menschen nach Geschichten. Wir bauen einen Ort in eine Landschaft – das Kino –, der uns an einen anderen Ort transportiert, der uns aus unserer Wirklichkeit hinaus katapultiert. Eigentlich eine verrückte Sache. Autokinos gibt es heute nur noch als Ruinen. Sie erzählen von einer optimistischen Zeit des Kinos, in der sich Menschen in ihrem eigenen Raum – dem Auto – mitten in der Landschaft in den Raum eines Kinos gesetzt haben. Aus heutiger Sicht ist das wie Science-Fiction. Eines Ihrer Bild heißt "Marfa, Texas" – da denkt man sofort an Ihren Film "Paris, Texas". Haben Sie diesen Ort beim Scouting für Ihren Film entdeckt? Nein, die Fotografien entstanden unabhängig. Aber es war gerade das Fotografieren, das mir damals geholfen hat, unvoreingenommen auf die Landschaft des amerikanischen Westen schauen zu können, ohne dabei sofort an John-Ford-Western denken zu müssen. Das vorbildfreie Filmen, das mir in "Paris, Texas" (1984) gelungen ist, wäre nicht möglich gewesen, wenn ich nicht vorher monatelang allein herum gereist wäre und fotografiert hätte.

Hat der Filmemacher einen anderen Blick als der Fotograf?
Das ist ein riesiger Unterschied. Als Filmemacher lässt man sich ja auch von Orten inspirieren. Aber kaum fängt man zu drehen an und erzählt seine Geschichte, treten die Orte immer automatisch in den Hintergrund und werden zum "Schauplatz". Kaum tritt eine Person ins Bild, spielen Orte die zweite Geige. Bei meinen Fotos aber dürfen Orte die Hauptrolle spielen und erzählen, mitunter sehr beredt, von sich selbst. Es gibt wortkarge Orte, schüchterne, aber auch Quasselstrippen...

Touristischer Fotografierwahn

Ihr Bild, "Street Corner in Butte, Montana" sieht aus wie eine Malerei des US-Malers Edward Hopper. Das ist wohl kein Zufall, oder?
Da haben Sie recht. Butte ist ein ganz besonderer Ort, den ich seit den 60er Jahren kenne. Die ganze Stadt ist eine Art Freiluftstudio von Edward Hopper Bildern, weil sie in den 30er oder 40er Jahren stehen geblieben ist – und das ist ja die Hauptzeit, in der Hopper viele Stadtlandschaften gemalt hat. Solche Backsteinbauten gibt es ja kaum noch. Heute ist Butte eine Geisterstadt, wie ein historisches Denkmal, und die Affinität zwischen der Stadt und den Hopper-Bildern ist unglaublich. Außerdem interessiert mich diese Stadt, weil darin mein Lieblingsroman der US-Literaturgeschichte spielt.

Welcher Roman ist das?
Der erste Roman von Dashiell Hammett, "Red Harvest" ("Rote Ernte") von 1929 spielt dort. Es ist der erste moderne Detektivroman und hat das ganze Genre begründet. Die gesamte amerikanische Kriminalliteratur, wie Raymond Chandler, fußt auf diesem Roman. Selbst Ernest Hemingway oder William Faulkner sind ohne dieses Buch nicht denkbar. Es ist quasi eine Art Urzelle der US-Literatur, ein gewaltiger Roman – Butte heißt dort übrigens Poisonville.

Beim Filmemachen legen Sie immer sehr auf avancierte Techniken wert...
Ich war immer ein Equipment-Freak, und beim Filmemachen benutze ich längst nur noch digitale Mittel. Ich war der erste, der mit "Buena Vista Social Club" (1999) einen komplett digitalen Dokumentarfilm ins Kino gebracht hat; bei "Pina" (2011) habe ich den ersten Doku-Film in 3-D gedreht, zumindest in Europa. "Bis ans Ende der Welt" (1991) war der allererste Film, der mit HD-Mitteln hergestellt wurde – zumindest bei den Traumsequenzen. Ich habe immer herausfinden wollen, wie Technik das Erzählen erweitern kann.

Warum fotografieren Sie dann analog?
Ich fotografiere ausschließlich analog. Ich habe gemerkt, dass die Arbeit, die mich beim Fotografieren interessiert, digital nicht leistbar ist. Meine Fotografie ist sehr darauf angelegt, dass das, was ich fotografiere, "real" ist, dass ich nichts daran verändere oder umbaue. Fotografieren ist für mich ein sehr intimer Vorgang – darum fotografiere ich immer nur allein – bei dem man dem Ort zuhören muss. Aber kaum macht man ein Bild auf einem digitalen Apparat, hat man es schon hinten auf dem Bildschirm drauf – und der Dialog mit dem Ort hört auf. Der Ort ist schon "Produkt", hat sich als Foto und Resultat schon manifestiert. Im analogen Prozess weiß ich nicht einmal , ob ich ein gutes Bild gemacht habe. Es bleibt ein Risiko. Zwischen dem Ort und mir bleibt ein Geheimnis. Alle Fotos dieser Ausstellung sind auf Negativ entstanden. Deswegen weiß man auch, dass alles so ist, wie es ist.

Sie fotografieren oft Orte, die vom Verschwinden bedroht sind. Sind Sie nostalgisch?
Ich bin eigentlich kein nostalgischer Mensch und interessiere mich mehr für die Zukunft als für die Vergangenheit. Ich will einfach etwas "aufheben", was sonst verloren ginge. Es ist ja gerade diese beachtliche Eigenschaft der Kamera, Andenken an etwas festzuhalten, was unser Gedächtnis so nicht festhalten kann. Deswegen bin ich Fotograf und Filmemacher geworden.

Entspringt unser touristischer Fotografierwahn der Angst, die Dinge nicht erinnern zu können?
Es ist umgekehrt: Es geht dabei nicht darum, die Dinge und Orte nicht zu vergessen, sondern: dass man dort gewesen ist! Die meisten Touristen machen Fotos von Orten, nur um zu beweisen, dass sie selbst da waren. Der Ort interessiert sie eigentlich gar nicht. Der Tourist hat keine Möglichkeit, sich auf einen Ort einzulassen und ihm zuzuhören. Ich bin das Gegenteil des Touristen: ich bin Reisender. Und wenn ich nicht genug Zeit für einen Ort habe, dann höre ich auf zu fotografieren, oder fange gar nicht erst an. Als Tourist will ich keine Fotos machen.

Ausstellung: Fotos von Wim Wenders

Hinterhöfe
In der Fotoausstellung "Places, strange and quiet" in der Wiener Galerie OstLicht sind bis 17.11. Fotos von Regisseur Wim Wenders zu sehen. Wenders fotografiert gerne menschenleere Orte, Landschaften, Hinterhöfe und Vergnügungsstätten.

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