"Alle sind unglaublich motiviert, ihre Rollen neu zu denken"

SALZBURGER FESTSPIELE: PK "JEDERMANN" / REINSPERGE
Foto: APA/BARBARA GINDL Schauspielchefin Bettina Hering (re.) mit dem „Jedermann“-Team: Sturminger, Reinsperger und Moretti

Bettina Hering, die Schauspieldirektorin der Salzburger Festspiele, über die Aufregung rund um den neuen "Jedermann" mit Stefanie Reinsperger und Tobias Moretti – und ihr eher wagemutiges Programm, das vielfältig Macht und Ohnmacht thematisiert.

Bettina Hering hat sich ihre erste Saison als Schauspielchefin der Salzburger Festspiele vielleicht etwas gemütlicher vorgestellt. Zuerst war lange nicht klar, wie die "Neueinstudierung" mit Tobias Moretti als Jedermann und Stefanie Reinsperger als Buhlschaft aussehen könnte. Und Anfang April, zum letztmöglichen Zeitpunkt, entschloss man sich, binnen dreier Monate einen neuen "Jedermann" aus dem Boden zu stampfen. Hering, 1960 in Zürich geboren und zuletzt Direktorin des Landestheaters in St. Pölten, erklärt im Interview die Gründe.

KURIER: Warum ist die Zusammenarbeit mit Brian Mertes und Julian Crouch, den Regisseuren der "Jedermann"-Produktion 2013, gescheitert?

Bettina Hering: Vor knapp zwei Jahren habe ich mit dem Regieteam die Weiterentwicklung der Inszenierung besprochen. So etwas ist in der Geschichte des "Jedermann" öfters vorgekommen.

Auch Christian Stückl hat seine erfolgreiche Inszenierung abgeändert und angepasst.

Genau. Zudem haben wir sechs Wochen Proben vereinbart – also eine ausreichend lange Zeit. Das kam uns jetzt zugute. Und dann haben wir die Besetzung aufgesetzt. Es war von Anfang an klar, dass viele neue Schauspieler dazukommen, insgesamt sechs, und dass zwei Rollen innerhalb des Ensembles "wandern". In der Folge gab es selbstverständlich viele weitere Gespräche, aber wir sind uns in deren Verlauf über die Inhalte der "Weiterentwicklung" nicht einig geworden. Das hat mit Auffassungsunterschieden zu tun. Mein Credo ist, dass die Schauspieler Platz zur künstlerischen Entfaltung brauchen. Im angloamerikanischen Theater sieht man das anders.

Die Regisseure wollten, dass sich Tobias Moretti und Stefanie Reinsperger ins Konzept einfügen? Wie bei einem Disney-Musical, das weltweit gleich aufgeführt wird?

So drastisch würde ich es auf keinen Fall benennen, aber in Ansätzen, ja. Und dann lief uns die Zeit davon. Irgendwann mussten allerdings Entscheidungen gefällt werden: Was ändert sich beim Bühnenbild, bei den Kostümen?

Wurden Sie allmählich nervös? Der "Jedermann" ist immerhin die Cashcow der Festspiele.

Nein, nicht nervös. Aber ich war auch nicht cool. Ein neuer "Jedermann" war eigentlich ein Projekt für die Zukunft, und es galt nun sehr genau und höchst verantwortungsvoll das weitere Vorgehen abzuwägen. Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine schwerwiegende Entscheidung. Sie war auch nur mit dem Einverständnis des Direktoriums möglich. Nach der Entscheidung für die Neuinszenierung ist eine Form von Erleichterung eingetreten. Weil klar war, dass es nur mehr nach vorne gehen kann. Die Werkstätten und sämtliche anderen Abteilungen der Salzburger Festspiele sind fabelhaft. Enorm, was alle leisten!

Auch Michael Sturminger als Regisseur war für Sie klar?

Ja, weil er ganz viele unterschiedliche Qualitäten mit sich bringt. Und jede ist wichtig für diese Inszenierung.

Wird seine Inszenierung Festspielniveau haben? Die Premiere ist bereits am 21. Juli.

Davon gehe ich absolut aus. Das Konzept von Sturminger und den Ausstattern Renate Martin und Andreas Donhauser ist klug, keiner der Schauspieler ist abgesprungen, alle sind unglaublich motiviert, ihre Rollen neu zu denken. Und wir haben eine wunderbare Besetzung.

Das restliche Schauspielprogramm bleibt zum Glück gleich. Wie kam es zu Ihrer Auswahl?

In vielen Gesprächen mit Intendant Markus Hinterhäuser haben wir uns die Frage gestellt, welche Themen uns interessieren. Gibt es einen gemeinsamen Pool an Ideen, ästhetischen Vorstellungen, Stoffen, auf die wir zugreifen wollen? Das Schauspielprogramm entstand – wie auch der Konzertreigen – in großer Abstimmung mit der Oper. Es ist für mich geradezu elektrisierend, Frank Wedekinds "Lulu" und die Schostakowitsch-Oper "Lady Macbeth von Mzensk" nebeneinanderzustellen – wenn auch auf anderen Bühnen und mit vollkommen anderen Mitteln.

Die eine ist blutjung, die andere weit älter. Was verbindet die beiden Frauenfiguren?

Wir thematisieren Strategien der Macht. Und beide Figuren sind Strateginnen. Interessant ist, wie sie mit ihrer fraulichen, auch körperlichen Macht umgehen. Die Lulu ist zugleich Täterin und Opfer. Und Lady Macbeth ist nicht weniger facettenreich.

Wo gibt es noch Bezüge? Sie hätten zum Beispiel Alban Bergs "Wozzeck" mit Georg Büchners "Woyzeck" ergänzen können …

Könnte man. Oder Aribert Reimanns "Lear" mit dem "Lear" von Shakespeare. Aber das ist nicht die Art von Spiegelung, die ich mir vorstelle. Gerade in Bezug zu "Wozzeck" finde ich "Rose Bernd" von Gerhart Hauptmann spannend. Denn auch die Rose Bernd wird durch gesellschaftliche Umstände zermürbt. Beide Figuren befinden sich auf der Verliererebene, am Abhang, wo man abrutscht, sich nicht mehr festhalten kann. Da gibt es keine Hilfe, keine Hand, keine Erlösung. Rose Bernd und Wozzeck erleiden ein vergleichbares Schicksal – mit sehr unterschiedlichem Ausgang: Die Aggression richtet sich das eine Mal nach innen, das andere Mal nach außen.

"Rose Bernd" war noch nie bei den Festspielen zu sehen.

Auch Wedekinds "Lulu" nicht. Ödön von Horváth wurde zwar häufig gespielt, aber "Kasimir und Karoline" hat man hier ebenfalls noch nie sehen können.

Sie haben viel recherchiert!

Und ich war richtig verblüfft, als ich sah, was es alles noch nicht gab. Dabei sind Wedekind und Hauptmann Autoren, die Festspielgründer Max Reinhardt in Berlin sehr protegierte. Man hätte erwarten können, dass er sie auch in Salzburg auf die Bühne gebracht hat. Aber nein. Er wird seine Gründe gehabt haben, die ich mir auch imaginieren kann. Ich denke aber, einige Jahre später kann und soll man diese Stücke zeigen.

"Einige Jahre" ist gut! Gehen Sie mit "Rose Bernd" nicht trotzdem ein Wagnis ein? Denn es ist ein unbekanntes, sehr tristes Stück.

Von "Rose Bernd" bin ich zutiefst überzeugt. Es ist eines der besten Stücke von Hauptmann, die Kombination mit Lina Beckmann in der Titelrolle in der Regie von Karin Henkel ist ein Geschenk.

Hauptmann hat es auf Schlesisch geschrieben. Aber kein Schauspieler kann heutzutage diesen Dialekt sprechen.

Auf der Bühne wird trotzdem Schlesisch gesprochen – als eine Art Kunstsprache. Uns, also Karin Henkel und mir, war in den Vorgesprächen ganz wichtig, die Sprache nicht zu begradigen. Sie hat eine Rohheit, die wir gar nicht mehr kennen. Man muss sich erst reinhören. Aber ja: Das ist in gewisser Weise ein Experiment. Und eines, das man wagen muss.

Passt auch Harold Pinters "Die Geburtstagsfeier" ins Konzept? Oder erfüllen Sie Regisseurin Andrea Breth einen Wunsch?

Beides. Andrea Breth hat sich intensiv mit Pinter beschäftigt – und bereits dessen "Hausmeister" inszeniert. Auch in der "Geburtstagsparty" geht es um Macht und Ohnmacht: Zwei Männer führen an einem fast gesichtslosen Opfer eine Art Dehumanisierungsprojekt durch. Da entsteht eine relativ kalte, manipulative Situation, eine Comedy of Menace – und diese finde ich als Metapher für unsere Gesellschaft sehr interessant.

Hat das Stück nicht auch etwas Kafkaeskes? Stanley wird der Prozess gemacht – und man weiß eigentlich nicht warum.

Durchaus. Man rechnet den Autor immer wieder dem absurden Theater zu, aber das stimmt nicht ganz, auch wenn Pinter einen Hang zum Absurden hat. Das Eis ist jedenfalls dünn. Man weiß nie genau, wohin man steigen soll, damit es nicht bricht.

Es gab relativ kurzfristig zwei Umbesetzungen.

Andrea Clausen und Martin Reinke mussten wegen Erkrankungen ihre Rollen zurücklegen. Zum Glück haben wir mit Nina Petri und Pierre Siegenthaler wunderbaren Ersatz gefunden. Eine Umbesetzung gibt es nun auch bei "Lulu": Statt Martin Wuttke spielt Steven Scharf.

Und dann gibt es eben noch "Kasimir und Karoline". Ist dieses partizipative Projekt eine Fortsetzung des Bürgertheaters, das Sie in St. Pölten etabliert haben?

Nein, das Ausschlaggebende waren die 600 Highwaymen, die seit vielen Jahren mit Schauspielern und Laien arbeiten. Ich habe mehrere Vorstellungen dieses New Yorker Kollektivs gesehen, sie transportieren Geschichten auf eine sehr originäre Art, mit großen choreografischen Anteilen. Mir ist wichtig, verschiedene Formen zeitgenössischen Theaters zu zeigen, unterschiedliche Zugänge.

Wie viele Menschen werden bei "Kasimir und Karoline" auf der Bühne stehen?

Es gab ein Casting mit 350 Bewerbungen, und dann haben Abigail Browde und Michael Silverstone eine Gruppe mit 24 Leuten gebildet.

Das Young Director’s Project gibt es nicht mehr. Schade?

Wir werden sehen, ob sich wieder ein junges Format entwickeln lässt. Nachwuchstalente im Schauspiel- wie im Regiebereich sind auch in diesem Sommer unsere Gäste. Und in der neuen Reihe "Schauspiel-Recherchen", die an vier Sonntagen im Stefan Zweig Centre stattfindet, geht es um die Themen, die in den Stücken verhandelt werden. Die berühmte Soziologin Eva Illouz ist zu Gast, Klaus Kastberger und Oliver Nachtwey reden über die Abstiegsgesellschaft im Kontext von "Kasimir und Karoline", Shirin Neshat trifft auf Athina Rachel Tsangari, und Michael Eberth spricht über unsere Titelheldinnen!

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?