Kultur
22.02.2018

Alle Jahre wieder... Berlinale

Mein Berlinale-Tagebuch: Schauspielerin Nicole Beutler über ihre Woche beim Berliner Filmfestival.

Eine Woche Berlin mit Kino, Galas, Empfängen, Partys, Kälte draußen, zu wenig im Magen, Schlaf ist absolut Nebensache, Hauptsache: Shameless Self Promotion! Life of an actress.

Was hab ich bisher erlebt? Da war mein erster Abend, an dem ich zum Potsdamer Platz, dem Zentrum der Berlinale fahre, um meine Akkreditierung abzuholen. Der große rote Teppich vor dem Berlinale Palast ist voll von Menschen, die "Robert! Robert!" schreien. Der Grund dafür steht plötzlich nur etwa fünf Meter neben mir: Robert Pattinson, der mit seinem Film "Damsel" hier im Wettbewerb ist und von seinen Fans frenetisch bejubelt wird. Er wirkt entspannt. Ich bin es auch. Noch.

Um in den Berlinale-Work-Modus zu kommen, braucht es circa zwei, drei Tage. Dann ist man durch Schlafmangel und Termin-Hektik im "Flow". Weiter an diesem ersten Abend ins Soho House. Dort trifft sich alles, was in der Medien-Branche Rang und Namen hat. Sehen und gesehen werden. Als Schauspielerin für mich essentiell, um Jobs zu bekommen und einer der Gründe, warum ich jedes Jahr hier in Berlin bin.

Tag 2, endlich Kino! "Transit" von Christian Petzold. Ein poetischer Film nach dem Roman von Anna Seghers mit Franz Rogowski in der Hauptrolle. Ihn muss man sich merken. Und er ist European Shooting Star 2018! Danach ab in den nächsten Film: "Eva" von Benoît Jacquot. In der Hauptrolle die französischen Superstars Isabelle Huppert und Gaspard Ulliel. Auch dieser Film eine Romanverfilmung. Leider weniger gelungen.

Als ich den Regisseur, der mich vor Jahren für seinen Film "Marie Bonaparte" engagiert hat, am nächsten Tag zufällig in einer Hotellobby treffe, sage ich nichts dergleichen. Freundlicher Small Talk.

Tag 2 endet wieder im Soho House, diesmal mit meiner Agentin. Work, work, work. Was täte ich beruflich ohne sie? We are connected!

Tag 3: 9 Uhr morgens, das Kino ist voll. Und voll heißt hier: Etwa 1800 besetzte Plätze! Gezeigt wird "The Happy Prince" von und mit Rupert Everett. Ein Biopic über Oscar Wilde. Schwülstig, aber eine Meisterleistung des Schauspielers in seiner ersten Arbeit als Alleinverantwortlicher für Regie, Buch und Hauptrolle.

Aber: Ein Film mit gefühlt 100 männlichen und genau zwei weiblichen Darsteller-innen...

Das Gender-Thema. Diversität auf der Berlinale. ProQuote Film auf der Berlinale. #metoo #nobodysdoll - all das ist selbstverständlich Thema hier. Nach einem Branchen-Empfang und viel Networking und guten Gesprächen mit Regisseuren und Redakteuren gehe ich wieder zurück ins Kino und halte vor Beginn des nächsten Films ein zehnminütiges Nickerchen im bequemen Kinositz. Muss auch sein.

"La Prière" von Cedric Kahn ist interessant, wenngleich mir auch hier auffällt, wie viele Männer und wie wenige Frauen im Cast sind. Danach geht's weiter zu einer Podiumsdiskussion mit einer der berühmtesten amerikanischen Schauspiellehrerinnen. Susan Batson ist für eine ihrer raren Meisterklassen in der Stadt! Und ich nehme teil. Große Vorfreude!

Tag 4: Nach einem Tag intensivster Arbeit mit Susan Batson bin ich eigentlich tilt, aber das gilt auf der Berlinale nicht! Also ins Kino zu "Drei Tage in Quiberon" und danach gleich weiter zur Premieren-Party. Und ein Wiener Schnitzel im Borchardt spät nachts muss auch noch drin sein! Ich brauche Kalorien!

Tag 5 ist ausgefüllt mit der Meisterklasse. Ich lerne viel für meinen Beruf. Abends gebe ich mir frei. Durchatmen. Berlinale-Pause. Nur ein paar Stunden.

Tag 6: Meisterklasse Susan Batson. Extrem intensiv. Bereichernd. Macht mich glücklich. Abends Kino: Der russische Wettbewerbsfilm "Dovlatov" von Alexey German Jr. Wieder ein Biopic. Danach treffe ich meinen Freund Oliver Polak, Deutschlands einzigen jüdischen Comedian, zum späten Abendessen. Wieder im Borchardt. Ihm ist die Berlinale herzlich egal. Er lebt in Berlin und bekommt trotzdem nichts davon mit. Geht das überhaupt? Als Marie Bäumer, die Hauptdarstellerin von "Drei Tage in Quiberon", dem Film über Romy Schneider, zur Tür hereinkommt, liefert er den Beweis: "Die sieht eigentlich aus wie Romy Schneider, findest Du nicht?" Äh...ja...! Eh.

Morgen geht's weiter. Ich freu mich drauf. Und danach? Wenn alle Filme gezeigt, alle Preise verliehen, alle Empfänge gelaufen sind? Nach der Berlinale ist vor der Berlinale!

Zur Person - Nicole Beutler: 1996 wurde die gebürtige Wienerin mit "Schlosshotel Orth" zum Fernsehstar. Seitdem ist sie Fixstarterin in deutschsprachigen TV-Produktionen, von den "Vorstadtweibern" über "Bergdoktor" zu "SOKO Stuttgart", "-Kitzbühel" und -Donau". Immer wieder ist sie auch in internationalen Produktionen wie "Klimt" mit John Malkovich zu sehen. Zuletzt stand Beutler, die zudem Chansonniere tätig ist, für die MDR/ORF- Produktion "Trauung mit Hindernissen" unter der Regie von Anna-Katharina Maier in Leipzig und für die englische Produktion "The Bucket" vor der Kamera.