Zu Gast bei Pereira: In seiner 260-Quadratmeter-Wohnung genießt der Intendant das Leben mit seiner Daniela, der er förmlich zu Füßen liegt.

© KURIER/Jeff Mangione

Saisonstart an der Scala
12/07/2014

Pereira tischt wieder groß auf

Der KURIER besuchte den Neo-Intendanten vor der "Fidelio"-Premiere an der Mailänder Scala.

von Jeff Mangione

Mailänder Scala, wenige Tage vor der "Inaugurazione", dem fulminant gefeierten Opernsaison-Start: Neo-Intendant Alexander Pereira (67) hat zu einer Pressekonferenz geladen, in deren Rahmen der Österreicher Details zur Premiere von "Fidelio" am 7. Dezember und seine Visionen für die Scala präsentiert. Er wirkt angespannt, beinahe grimmig. Immerhin gilt es für den umstrittenen Kulturmanager, sich an einem der renommiertesten Opernhäuser der Welt zu beweisen.

Schnitt. Zwei Stunden später in Pereiras neuer 260 Quadratmeter großen Wohnung mit Blick über die Dächer Mailands: Pereira sitzt eng umschlungen mit seiner Lebensgefährtin am weißen Ledersofa, strahlend, entspannt und "verliebt wie am ersten Tag vor acht Jahren", wie er sagt. Mit Daniela de Souza (27), die in wenigen Tagen ihr Examen an einer Modeschule absolviert, hat der Intendant auch privat in Mailand ein neues Leben begonnen. Dem KURIER gewährte der 67-Jährige einen exklusiven Blick in dieses – und in seine Strategien als mächtigster Mann an der Mailänder Scala.

KURIER: Herr Pereira, Ihr erstes Resümee als neuer Intendant am Teatro alla Scala?

Alexander Pereira: Es gefällt mir sehr gut! Im Gegensatz zum Frühjahr, als die Wogen hochgingen wegen des Kaufs von Opern aus Salzburg, habe ich jetzt das Gefühl, dass man sich über meine Anwesenheit freut. Es bemühen sich alle, und ich bemühe mich auch. Fest steht, dass man das "Schreckgespenst" aus Österreich nun aus der Nähe kennengelernt und befunden hat: So grauenhaft ist er auch wieder nicht, wie alle sagen.

Gibt es Unterschiede – politischer und organisatorischer Natur – zur Arbeit an einer österreichischen Kulturstätte?

Letztlich gilt überall das selbe Gesetz: man muss ein Theater mit Vernunft und Gespür führen. Es arbeiten hier sehr kompetente Leute, auch die Infrastruktur ist gut, wenngleich sie manchmal bürokratisch sehr verstrickt ist. Daher ist es, denke ich, von Vorteil, dass ich jetzt einen antibürokratischen Beitrag an der Scala leisten kann.

Sie sagen, Sie "bemühen" sich – was bedeutet das?

Man muss verstehen, was ein Haus braucht. Das kann in Zürich ganz etwas anderes sein als in Wien oder London. Hier in Italien ist man über alle Maßen talentiert, aber auch übersensibel. Viele verlieren in schwierigen Situationen die Ruhe und damit den Überblick. Daher ist eine Komponente, die ich diesem Haus geben muss, Ruhe. Ich weiß, dass ich das kann.

Frau De Souza, Sie kennen den Intendanten von seiner privaten Seite – ist er zu Hause ganz anders als in der Arbeit?

Daniela de Souza: Ich denke schon. Ich habe einmal mitbekommen, wie streng Alexander im Büro sein kann – so habe ich ihn zu Hause noch nie erlebt. Da ist er immer ganz lieb. Ich habe ihm damals auch gesagt, dass er sich entschuldigen muss bei der Person, zu der er böse war. Das hat er getan.

Sind Sie durch Ihre Beziehung sanftmütiger geworden?

Pereira: Das kann ich nicht beurteilen, aber fest steht, dass Dani mich und meine Sicht auf viele Dinge durchaus verändert hat. Ich war zum Beispiel ein absoluter Anti-Familienmensch. Heute genieße ich es, mit ihrer und meiner Familie zusammenzusitzen.

Sie mussten schon oft harte Kritik einstecken – etwa wegen Ihrer Arbeit mit Sponsoren ...

Ja und das ist ein absoluter Blödsinn, jemanden dafür zu kritisieren. Das Einzige, was zählt ist, dass die Kulturstätte lebendig funktionieren kann. Wenn eine Kulturstätte aufgrund Mangels an Sponsoren in Agonie verfällt, ist das doch Wahnsinn. Die Aufgabe eines Theaterdirektors ist, sein Theater gut zu führen – das habe ich auch in Salzburg immer versucht deutlich zu machen. Die Scala hat, wie ich finde, ein sehr fortschrittliches Finanzierungsmodell: ein Drittel aus staatlichen, ein Drittel aus privaten und ein Drittel aus Ticketverkaufs-Einnahmen. Das funktioniert sehr gut, wie man schon an "Fidelio" sieht, wofür wir viele Unterstützer ins Boot holen konnten. Es ist völlig unrealistisch, in Zukunft den gesamten Etat von Theatern aus Subventionen bestreiten zu können. Die Realität ist, dass der Staat das Geld nicht mehr hat. Es gibt keine andere Variante, als sich mit privaten Unternehmen zusammenzuschließen. Das gilt für unsere gesamte Werteordnung, also auch für Spitäler, Universitäten und Sport.

Bilder aus Pereiras Mailänder Domizil

Alexander Pereira und Daniela de Souza

Alexander Pereira und Daniela de Souza

Alexander Pereira und Daniela de Souza

Alexander Pereira und Daniela de Souza

Alexander Pereira, Daniela de Souza

Alexander Pereira, Daniela de Souza

Alexander Pereira, Daniela de Souza

Alexander Pereira und Daniela de Souza

Alexander Pereira, Daniela de Souza

Alexander Pereira, Daniela de Souza

Alexander Pereira, Daniela de Souza

Daniela de Souza

Alexander Pereira und Daniela de Souza

In Salzburg wurde kürzlich das Festspielprogramm 2015 präsentiert. Was sagen Sie dazu?

Ich kenne es natürlich, aber es hat keinen Sinn, da jetzt gute Ratschläge zu geben. Das Thema ist für mich abgeschlossen.

Ihr Vertrag mit der Mailänder Scala endet in 15 Monaten – programmlich geplant haben Sie allerdings bereits bis 2020. Sind Sie davon überzeugt, dass Sie länger bleiben werden?

Ich habe den Auftrag bekommen zu planen – und es wird bis Ende 2015 das Programm bis Ende 2019 stehen. Den Intendanten gleich zu wechseln, hätte aus meiner Sicht keinen Sinn. Es sei denn, er stiehlt goldene Löffel.

"Was nach der Scala kommt? Verwesung oder Scheintod"

Haben Sie mit der Intendanz an der Scala den Zenit erreicht?

Das ist natürlich eine wunderschöne Chance für einen kleinen Österreicher. Aber letztlich vergisst man das sofort, wenn man am Schreibtisch sitzt und Probleme lösen muss.

Was kommt nach der Scala?

Pereira: Die Verwesung oder der Scheintod (lacht).

De Souza: Sag so etwas nicht! Alexander ist unglaublich aktiv. Die Arbeit ist sein Leben.

Pereira: Und du mein Schatz!

Wie viel Zeit bleibt im Moment für Ihr Privatleben?

De Souza: Manchmal habe ich das Gefühl, wir sehen uns weniger als in Salzburg. Aber wir versuchen jeden Tag zusammen Mittag zu essen. Und wenn er nicht gerade eine Vorstellung hat, bekocht mich Alexander am Abend. Deshalb bekomme ich meine Kleider auch schon alle nicht mehr zu (lacht).

Pereira:Ja, du bist unglaublich dick geworden(lacht).Dani hat sich übrigens ein fantastisches Kleid für die Premiere geschneidert.

Ihr Lebensgefährte wurde zum Familienmensch. Was haben Sie von ihm gelernt?

De Souza: Ach, so vieles. Ich komme aus Manaus in Brasilien. Durch Alexander habe ich die Welt kennengelernt.

Pereira: Sie spricht inzwischen fünf Sprachen, ich kann nur vier.

De Souza: Ich bin auch viel selbstsicherer geworden.

Herr Pereira, kennen Sie Selbstzweifel und Versagensängste?

Die mutigsten Leute sind die ängstlichsten, weil sie ihre Angst kompensieren müssen. Mutige Menschen sind meist sehr verletzlich – und nicht irgendwelche oberflächlichen Kraftlackeln.

Die Karriere des umstrittenen Kulturmanagers

Vom Tourismus an die Oper
Die berufliche Laufbahn von Alexander Pereira (67) ist durchaus ungewöhnlich.
Als Sohn eines österreichischen Diplomaten arbeitete er zunächst als Tourismusmanager in London. Danach verkaufte er zwölf Jahre lang für Olivetti in Deutschland Schreib- und Rechenmaschinen.

Nebenbei absolvierte Pereira ein Gesangsstudium und wurde 1979 Vorstandsmitglied der Frankfurter Bachkonzerte. Danach ging es steil bergauf: 1991 bis 2012 leitete Pereira das Opernhaus Zürich. Nach zweijährigem Zwischenstopp bei den Salzburger Festspielen wurde er im Juni 2013 zum Intendanten in Mailand berufen.

"Fidelio"-Premiere auf Arte

Die Premiere von Beethovens Freiheitsoper "Fidelio" an diesem Sonntag an der Mailänder Scala ist der erste große Auftritt des gebürtigen Wieners Alexander Pereira als Intendant des renommierten Opernhauses. Die Produktion geplant hat aber noch großteils sein Vorgänger Stéphane Lissner. Daniel Barenboim steht zum letzten Mal als Musikdirektor der Scala bei einer "Inaugurazione", der legendären Saisoneröffnung, am Pult. Sein Vertrag läuft im Dezember aus. Regie führt Deborah Warner. Anja Kampe singt die Partie der Leonore, Klaus Florian Vogt jene des Florestan.

Die Premiere wird zeitversetzt (ab 20.15 Uhr) auf Arte übertragen. Alle Übertragungen weltweit zusammengerechnet, glaubt die Scala an etwa zehn Millionen TV-Zuschauer.

"Keine Premiere ist so wichtig wie jene der Mailänder Scala. Das ist die schönste Premiere der Welt", sagt Pereira. Die neue Spielzeit ist für das Opernhaus besonders wichtig, weil vom 1. Mai bis 31. Oktober 2015 die Weltausstellung Expo zusätzlich 20 Millionen Besucher in die lombardische Hauptstadt locken wird. Für Pereira selbst geht es auch um die Verlängerung seines Vertrages, der nach anfänglichen Querelen vorerst nur nur Ende 2015 läuft.

Eine mit Spannung erwartete Premiere findet am 15. Februar statt: Verdis "Aida". Zubin Mehta wird dirigieren, Peter Stein inszenieren. Am 1. Mai 2015 wird der künftige Musikdirektor Riccardo Chailly Puccinis "Turandot" dirigieren.

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