Kultur
19.03.2018

Albertina: Imagebildung mit Wasserfarben

Die Schau "Das Wiener Aquarell" zeigt die Raffinesse einer oft unterschätzten Bildgattung des 19. Jahrhunderts.

Das Großartige an musealen Kunstsammlungen ist, dass sie nicht einfach Bilder auf Papier oder Leinwand sammeln und erhalten: Sie konservieren auch Einstellungen zu deren Nutzung und Wertschätzung. Jede Generation kann also ihre Vorstellungen darüber, was ein Bild können soll, mit den Perspektiven von früher vergleichen.

Unter dieser Sichtweise verliert auch die Ausstellung "Das Wiener Aquarell" in der Albertina (bis 13.5.) den Mief der Antiquiertheit, der dem Medium der Wasserfarbenmalerei manchmal anhaftet.

Denn natürlich erfüllte die minutiöse Wiedergabe von Landschaften, Porträts und Interieurs in einer Zeit, in der die Fotografie kaum verbreitet war und keine Farbe kannte, andere Zwecke als heute, wo genaue Abbildung und virtuose Ausführung als Kriterien der Kunstbeurteilung überwunden sind.

Damals wie heute aber nutzten bestimmte Gesellschaftsschichten Kunst als Statussymbol und Imagefaktor – und entlang dieser Linie lässt sich durchaus ein Dialog zwischen den Zeitepochen entspinnen.

Nicht "bieder"

Kuratorin Maria Luise Sternath setzt hier an, indem sie zunächst den Begriff des "Biedermeier" filetiert, jener Epoche zwischen 1814 und 1848, der viele der gezeigten Werke entstammen. Die Vorstellung, dass in dieser Zeit vor allem das Bürgertum auf den Kunstgeschmack kam – und zu dem im Vergleich zur Leinwandmalerei billigeren Aquarell griff – erweist sich als nicht wirklich haltbar.

Der große Teil der 180 gezeigten Werke (insgesamt verwahrt die Albertina rund 2500 Aquarelle jener Epoche) entstand für fürstliche oder kaiserliche Auftraggeber. Deren Bedürfnis, ihre Familien und Besitztümer im Bild wiedergegeben zu sehen, führte zu jener Konzentration hochtalentierter Maler in der Hauptstadt, die Historiker heute eben vom "Wiener Aquarell" sprechen lässt.

Die hohen Herrschaften versteckten sich in den Auftragsbildern allerdings durchaus hinter "biederen" Codes: Peter Fendis "Abendgebet" von 1839 etwa zeigt den damals neunjährigen späteren Kaiser Franz Joseph I. im Beisein seiner Mutter vor einem Marienbildnis kniend. Matthäus Loder stellte Erzherzog Johann mit seiner geliebten Postmeisterstochter Anna Plochl um 1825 als Trachtenpärchen dar – und betrieb damit Öffentlichkeitsarbeit für die nicht standesgemäße Heirat der beiden im Jahr 1829.

Loder gehörte zu jenen Malern, die ganz in ihrem Auftragsverhältnis aufgingen – nichts von ihm zirkulierte später am Kunstmarkt oder in Museen, was den Nachruhm stark behinderte.

Fürsten und Sammler

Andere Künstler waren breiter aufgestellt, allen voran das Vater-Sohn-Gespann Jakob und Rudolf von Alt: Ihre Ansichten von Städten und Landschaften waren bereits zu Lebzeiten der Künstler begehrte Sammelobjekte. Dennoch musste sich Rudolf von Alt lange mit Bildern herrschaftlicher Interieurs sein Auskommen sichern. Als 1872 Blätter aus dem Nachlass eines Alt-Sammlers versteigert wurden und eines davon 2500 Gulden einbrachte, konnte sich der Künstler nur in den Hintern beißen – er hatte die Blätter einst zum Einheitspreis von 35 Gulden verkauft.

Es geht also nicht nur um Aquarellmalerei, sondern auch um die Unwägbarkeiten des Kunstmarkts, die geschmacksbildende Funktion von Sammlern und die fließende Grenze zwischen autonomem Schaffen und Auftragskunst: Allesamt Themen, die uns bis heute verfolgen. Doch natürlich lassen sich auch schlicht die handwerklichen Finessen der Blätter bewundern. Eine aufschlussreiche Zeitreise ist die Schau allemal.