Kultur 01.03.2013

Grafikkabinett im Großmuseum

Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder über sein Zehn-Jahres-Jubiläum und Ideen für die Zukunft.

Vor dem Büro von Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder hängt eine Fotoserie, für die der Künstler und Anwalt Guido Kucsko hinter die Kulissen von Luxushotels blickte. Schröder, der sich eben um eine Verlängerung seiner Amtszeit bis 2020 beworben hat, wirft auf Reisen selbst gern Blicke in die Personalbereiche von Hotels, wie er bekennt: „Wenn man spart, sieht alles gleich aus – und fürs Personal wird gespart.“

Klaus Albrecht Schröder
Interview mit Klaus Albrecht Schröder, Direktor und Geschäftsführer der Wiener Albertina, am 14.02.2013 in seinem Büro. © Bild: KURIER/Deutsch Gerhard
KURIER: Ist die Situation eines Museums eine andere als die eines Luxushotels?
Klaus Albrecht Schröder:
Tatsächlich ist der größte Teil der Arbeit, die in einem Museum erledigt wird, unsichtbar. Daher kann „dahinter“ nicht ein anderer Geist wehen als „davor“. Wir sind nicht die Schnitzer eines Barockaltars, wo nur vorne alles schön ist. Wir sind eher die Schnitzer eines gotischen Altars, da sieht die Skulptur von hinten genauso schön aus, denn Gott sieht alles. Jetzt könnte man sagen, wer ist heute unser Gott – ist es der Rechnungshof? Nein. Es ist eher das ethische Bewusstsein, dass unabhängig vom Popularitätswert jedes Kunstwerk, jedes Dokument und jeder Gebäudeteil dieselbe Aufmerksamkeit braucht.

Wir sprechen nun über "10 Jahre Albertina Neu". Ist das nicht die Feier einer neuen Außenwirkung, eines "Davor"?
Vergessen wir nicht, war der Anlass für die gesamte Neuausrichtung der Albertina war: Die Katastrophe des Redoutensaal-Brandes und die Tatsache, dass ein Jahr zuvor festgestellt wurde, dass im gesamten Hofburg-Bezirk der Redoutensaal der am besten gesicherte Teil ist und die Albertina der am schlechtesten gesicherte. Auf diesen Umstand musste man antworten. Es wurden also neue, moderne Depots errichtet, zum ersten Mal wurden alle Bereiche, in denen sich Sammlungswerke befinden, klimatisiert. Wir mussten auch den Kurs der Albertina ändern. 7000, 10000, 15000 Besucher im Jahr - das war unbefriedigend. Daher haben wir zwei Maßnahmen ergriffen, die von "Albertina Neu" rechtens zu sprechen erlauben: Das Palais wurde renoviert, zum Anderen wurde ein modernes Museum errichtet, mit drei Ausstellungshallen - 2008 kam eine vierte mit den Kahn Galleries dazu. Dort können wir in unterschiedlichen Dimensionen alle Querschnitte der Kunst zeigen. Und "on top of that" kam eine völlig neue Doktrin: Die Doktrin, dass wir die Zeichnung und die Grafik aus ihrer Isolation befreien müssen, dass wir sie rückholen müssen in die Künste, die ein unteilbares Ganzes sind. 2007 ist dann aber noch einmal etwas geschehen. Da konnten wir zum ersten Mal eine Schausammlung Klassischer Moderne - "Von Monet bis Picasso", wie wir das branden - etablieren, die uns ein ganz neues Rückgrat und eine ganz neue Visibility gegeben hat.

Aber wenn der Anlassfall für diesen Relaunch denn das Depot war - wie ging es ihnen denn persönlich dann mit dem Wasserschaden im Jahr 2006?
Im Nachhinein kann man das gern als einen belanglosen Zwischenfall abtun. Warum? Weil überhaupt kein Schaden geschehen ist, und weil am Ende des Tages der finanzielle Schaden durch eine sehr großzügige Lösung der Versicherung vollständig beglichen wurde. Im Augenblick habe ich das mediale Interesse und meine persönliche Anspannung schon verstanden, es stand alles auf des Messers Schneide. Am Anfang hat niemand, auch ich nicht, verstanden, dass man aus dem Anlassfall eines Brandes ein Hochsicherheitsdepot errichtet - und dann kommt es zum banalsten Schaden, der für Werke auf Papier zugleich der Maximalschaden sein kann, ein Regenwassereinbruch. Die Ursache, den Weg, woher das Wasser gekommen ist, kennen wir bis heute nicht, und es war dann eine sehr verantwortungsvolle und kluge Entscheidung der Burghauptmannschaft und des Wirtschaftsministeriums, zu sagen: Dann sichern wir die gesamte Decke, wo hier auf Unter-Straßen-Niveau ein Depot errichtet worden ist. Aber dass das ein Schock war, können Sie mir glauben. Denn die Sicherheit des Depots ist ganz wesentlich von zwei Szenarien her konzipiert gewesen: Dem Diebstahls- Raub - und Einbruchsrisiko und der Brand- und Feuersicherheit. Nur an Wasser hat keiner gedacht - das gibt es aber in diesem Mitteleuropa.

Albertina-Chef Schröder im Gespräch mit Michael Huber.
Klaus Albrecht Schröder, Direktor Albertina, Interview © Bild: Deutsch Gerhard
Die Sammlung Batliner war eine zuerst zeitlich begrenzte Leihgabe, nun ist sie eine Dauerleihgabe.
Sie ist sehr vergleichbar mit dem Fideikommiss des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen. Wir dürfen nie vergessen, ob es uns gefällt oder nicht - die Sammlung Alberts (der Grundstock der Albertina, Anm.) war Privatbesitz und ist nicht unter die Habsburgergesetze gefallen. Sie war ein Fideikomiss - unteilbar, unveräußerlich und an diesen Ort gebunden.

Ist so etwas ein starkes Institut?
Ja, ein sehr starkes Rechtsinstitut, das hat zweimal der grafischen Sammlung das Leben gerettet: Als man sie nach dem Ersten Weltkrieg veräußern wollte, um die Kriegsschuld Österreichs zu begleichen. Und als man sie 1936 veräußern wollte, um im Zuge einer Novellierung der Habsburgergesetze den habsburgischen Besitz zu restituieren. In beiden Fällen hat das von 1816 stammende Rechtinstitut des Fideikomiss, dieser Unveräußerlichkeit, Unteilbarkeit und Verklammerung mit diesem Ort, dieser Sammlung einen sehr großen Dienst erwiesen. Und das steht auch hinter der Stiftung von Herbert und Rita Batliner. Es haben übrigens die Kinder die Dokumente mit unterzeichnet.

Sie haben nun für das Museum Fakten geschaffen. Doch kann so ein Schiff auch in gleicher Ausstatttung, in gleicher Pracht in die Zukunft fahren? Wie wir in den letzten fünf Jahren gesehen haben, ändern sich die Zeiten.
So wie sich die Gesellschaft und die Welt ändert, müssen sich Museen ändern, denn wenn sie sich nicht ändern, verlieren sie an Bedeutung, gehen unter oder werden geschlossen. Die Albertina muss sich also ändern. Das Publikum ändert sich. Aber auch die geopolitischen Gewichte der Museen ändern sich. Noch mein Vorgänger oder Vor-Vorgänger konnte sagen: Nicht die Albertina als Museum aber die graphische Sammlung als Kollektion gehört zu den großen Weltsammlungen. Und was hat er gemeint? Zu den großen westeuropäischen Sammlungen. Und dann hat man noch in Klammern das Metropolitan Museum, die National Gallery in Washington und Chicago, vielleicht Boston genannt. Heute misst sich der Stellenwert der Albertina daran, welchen Rang sie auf der Welt einnimmt. In Peking, Seoul, in Tokio, in San Francisco entstehen innerhalb weniger Jahre und Jahrzehnte riesige und bedeutende Museen. Das tangiert auch uns. Weil wir, wenn wir gleich bleiben und stagnieren automatisch damit zurückfallen.

Wie wollen Sie reagieren?
Die Frage, die sich stellt, ist: Kann die Albertina wachsen? Fast alle Museen haben die Möglichkeit, räumlich wachsen zu können. Wir in Wien, das betrifft nicht nur die Albertina, können kaum wachsen. Wir machen dann neue Standorte auf. Das ist etwas Anderes. Und daher kann ich nicht vorhersagen, was das für die Albertina, aber auch insgesamt für die österreichischen Museen in 25 bis 50 Jahren bedeuten wird. Den Stellenwert und den Rang, den sie heute haben, werden sie dann nicht mehr haben. Doch die größte Herausforderung steht uns Museen jetzt bevor: Wir müssen auch Politik machen für die für die bildungsfernen Schichten, für die Menschen mit Migrationshintergrund. Das ist kein Lippenbekenntnis. Es ändert sich die demographische Zusammenstellung der Städte. Können wir dann immer noch mit unseren Sammlungen, unsere Deutung der Welt, auch unsere ästhetische Deutung der Welt vornehmen? Da werden wir uns schon was einfallen lassen müssen.

Wenn Sie für eine weitere Amtszeit verlängert werden, wollen Sie also einen Wachstumskurs fahren?
Eine architektonische Erweiterung der Albertina ist derzeit nicht möglich. Was ich mir durchaus vornehme, in der Diskussion nicht untergehen zu lassen, ist, dass ein benachbartes Grundstück bis vor kurzem über fünf Jahrhunderte, bebaut war - zuletzt mit dem so genannten Philipp-Hof (im 2. Weltkrieg zerstört, Anm.) und zuvor das größte Zinshaus der Stadt dort gestanden ist. In dem übrigens auch Direktoren der Hofbibliothek und der Albertina gewohnt haben, und die größten Berater von Albert Sachsen-Teschen, genau auf der anderen Straßenseite.

Das Zweite ist aber, dass ich eine Weiterentwicklung in zwei Bereichen vornehme. Die Albertina ist Erinnerungsort der Geschichte und auf der anderen Seite ein modernes Museum. Den ersten Aspekt werde ich verstärken, indem wir ein permanentes Ausstellungsgeschehen, ein Museum für kulturhistorische Ausstellungen im Rahmen der Prunkräume etablieren werden. Es werden in fünf Prunkräumen kulturhistorische Ausstellungen stattfinden - etwa zu Ritter von Köchel, der hier 25 Jahre lang gelebt und gewirkt hat, hier gestorben ist und das Köchelverzeichnis geschrieben hat. Zur Musik bei den Erzherzoginnen, zur Ausbildung der Erzherzoginnen, zu Herzog Albert als Bauherr, zu Sophie Gräfin Chotek, die hier Hoffräulein war, bevor sie den Thronfolger geheiratet hat und in Sarajewo ermordet worden ist. Das alles soll die historische Dimension des Palais verstärken.

Und zum Dritten möchte ich etwas etablieren, was für viele überraschend kommen wird. Neben den großen Ausstellungen - Raffael 2017, Dürer und seine Zeit 2015 - will ich ein grafisches Kabinett schaffen, in dem wir ungefähr auf 60 Laufmetern Altmeisterbestände zeigen, die hochbedeutsam sind, auch wunderschön sind, und wie ich glaube auch geliebt werden, aber die nicht jene kritische Menge und Masse haben, dass wir aus ihnen eine Großausstellung machen können. Und dieses grafische Kabinett werde ich noch in diesem Jahr hoffentlich mit der Ministerin eröffnen können.

Werden Sie die Bebauung des gegenüberliegenden Grundstücks trotzdem weiterverfolgen?
Ich glaube, da muss man wirklich ein "window of opportunity" abwarten. Aber solche Gelegenheiten fallen nicht vom Himmel. Dafür ist die Voraussetzung, dass man immer weiß, was man eigentlich wollte. Und da sehe ich meine Aufgabe: Klar zu machen, dass hier ein Anspruch eines Weltmuseums besteht, diesen Ort in Nachbarschaft der Albertina würdig so zu nutzen, dass er urbanistisch wieder vertretbar ist. Wenn das alle verstehen, müssen wir nur warten, ob es so einen Augenblick gibt, in dem man sagt, jetzt könnte man's machen. Lassen Sie mich etwas erfinden: Wenn es wirklich zu einem Garagenbau am Neuen Markt kommt, bleibt hier in unserer Umgebung kein Stein auf dem anderen. Dann eine Diskussion erst zu beginnen, das wäre sicher zu spät. Daher will ich das als Thema wach halten, Pläne in der Schublade haben.

Die anderen zwei Projekte - kulturhistorische Ausstellungen und Grafikkabinett - sind auch eine Rückbesinnung auf die Sammlung. Ist das auch als eine Antwort auf die geänderte Lage im Leihverkehr zu verstehen? Es war ja eine Zeit lang ihr Markenzeichen, Leihgaben aus aller Welt einfliegen zu lassen.
Ich bin weiterhin felsenfest davon überzeugt, dass eine Ausstellung die beste Form der Kunstvermittlung ist. Für drei oder vier Monate kann man ein ideales Ambiente herstellen, um etwas zu visualisieren. Manchmal kann man einen großen Prozentsatz daraus aus der eigenen Sammlung bestreiten, manchmal nur einen kleinen. Daher: Einen Verzicht auf die Unterstützung durch wichtige Leihgeber kann es nicht geben. Die Gründung eines grafischen Kabinetts ist eher die Antwort auf hunderte Besuche im Studiensaal, wo ich immer über Werke stolpere, wo ich mir denke, "Meingott, die sind wunderbar, können wir die nicht einmal zeigen?" Und sie passen in keine unserer großen Projekte hinein. Ich will ihnen den Ballast einer Sonderstellung nehmen, sie ohne Katalog präsentieren, aber sie sichtbar machen. Denn der Studiensaal ist doch für die Forschung reserviert und denkbar ungeeignet, um Kunst einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Welche Art von Nachfolger wünschen Sie sich denn, wenn Sie einmal ihr Amt abgeben?
Ich bin froh, wenn ich drei Jahre planen kann, wie das unser Vorhabensbericht vorsieht. Ich bin froh, wenn ich fünf bis sieben Jahre im Voraus eine bestimmte Vision habe, aber ich werde nicht den Fehler machen, sagen zu können, was die richtige Antwort auf eine geänderte Zeit in 20 Jahren sein wird. Da kann alles anders sein.

Finden Sie es grundsätzlich gut, dass Ihr Posten jetzt ausschreibungspflichtig ist?
Darüber habe ich nicht einmal nachgedacht. Ich wusste, dass im Oktober dieses Gesetz verabschiedet worden ist, und dass ist für mich kein Problem sondern eine Bedingung. Und irgendwie gehört es zu meinem Charakter, dass ich Probleme von Bedingungen unterscheiden kann. Die ersten versuche ich zu lösen, die zweiten nehme ich hin, ohne sie in Frage zu stellen.

Ist es auch eine Bedingung für einen Museumsdirektor, auch als Person stark aufzutreten?
Charisma ist einmal generell für keine Führungsperson von Nachteil. Stärke braucht man schon deswegen, weil die Entscheidungen, die wir seit der Vollrechtsfähigkeit, seit dem Jahr 2000 treffen, oft sehr weitreichend sind. Man ändert so viel, dass aus 60 Mitarbeitern der Albertina mit den outgesourcten Mitarbeitern 300 wurden. Daher muss man mit solchen Entscheidungen gut leben können. Und da das ein großes Museum ist, muss die Steuerung auch weitsichtig veranlagt sein, weil das verändert sich nur ganz, ganz langsam. Und das braucht einen starken Charakter, das glaube ich schon. Aber das erlebt ja gerade der Papst, was es heißt, persönlich nicht mehr die Voraussetzungen mitbringen zu können, um weitreichende Entscheidungen absehen und treffen zu können.

Der Papst hat aber kein Ministerium über sich.
Dafür hat er den heiligen Geist über sich. Aber da wollen wir jetzt nicht spotten. Das war eine große Entscheidung, die er getroffen hat, die mich auch in theologischer Hinsicht sehr interessiert.

Stichwort Ministerium: Es ist auch unklar, ob Ministerin Schmied nach der nächsten Wahl noch ihr Amt ausführen wird. Glauben Sie, dass Sie die Visionen, die Sie jetzt skizziert haben, auch durchsetzen können, wenn sich die politischen Rahmenbedingungen stark ändern?
Also erst einmal glaube ich natürlich daran, dass die Gründe, die ich immer wieder für die Veränderung der Albertina geltend gemacht habe, nicht zufällig sehr unterschiedliche politische Lager überzeugt haben. Weil sie vernünftig waren. Weil sie der Albertina eine Zukunft gewiesen haben. Daher glaube ich, dass man solche Kulturweichenstellungen aus dem Museum heraus in verschiedenen politischen Lagern teilen wird. Da habe ich keine Sorge. Aber so wie nicht ich über meine Verlängerung entscheide, sondern die Frau Ministerin, so entscheidet nicht sie über ihre, sondern der Wähler. Und wenn der Wähler ähnlich vernünftig ist, dann ist er mit der derzeitigen Kulturpolitik sehr zufrieden.

( Kurier ) Erstellt am 01.03.2013