Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder (60) schwärmt vom Künstlerhaus, das bis 2018 um 30 Millionen Euro saniert wird: „Es ist der wahrscheinlich schönste Ausstellungsraum Österreichs.“

© KURIER/Gerhard Deutsch

Dependance
11/29/2015

Albertina auf Expansionskurs

Direktor Klaus A. Schröder über seine Pläne für das Künstlerhaus als Hort österreichischer Kunst.

von Thomas Trenkler

KURIER: Bei den Ausstellungsforen in Wien ist – wie im Lebensmittelhandel – eine Konzentration auf wenige Anbieter feststellbar: Kleinere wie die Generali oder die Bawag Foundation gibt es nicht mehr, das Belvedere und Albertina werden immer größer. Warum?

Klaus A. Schröder: Es ist eben das natürliche Bedürfnis von Museen, wachsen zu wollen. Denn die Kunstproduktion steht nicht still. Die Kunst braucht immer mehr Präsentationsflächen. Wenn es nicht mehr möglich ist, innerhalb des Standortes zu erweitern, muss man einen neuen dazunehmen. Das Metropolitan Museum zum Beispiel hat das Whitney übernommen, um dort die Fotobestände auszustellen. Ja, die Albertina und das Belvedere betreiben einen Expansionskurs. Und wir können nur durch neue Standorte expandieren.

Die Möglichkeiten im Palais der Albertina haben Sie ja bis zum letzten Winkel ausgereizt.

Ich bin Direktor seit dem Jahr 2000. Mein Ziel war es von Beginn an, die Sammlungen der Albertina so umfassend wie möglich zugänglich zu machen. Aus wenigen 100 Quadratmetern wurden mehrere 1000.

Sie beklagten schon vor Jahren das Erreichen der Grenze.

Und habe mich daher nach Möglichkeiten in der Umgebung umgeschaut. Wir hätten das Winterpalais des Prinzen Eugen um 250.000 Euro bespielt. Doch die damalige Finanzministerin Maria Fekter hat es der Österreichischen Galerie Belvedere zugeschlagen, die für die Programmierung die zehnfache Summe erhält. Dann habe ich die Idee verfolgt, auf dem Platz vor der Albertina, wo bis 1945 der Philipphof stand, ein neues Bauwerk errichten zu lassen. Dieses Projekt ist zwar nicht unrealisierbar, braucht aber viel Zeit.

Und nun bot Ihnen der Unternehmer Hans Peter Haselsteiner das Künstlerhaus an?

Er fragte mich um Rat. Seine Ideen trafen sich mit meinen Visionen. Ich leide seit 20 Jahren darunter, wie dieses prachtvolle Künstlerhaus versandelt. Die Entscheidung ist nun gefallen. Haselsteiner ist bereit, das Künstlerhaus um 30 Millionen Euro zu revitalisieren, zu modernisieren, zu erweitern. Und mich hat er gebeten, die Flächen, die der Haselsteiner Familienstiftung zu Verfügung stehen werden, zu bespielen.

Das gesamte Erdgeschoß?

Ja. Ich habe Haselsteiner geraten, die Nutzung klar nach Geschoßen zu trennen, damit es zu keiner Verwirrung kommt. Die Künstlervereinigung macht im ersten Stock ein zeitgenössisches, experimentelles Programm. Und im Erdgeschoß gibt es einen Überblick über die österreichische Kunst seit 1918.

Weil das Künstlerhaus 2018, also 150 Jahre nach der Fertigstellung, wiedereröffnet wird?

Es liegt auf der Hand, die Gründung der Ersten Republik zum Ausgangspunkt unserer Darstellung zu machen. Im Vordergrund steht zudem nicht die Aktualität, sondern die Relevanz.

Unter den Bundesmuseen ist das Belvedere für die österreichische Kunst zuständig. Ist Ihr Engagement nun ein Konter – oder eine Retourkutsche für das Winterpalais?

Weder noch! Ich bin über Fekters Entscheidung mittlerweile froh. Wie schwierig es ist, das Winterpalais zu bespielen, sieht man. Es wurde ja nicht für Ausstellungen gebaut. Die Möglichkeiten, die das Künstlerhaus als White Cube, als neutraler Raum, bietet, sind unvergleichlich. Es ist der wohl schönste Ausstellungsraum Österreichs.

Auch das Leopold Museum und das Mumok zeigen österreichische Kunst des 20. Jahrhunderts. Braucht es einen Rückblick im Künstlerhaus?

Österreichische Kunst ist – bis auf wenige Ausnahmen – in Wien nicht sichtbar. Denken Sie nur an die Kunst der 1970er-Jahre! Wo sehen Sie Martha Jungwirth, Valie Export, Peter Pongratz? Wo sehen Sie etwas von Ludwig Heinrich Jungnickel aus den 20er-Jahren oder von Rudolf Wacker aus den 30er-Jahren? Wenn ein Tourist nach Wien kommt, dann muss er das Werk von Maria Lassnig, Brigitte Kowanz und Arnulf Rainer sehen können. Die wichtigsten 15 Positionen werden permanent präsentiert, aber mit wechselnden Arbeiten. Wir bieten etwas an, das dringend benötigt wird.Glauben Sie, dass die Massen ins Künstlerhaus strömen werden?

Nein. Wir koppeln daher das Künstlerhaus an die Albertina: Man wird mit dem Ticket freien Eintritt haben. Haselsteiner und mir schwebt zudem eine verkehrsberuhigte Begegnungszone vor – im Bereich Hotel Imperial, Musikverein und Künstlerhaus bis zum Ring. Vielleicht können wir die Badner Bahn verlegen? Wir hoffen, die Menschen damit zu motivieren. Man geht bloß fünf Minuten.

Sie können, heißt es, auf die Sammlung von Karlheinz Essl zurückgreifen. Auf die gesamte Sammlung? Haselsteiner ist ja nur 60-Prozent-Eigentümer.

Ihm gehören 60 Prozent von allen Werken. Ich gehe davon aus, dass ich auf die gesamte Sammlung zurückgreifen kann. Ich genieße nicht nur das Vertrauen von Haselsteiner, sondern auch jenes von Karlheinz Essl.

Essl wollte seine Sammlung an die Republik verkaufen, aber weiter Direktor bleiben. Werden Sie ihn als Kurator einsetzen?

Ein Museum wie die Albertina legt auf Autonomie großen Wert. Das wissen Haselsteiner und Essl.

Haselsteiner will für den Betrieb pro Jahr 700.000 Euro zur Verfügung stellen. Reicht das?

Werden wir sehen. Von der Albertina wird kein Geld kommen können. Der Kulturminister und der Kulturstadtrat begrüßen unsere Pläne.

Beppo Mauhart gründete die Initiative Wink, um Geld für die Sanierung des Künstlerhauses zu sammeln. Er träume von einem großen Ausbau samt Restaurant im Dachgeschoß. Wie sieht das neue Projekt konkret aus?

Das alte Projekt war zu groß gedacht – und verhinderte daher alle Sanierungsmaßnahmen. Die Ausstellungsflächen werden in jenen Zustand zurückgeführt, den sie ursprünglich hatten. Unsere Vision ist es, den größten Oberlichtsaal Österreichs wiederherzustellen. Dann ist aber ein Dachbodenausbau mit Restaurant nicht möglich. Beppo Mauhart unterstützt trotzdem unser Projekt. Es wird auch zu einer Erweiterung kommen – bei der Passage zur U-Bahn, die gegenwärtig ein großes Loch, eine Piss-Ecke ist. Diese neuen Flächen werden der Künstlervereinigung zur Verfügung stehen.

Ein Drittel der Künstlerschaft bedauert den Autonomieverlust. Nachvollziehbar?

Ich habe gehört, dass die Insolvenz drohte. Das Künstlerhaus hat nur deshalb überlebt, weil es seine Fassade als Werbefläche verkauft hat – und weil kunstferne Veranstaltungen stattgefunden haben. Es gab aus pekuniärer Not jede Art der Fremdbestimmung. Welche Autonomie hat also bestanden? Der Verein ist sicher ein Gewinner: Er wird viel mehr perfekt hergerichtete Flächen bespielen können, als er sich je erträumen durfte.

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