Aktionskünst­ler Otto Muehl ist tot

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Foto: Reuters/Heinz-Peter Bader Otto Muehl und seine Kommune am Friedrichshof: Die Befreiung kippte ins Gegenteil

Der umstrittene Künstler und Kommunengründer Otto Muehl ist im Alter von 87 Jahren verstorben. Ein Dilemma bleibt.

Für manche war er einfach ein guter Maler mit seltsamer Biografie. Für andere war er ein Verführer, ein Diktator – und kein Künstler mehr.

Zuletzt, im Juni 2010, entschuldigte Otto Muehl sich bei jenen, die in seiner Kommune Opfer sexueller Übergriffe geworden waren. Da war er 85 und lebte, umringt von einigen Getreuen, auf der Insel in der Art & Life Family-Kommune in Portugal. In Wien konnten seine Worte das Dilemma bei seiner Beurteilung nicht mehr auflösen.

Nun ist Otto Muehl 87-jährig in Portugal gestorben, wie Daniele Roussel, Leiterin des Muehl-Archivs, erklärte. Er hatte zuletzt an der Parkinson-Krankheit gelitten.

… Foto: KURIER/Deutsch Gerhard Muehls künstlerisches Werk steht heute bei Sammlern des Wiener Aktionismus hoch im Kurs: Tatsächlich stand er an der Wiege dieser Bewegung und blieb lange einer ihrer profiliertesten Vertreter. Die Aktion „Die Blutorgel“, für die er sich 1962 gemeinsam mit Hermann Nitsch und Adolf Frohner in seinem Atelier einschloss, war ein Schlüsselmoment.

Obwohl Muehl in einer seiner Aktionen „Die Zerstörung des Tafelbilds“ vorexerzierte, konnte er hervorragend malen: Mal nahm er den pointiert-comichaften Stil der Pop Art auf, mal paraphrasierte er mit expressiv aufgetragen Farben Vorbilder wie Van Gogh. Als Maler war er ein Chamäleon, dennoch im Stil unverkennbar.

Gegen „Spießbürger“

Als die künstlerische Karriere des gebürtigen Burgenländers in Fahrt gekommen war, schienen ihm Bilder allerdings nur Beiwerk zu sein, das sich „die Spießbürger“ kaufen konnten. Von Schriften Wilhelm Reichs und verschiedenen Therapieformen inspiriert, verlautbarte er im „Zock-Manifest“ 1970 den Aufbau einer neuen Gesellschaft. Deren Grundpfeiler waren „freie“ Sexualität, die Aufhebung der Trennung von öffentlich und privat, der Ausstieg aus den bürgerlichen Berufsrollen und die „Überwindung der Kunst durch aktionistische Lebenspraxis in der Gruppe“.

Filmpremiere und Präsentation im MAK anlässlich de Foto: APA/Philippe Dutartre Otto Muehl beim Malen in der Kommune Friedrichshof, 1980er-Jahre Zunächst sollte diese Lebensform in kleinen Wohngemeinschaften, ab 1973 in der „Kommune Friedrichshof“ umgesetzt werden. Die Organisation, die sich nicht nur mit Hilfe von Kunst, sondern auch mit Immobiliengeschäften finanzierte, sollte ins Unkontrollierte wachsen.

„Was die RAF im Politischen, das ist Otto Muehl im Sexuellen: der Punkt, an dem die Sache mit der Befreiung in ihr Gegenteil kippt“, schrieb die Philosophin Isolde Charim nach Muehls Entschuldigungsschreiben.

Die Versuche, mit dem gekippten Künstlerwerk klarzukommen, blieben bis zuletzt wacklig: Während das MAK unter Direktor Peter Noever 2004 eine Schau unter dem Titel „Leben/Kunst/Werk“ ausrichtete und die Kommune explizit als Teil des Ganzen sah, wollte das Leopold Museum 2010 Kunst und Leben trennen. Ein schwieriges Unterfangen bei jemandem, für den die Verschmelzung von Kunst und Leben lange primäres Lebensziel war.

BILDER

Verehrt und verurteilt: Otto Muehl

Er versuchte mit den Mitteln der Kunst gegen die Gesellschaft zu revoltieren und hat dabei Grenzen überschritten und Gesetze verletzt. Otto Muehl war einer der umstrittensten österreichischen Künstler der Zweiten Republik. Otto Muehl wurde am 16. Juni 1925 im burgenländischen Grodnau als Sohn eines Volksschullehrers und einer Hausfrau geboren. 1940 wurde der Gymnasiast zum Landdienst, später zum Reichsarbeitsdienst und zur Wehrmacht eingezogen. 1948-52 absolvierte er ein Lehramtsstudium für Deutsch und Geschichte an der Uni Wien, 1952 begann er ein Studium der Kunstpädagogik an der Akademie der bildenden Künste. Während des Studiums begann er als Zeichenlehrer in einem Kinder-Therapieheim zu arbeiten. In seinen ersten künstlerischen Arbeiten beschäftigte sich Muehl mit der Zerstörung des Tafelbildes und arbeitete an Gerümpelskulpturen. Muehl machte Bekanntschaft mit Günter Brus, Hermann Nitsch, Kurt Kren und anderen, die in der Folge den Wiener Aktionismus prägten oder begleiteten. 1962 entstand das Manifest "Die Blutorgel", im Jahr darauf wurde das "Fest des psycho-physischen Naturalismus" von der Polizei abgebrochen. Nach der Aktion "Kunst und Revolution" (1968) wurde Muehl verhaftet, er verbrachte zwei Monate in U-Haft.
Bild: "Materialaktion" - "Mädchen in Sauermilch und Spiegelei" 1970 wurde die Kommune Praterstraße gegründet, 1972 der burgenländische Friedrichshof erworben. In ihrer Blütezeit um 1983 umfasste die Kommune dort, in zahlreichen Stadt-Dependancen sowie in La Gomera über 600 Personen und verzeichnete auch erstaunliche wirtschaftliche Erfolge.
Bild: Otto Muehl am Friedrichshof, 1980er-Jahre Die konkrete Arbeit an der radikalen Utopie von der Veränderbarkeit der Welt durch Kunst endete jedoch in Chaos, in heftigen Vorwürfen gegen den Errichter eines "despotischen, demütigenden, unterdrückenden Systems" und schließlich vor Gericht. 1991 wurde Muehl wegen Sittlichkeitsdelikten bis hin zur Vergewaltigung, Verstößen gegen das Suchtgiftgesetz und Zeugenbeeinflussung schuldig gesprochen und zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Sechseinhalb Jahre Haft verbüßte er. Nach seiner Entlassung (siehe Bild) lebte er gemeinsam mit einigen Künstlerfamilien in der Art & Life Family-Kommune in Portugal. 2010 entschuldigte er sich anlässlich einer Ausstellung im Wiener Leopold Museum (Bild) erstmals öffentlich.
Bild: MuseumsQuartier mit Fassadenprojektion: Otto Muehl, Jimi Hendrix, 1968, Privatbesitz Er habe sich "in einigen Sachen grundsätzlich geirrt", gab er in einem zur Veröffentlichung bestimmten Brief zu. "Ich habe meine Wirkung als sogenannter Häuptling innerhalb der Kommune unterschätzt. (...) Die Stellungnahme der Jugendlichen damals im Gerichtssaal machte mich fassungslos. ... ... Ich wollte sie befreien und habe sie mit sexueller Überschreitung stattdessen überrumpelt und gekränkt. Es war auf keinen Fall meine Absicht. Ich hoffe, dass sie mir verzeihen. (...) Ich bereue es sehr." Erst jüngst ist durch den Film "Meine keine Familie" von Paul-Julien Robert, der 1979 am Friedrichshof geboren wurde, das gescheiterte Experiment wieder thematisiert worden. Die Sammlung Friedrichshof im burgenländischen Zurndorf ist seit 2010 nach einem Umbau durch Architekt Adolf Krischanitz mit einem Querschnitt von Arbeiten der Wiener Aktionisten Günter Brus, Hermann Nitsch, Otto Muehl und Rudolf Schwarzkogler sowie Wechselausstellungen für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Einschätzung der künstlerischen Bedeutung des Werks von Otto Muehl ist ebenso unterschiedlich wie die von ihm gewählten Ausdrucksformen.
Bild: Dieses Werk von Otto Muehl wurde1998 von "Pornojäger" Martin Humer mit roter Farbe überschüttet. Schon in seiner ersten Aktion "Versumpfung einer Venus" (1963) und seinen folgenden "Materialaktionen" spielte Sexualität und das Herantasten an künstlerische wie gesellschaftliche Tabus eine große Rolle. Bild: Symbolfoto Kaum eine internationale Aktionismus-Ausstellung kommt ohne seine Werke aus, doch schon 1973/74 wandte er sich vom Aktionismus ab und begann wieder zu malen.  Bild: "AMI" (1977), 2004 im Wiener MAK Seither entstanden neben vielen expliziten Darstellungen . . . . . . etwa Siebdrucke mit Politiker-Porträts. Zuletzt arbeitete Muehl an so genannten "Electric Paintings", elektronisch gemalte Collagen, bei denen Einzelfotos von Aktionen am Computer weiterentwickelt wurden, sowie "Excess Art"-Objekte. Ein paar Werke von Otto Muehl:

Bild: "Apotheose des Marcel Duchamp" (1995), Otto Muehl "Hitler und Eva Braun" (1984) und "Hinrichtung" (1984) waren u.a. 2004 in der Ausstellung Otto Muehl "Leben-Kunst.Werk. Aktion-Utopie-Malerei 1960-2004" im MAK in Wien zu sehen. Ex-MAK-Direktor Peter Noever vor einem Muehl-Bild "Hitler" von Otto Muehl wurde 2012 im Museum der bildenden Kuenste in Leipzig ausgestellt. "Living with Pop!" zeigte graphische Werke von Pop-Art-Künstlern der 60er und 70er Jahre. "Geile Träume" aus dem 1996 (li.) und ein Otto Muehl-Selbstporträt von 1997
HINTERGRUND

Späte Entschuldigung bei den Opfern

Otto Muehls Experiment mit der „freien Sexualität“ geriet außer Kontrolle

ARCHIVBILD OTTO MÜHL VOR GERICHT
Foto: APA/WÖlfle M.

Als Anfang der 1970er-Jahre Otto Muehl die Kommunen Praterstraße und zwei Jahre später den Friedrichshof im Burgenland gründete, ging es ihm darum, mit Gleichgesinnten die „freie Sexualität“ zu zelebrieren. Dass der Versuch scheiterte und in schweren sexuellen Übergriffen endete, sollte sich erst 20 Jahre später vor Gericht herausstellen.

1991 wurde Otto Muehl schließlich wegen Sittlichkeitsdelikten einschließlich Vergewaltigung, Verstößen gegen das Suchtgiftgesetz und Zeugenbeeinflussung schuldig gesprochen und zu sieben Jahren Haftverurteilt. Auch seine Frau Claudia musste ein Jahr wegen Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses ins Gefängnis.

Für das Gericht hatte Muehl „Terror ausgeübt, mit Menschen experimentiert“, und die Jugendlichen seien nicht freiwillig in den Kommunen gewesen.

Sechseinhalb Jahre Haft saß Muehl in Österreich ab. Lange Zeit beklagte er nach der Haftentlassung seine Verurteilung. Wörtlich sprach er von einem Justizirrtum.

Späte Einsicht

Erst sehr spät konnte sich Muehl zu einer Entschuldigung bei seinen Opfern durchringen. Im Jahr 2010 schrieb er in einem Brief an die Leiterin des Muehl-Archivs: „Ich bereue es sehr.“ Besonders die Stellungnahmen der Jugendlichen damals im Gerichtssaal hätten ihn fassungslos gemacht.

„Ich wollte sie befreien und habe sie mit sexueller Überschreitung stattdessen überrumpelt und gekränkt“, erklärte Muehl. „Es war auf keinen Fall meine Absicht. Ich hoffe, dass sie mir verzeihen.“

(KURIER) Erstellt am