Ahoi Traumpiraten! Kuss aus Krefeld!

GERMANY MUSIC FOLK MUSIC AWARD
Foto: APA/ANDREAS LANDER Alltagspoesie von Andrea Berg – Sinnsuche zum Mitklatschen.

Hinter 20 Jahren Bühnenerfolg steckt die richtige Mischung aus Lederlook und Lebenshilfe.

Du hast mich 1000-mal belogen/Du hast mich 1000-mal verletzt/Ich bin mit Dir so hoch geflogen/Doch der Himmel war besetzt ...

Pensionistenheim, Landdisco, Ferienclub: Keine Schlagertanzveranstaltung kommt ohne Andrea Bergs Mitklatsch-Herzausschüttung „Du hast mich tausend Mal belogen“ aus. Andrea Berg, gelernte Arzthelferin aus Krefeld in Nordrhein-Westfalen, hat mit ihrer Mischung aus schunkelnden Disco-Rhythmen und Alltagspoesie die Beatles und Michael Jackson überholt: Ihre Best-of-CD blieb in Deutschland 346 Wochen in den Charts, in Österreich sogar 500 – die Beatles schafften in Deutschland nur 297 Wochen, in Österreich 89. Sechs Mal hat Andrea Berg den deutschen Echo gewonnen, mehr als zehn Millionen Tonträger seit ihrem Debüt vor 20 Jahren verkauft.

Zum Bühnenjubiläum der Schlagerkönigin (20.15, ARD) trifft sich der gesamte Hofstaat des Wohlfühl-Genres. Roland Kaiser, Florian Silbereisen, DJ Ötzi, DJ BoBo, Andreas Gabalier. Lionel Richie kommt per Hubschrauber, Kai Pflaume, Birgit Schrowange und Dieter Thomas Heck moderieren.

Verscherbelt

Auf den Fanclubseiten werden die Stunden gezählt, Sinnsprüche gepostet, Andrea-Berg-Autoaufkleber verscherbelt. Jedes deutsche Bundesland hat eigene Fanclubs, auf Facebook hat die bald 47-jährige mehr als 114.000 Fans. Wenige Stunden vor der Ausstrahlung der Show postete sie: „Hallo Traumpiraten! Hip hip hurra!! Heute kommt das Album zur TV-Show mit allen Duetten und zwei DVDs raus! Ja, und ist es bald soweit!!! Morgen Abend 20.15 Uhr im Ersten: Meine Show!!! Freu mich auf Euch!! Dicken Kuss, Andrea“

Ob nun Berg selbst oder engagierte Mitarbeiter die Fangemeinde im Netz betreuen – die Sängerin scheint keine Berührungsängste zu kennen: Im Internet kursieren mehr Fan-Umarmungs-Schnappschüsse als offizielle Fotos, ihre Fans glauben, sie kenne jeden von ihnen mit Vornamen. Berg besucht Kinderkliniken, Hospize und postet Tiervideos. „Du bist mein Vorbild, ich möchte genau wie du werden“ schreibt Facebook-Freundin Anika.

Overknees

Mit rheinischem Dialekt und roter Wallemähne ist Berg – bürgerlich Felber – eine Mischung aus Seelsorgerin und Rockerbraut, die Männer und Frauen jeden Alters anspricht: Steht auf der Bühne mit hautengen schwarzen Lederdressen samt Overknees und wirkt dennoch ungefährlich und kumpelhaft. Ist immens erfolgreich, aber man gönnt es ihr, denn sie scheint am Boden geblieben. Sogar auf den PR-Bildern, wo sie als Mischung zwischen Fee und Domina mit Silberblick dargestellt ist. Gerade richtig viele Augenfältchen hat man ihr wegretuschiert, gerade richtig viele Spuren des Lebens gelassen. Und unter der engen Taille schaut ein kleines Bäuchlein hervor. Sie liebe Schnitzel, sagt sie, wenn sie in Österreich ist.

Lieber Gott, das darf doch nicht sein / Was hier geschieht, ist schrecklich gemein

Glaubwürdig singt sie vom belogen und betrogen werden. Ihre Fans lieben sie, weil sie eine von ihnen zu sein scheint, die ihnen im Partyzelt von der Suche nach Gott und dem Sinn des Lebens vorsingt:

Lieber Gott, das darf doch nicht sein /Was hier geschieht, ist schrecklich gemein /Ich will nie an dir zweifeln, ich will dich nur versteh’n /Bitte gib mir ein Zeichen, lass dich endlich hier sehn.

(kurier) Erstellt am
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