Axl Rose und Angus Young in Wien

© APA/HANS KLAUS TECHT

AXL/DC
05/19/2016

AC/DC: Auf dem Highway in die Altershölle

Die australische Band AC/DC überzeugte mit Axl Rose im Wiener Ernst-Happel-Stadion.

von Georg Leyrer

Es sind die australischen Rocker von AC/DC ja weder für ihre komplexen Beiträge zum öffentlichen Diskurs noch für ihren Überraschungsfaktor bekannt: Seit viereinhalb Jahrzehnten arbeiten sie ein eingängiges Gitarrenriff nach dem anderen ab, das so erwartbar wie unterhaltsam ist; dazu gibt es live Feuershow und Schuluniform und das ist wohlig, weil man es schon so gut kennt. Dachte man zumindest. Am Donnerstag aber hat die Band im überaus gut gefüllten Happel-Stadion etwas völlig Neues geboten.

Und es hat hervorragend funktioniert, obwohl die Vorgeschichte unerfreulich war. Sänger Brian Johnson, seit 1980 dabei, war nämlich recht unsanft entfernt worden: Er wurde, als ihm die Ärzte drohenden Gehörverlust attestierten, per dürrer Mitteilung vom weiteren Mitwirken in der Band ausgeladen. Zumindest eine goldene Uhr, wenn nicht einen ebensolchen Handschlag hätte er sich verdient gehabt; aber ach, die Sitten auch langverdienten Mitarbeitern gegenüber werden rauer. Mit Axl Rose jedoch hat man rasch einen Bruder im Geiste des Kreischgesangs gefunden; ja, dem Axl Rose.

Der Sänger von Guns N’ Roses – einst bekannt für die kürzesten Shorts im Rockbusiness – hat bei der aktuellen Europatournee Johnsons Platz eingenommen. Und auch wenn der innere Teenager fassungslos ist und beharrlich zu widersprechen versucht ("Axl Rose und AC/DC? Ist ja völlig absurd"): Es funktioniert.

Festgesteckt

Man muss es vielleicht erlebt haben, um es zu glauben. Zwar nuschelte Rose zwischen den Songs etwas unmotiviert ("Ich stecke fest!") vor sich hin. Sonst aber entwickelt er eine Entertainer-Fähigkeit, die man dem einstigen Wrack (vor wenigen Jahren musste er bei Konzerten alle paar Minuten ins Sauerstoffzelt) gar nicht zugetraut hätte. Rose ist, und das ist auch eine berichtenswerte Nachricht, im Happel-Stadion sogar phasenweise auf der Bühne gestanden; die ersten Konzerte mit AC/DC hatte er nach einem Knochenbruch vollständig im Sitzen absolvieren müssen, was den Geriatrie-Charakter des ganzen Schauspiels natürlich nicht gerade gemindert hat.

Aber Vorsicht! Die pflückreif herumhängenden Sticheleien gegen das fortgeschrittene Alter – etwa: Die Hells Bells hängen tiefer als früher, haha – der Musiker sind zwar verlockend, aber verfehlen den Punkt. Denn Gitarrist Angus Youngs Berufung zum Bürgerschreck gewinnt mit dem Alter sogar noch an Schlagkraft: Auch mit 61 Jahren hüpft er – Alptraum aller zentralmaturageplagten Schüler! – in der Schuluniform herum, und ja, die Welt ist immer noch so verkorkst, dass das als gültiges Proteststatement durchgeht.

Umso mehr, als der grimassenschneidende Hüpftanz bei jedem Gitarrensolo laut und deutlich sagt: In Würde Altern ist etwas für euch Spießer, ich spiele lieber mit meiner Krawatte ein Solo.

Also bot die Band, mit neuem Sänger und alter Show, hervorragende Unterhaltung, und ließ zuletzt bei "For Those About To Rock" die Kanonen knallen. Rock ist keine Frage des Alters mehr.